Erster Weltkrieg

Das „Manifest der 93“ verhallte wirkungslos

Kriegspropaganda ist umso wirksamer, je grausamer sie ist. So inszenierte die PR-Agentur Hill & Knowlton im Auftrag der kuweitischen Regierung im Vorfeld des Zweiten Golfkriegs 1990 die Lüge, irakische Soldaten hätten in Kuweit Frühgeborene aus Brutkästen gerissen und sterben lassen. Wie wirksam solche Geschichten sind, wußte man auch im Ersten Weltkrieg.

Gräuelmärchen über die sadistischen deutschen „Hunnen“, die mordend, plündert, vergewaltigend und brandschatzend durch das besetzte Belgien zögen, mobilisierten in Frankreich und Großbritannien zum Kampf gegen das Deutsche Reich. Um dieser Agitation entgegen zu treten, veröffentlichten am 4. Oktober 1914 unter dem Titel „An die Kulturwelt!“ 93 deutsche Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle ein Manifest.

In pathetischen Worten wiesen sie „vor der gesamten Kulturwelt“ die Anschuldigungen gegen die kaiserlichen Truppen und den Vorwurf der deutschen Kriegsschuld zurück. Geradezu verzweifelt endete der Text mit dem Appell: „Glaubt uns! Glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.“ Zu den Unterzeichner gehörten unter anderem der Physiker Wilhelm Röntgen, der Schriftsteller Gerhart Hauptmann und der Mediziner Emil von Behring.

Zivilistenerschießungen waren Reaktion auf Partisanenangriffe

Die Rezeption im feindlichen Ausland hatte – wenig überraschend – den gegenteiligen Effekt. Das Schreiben verstärkte das Bild vom arroganten Deutschen. Im neutralen Ausland nahm man die Worte der deutschen Intellektuellen bestenfalls kühl zur Kenntnis.

Deutsche Soldaten als Frauen- und Kindermörder, antideutsche Propaganda aus dem Ersten Weltkrieg Foto: picture alliance/Mary Evans Picture Library

Nachdem deutsche Truppen Anfang August 1914 bei ihrem Vorstoß im Westen Belgien besetzt hatten, war es zu Erschießungen von Zivilisten gekommen. Die deutschen Truppen rechtfertigten ihr Vorgehen als Reaktion auf Partisanenangriffe. Von alliierter Seite wurde bestritten, daß belgische Freischärler aus dem Hinterhalt den Kampf fortsetzen. Als während des weiteren deutschen Vormarschs auch noch die alte Universitätsstadt Löwen zerstört wurde, war das Klischee vom deutschen Barbaren endgültig verfestigt.

Mittlerweile gehen neuere Forschungsarbeiten davon aus, daß es belgische Partisanenaktivitäten im größeren Umfang gab. Das stellte einen Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung dar. So setzte sich im besetzten Gebiet eine unheilvolle Gewaltspirale in Gang, der zahlreiche Zivilisten zum Opfer fielen. Was die alliierte Propaganda daraus machte, spottete jedoch jeder Beschreibung.

Deutsche Propaganda verfehlte ihre Wirkung

So machten in der französischen und britischen Presse Schilderungen von bestialisch verstümmelten und zu Tode gefolterten Frauen und Kindern die Runde. Es wurde immer wieder behauptet, deutsche Truppen hätten belgischen Kindern systematisch die Hände abgeschlagen. Allerdings war diese Art der Verstümmelung im Kongo von belgischen Kolonialherren an den Afrikanern in großem Stil praktiziert worden. Die unter dem Schlagwort von der „Schändung Belgiens“ verbreitete Propaganda verfehlte ihre Wirkung dennoch nicht. Noch lange nach dem Ersten Weltkrieg lebten die Schauergeschichten in der Vorstellungswelt fort. Einige Jahre später sollte sich der Kriegsteilnehmer Adolf Hitler in „Mein Kampf“ daran erinnern, daß er insbesondere von der britischen Propaganda viel über die Manipulation der Massen gelernt habe.

Gegenüber den bluttriefenden und oftmals mit verstörenden sexuellen Details angereicherten Schilderungen wirkte das „Manifest der 93“ wie ein hilfloser Appell an das neutrale Ausland. Ebenso wirkungslos war auch die deutsche Propaganda. Statt Gräuelgeschichten präsentierte sie Hohn und Spott über die Feindnationen, die als schwächliche Gegner dargestellt wurden. Dies führte dazu, daß sich die Heimatfront wunderte, warum der angeblich minderwertige Feind nicht niedergerungen werden konnte. Infantile Reime wie „Jeder Schuß ein Ruß, jeder Tritt ein Britt, jeder Stoß ein Franzoß“ taugten nicht dazu, den Haß auf den Feind zu schüren.

Deutschlands Kaiser Wilhelm II., der blutrünstige Tyrann, wie ihn die Kriegsgegner sahen, amerikanisches Propagandamotiv aus dem Ersten Weltkrieg Foto: picture-alliance / akg-images

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