Nach 1968 in einer inneren Emigration

Vor fast zehn Jahren starb der Historiker Heinz Gollwitzer (1917—1999), ohne außerhalb der Wissenschaft Aufmerksamkeit erregt zu haben, und selbst in der Zunft nahm man dies eher geschäftsmäßig zur Kenntnis. Das erste hatte damit zu tun, daß Gollwitzer die Öffentlichkeit mied, das zweite erklärt seine Randstellung in der Disziplin, eine Art innere Emigration, die er gewählt hatte, weil ihm die linke Politisierung der Universität zuwider war. Das darf man jedenfalls dem kenntnisreichen Vorwort eines jüngst erschienenen Sammelbandes mit Aufsätzen von Gollwitzer entnehmen, das Hans-Christof Kraus, Ordinarius für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Passau, als Herausgeber verfaßt hat (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 77). Kraus schildert den Werdegang Gollwitzers, der, Jahrgang 1917, unter den erschwerenden Umständen von Krieg und Nachkrieg seine akademische Karriere begann, und dann, nachdem er 1958 einen Lehrstuhl in Münster erhalten hatte, unvermittelt in die Konflikte der sechziger Jahre geriet. Was die neuen ideologischen Fronten bedeuteten, muß Gollwitzer spätestens klargeworden sein, als er in der Historischen Zeitschrift den Nachruf für seinen Lehrer Karl-Alexander von Müller verfaßte, dessen Engagement in der NS-Zeit er zwar nicht verschwieg, aber doch mit einem gewissen Verständnis behandelte. Die Angriffe, denen Gollwitzer daraufhin ausgesetzt war, verdankten ihre Wirkung einer neuen Intoleranz, die die Universitäten zu erobern begann und in der Studentenrevolte gipfelte. Als Konservativer sah er weder die Möglichkeit des Arrangements, noch wollte er die Hochschule verlassen, weil ihm die Arbeit als Historiker Daseinserfüllung  war. Kraus zitiert mehrfach aus den autobiographischen Notizen Gollwitzers, die offenbar ein wichtiges Dokument der Geschichte von 1968 aus Opferperspektive sind, verweist auch auf politische Querverbindungen — etwa zu Armin Mohler — betont aber gleichzeitig Gollwitzers durch Temperament und Selbstverständnis als Wissenschaftler bedingte Zurückhaltung. Die Wiederveröffentlichung von Aufsätzen und kleineren Monographien Gollwitzers hält Kraus vor allem für notwendig, weil deren Ergebnisse für das historische Verständnis erhebliches leisten können. In vielen Fällen hat er, der zu den bedeutenden Historikern des 20. Jahrhunderts gerechnet werden muß, Perspektiven aufgewiesen, die noch einer (Wieder-)Entdeckung und Auswertung harren. In den vier Abschnitten des vorliegenden Bandes (Weltpolitik und internationale Beziehungen — Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert — Vergleichende Politik — Aus dem Zeitalter Maximilians I.) nehmen jene Arbeiten den größten Raum ein, die sich mit der politischen und der Geistesgeschichte der beiden vergangenen Jahrhunderte befassen; relativ kurz fällt aus, was die Reichspolitik am Beginn der Neuzeit betrifft, wenngleich Gollwitzer auch auf diesem Feld umfassende Forschung geleistet und editorisch gearbeitet hat. Hervorzuheben sind aber in erster Linie jene Untersuchungen, die Gollwitzers Hauptwerk, die zweibändige Geschichte des weltpolitischen Denkens (1972 bis 1982), flankieren. Hingewiesen sei auf die Ausführungen zur ideologischen Blockbildung seit dem 19. Jahrhundert — also lange vor dem Kalten Krieg —, zum Problem der internationalen Parteigängerschaft und auf die beiden Aufsätze, die sich mit den Weltanschauungsfronten des Ersten Weltkriegs befassen. Gegen die übliche Betrachtungsweise rückte Gollwitzer die fast vergessene Sympathie für Deutschland auf seiten der Neutralen in den Blick und arbeitete die Differenz zwischen der aggressiven ideologischen Konzeption der Entente und der defensiven des Reiches heraus. Der Aufsatz „Für welchen Weltgedanken kämpfen wir?“ ist ein besonders gutes Beispiel für die Methode Gollwitzers, der allen stereotypen Interpretationen mißtrauisch begegnete und Sonderwegsthesen schon deshalb mit Skepsis sah, weil er ein umfassendes Bild der ideologischen Entwicklung in den verschiedenen Ländern besaß. Das erklärt auch, warum er einerseits das Scheitern eines deutschen Weltgedankens für zwangsläufig hielt — die nationale Integration war in der Hochimperialismusära nicht weit genug gediehen — andererseits klarstellte, daß sich eine deutsche geistesgeschichtliche Priorität für keine der spezifisch faschistischen Vorstellungen ermitteln lasse. Ähnlich überraschend wie solche Interpretationen dürften die Ausführungen Gollwitzers zum politischen Germanismus sein, der ungewohnte Sachverhalte in den Blick rückt, und die Erwägungen zur Bedeutung von Kampfbünden und Wehrverbänden in Österreich und Deutschland während der Zwischenkriegsjahre. Im Grunde zeigen sich hier schon Überschneidungen mit einem weiteren Forschungsgebiet Gollwitzers: der komparativen Betrachtung historischer Phänomene. Dem sind drei Beiträge des Sammelbandes gewidmet, die sich mit der Bauerndemokratie des 20. Jahrhunderts und der Bedeutung der Monarchie im parlamentarischen Staat befassen. Gollwitzers Laufbahn war nicht ohne öffentliche Anerkennung, zumindest sein letztes großes Werk, die Biographie Ludwigs I. von Bayern, fand allgemeines Lob, und er hat eine Reihe von Schülern herangezogen, die von ihm angeregt, wichtige Untersuchungen abgefaßt haben. Trotzdem war seine Wirkung eine deutlich begrenzte. Wenn sich daran aufgrund der Wiederveröffentlichung einiger seiner Arbeiten etwas ändert, wäre das nur zu begrüßen. Hans-Christof Kraus (Hrsg.): Heinz Gollwitzer — Weltpolitik und deutsche Geschichte. Gesammelte Studien. Vandenhoeck&Ruprecht, Göttingen 2008, gebunden, 624 Seiten, 69,90 Euro

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