Es ging um die Vernichtung des Bürgertums

Die Jüdeweiner Kirche in der einstigen Kreisstadt Pößneck in Thüringen war bis auf den letzten Platz besetzt, als am Abend des 16. September der Erfurter Historiker Jan Schönfelder sein Buch über die Verfolgungsgeschichte der Jungen Gemeinde vorstellte. Um dieses Buch, das 2007 unter dem Titel „Klassen-Kampf“ in der Evangelischen Verlagsanstalt/Leipzig erschienen ist und inzwischen die dritte Auflage erreicht hat, sind bereits im Vorfeld der Vorstellung heftige Auseinandersetzungen geführt worden. So hatte Sabine Kräker von der örtlichen Bibliothek den Autor trotz fest vereinbarter Lesung im Sommer dieses Jahres wieder ausgeladen. Wie der Ostthüringer Zeitung (5. Juli) zu entnehmen war, erfolgte die unerwartete Absage nach der „Beschwerde eines älteren Nutzers“, hinter der, wie betroffene Schüler von 1952/54 vermuten, ein ehemaliger Lehrer ihrer Schule steht. Die Kirchenverfolgung und die Ausgrenzung glaubensstarker Christen aus dem öffentlichen Leben ist eines der spannendsten und zugleich kaum erforschten Kapitel der frühen DDR-Geschichte bis zum Mauerbau 1961. Die Jungen Gemeinden der Evangelischen Kirchen in Mitteldeutschland konnten 1949/50 auf die stolze Zahl von etwa 100.000 Mitgliedern verweisen, denen, wie allen anderen DDR-Christen auch, nach der Verfassung vom 7. Oktober 1949 „Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie ungestörte Religionsausübung“ zugesichert worden war. Aber bereits wenige Jahre später, verstärkt nach dem im Juli 1952 von Walter Ulbricht verkündeten „Aufbau des Sozialismus“, wurde der militant betriebene Atheismus der DDR-Regierung massiv gegen christlich orientierte Oberschüler und zugleich gegen ihre aus dem „bürgerlichen Lager“ kommenden Lehrer eingesetzt. Anhaltendes Schweigen zu damaligen Vorfällen So wurde schon im Frühjahr 1953, noch vor dem Aufstand des 17. Juni, die Junge Gemeinde als „illegale Agenten- und Spionageorganisation“ beschimpft, wofür jeglicher Beweis fehlte. Etwa 3.000 Oberschüler und Studenten, die zu ihrer Kirche standen, sollen damals der Schule und der Universität verwiesen worden sein, auch Verhaftungen kamen vor und, weil Eltern ihren Kindern die Zukunft nicht verbauen wollten, die Flucht in den Westen als letzter Ausweg. Alle diese unerhörten Vorgänge von 1952/54, die die Einwohner Pößnecks auch nach 55 Jahren noch in Aufregung versetzen können, wurden den rund 200 Zuhörern von Schönfelder in seinem Einleitungsvortrag erläutert, wobei er auch auf die Motive einging, die ihn bewegt hätten, dieses Buch zu schreiben: einmal die Auseinandersetzung mit einer kirchlichen Ausstellung 1992 über die „systematische Verfolgung christlicher Oberschüler“ und dann 2003 die bevorstehenden Veranstaltungen zum 50. Jahrestag des 17. Juni 1953. Merkwürdig berührt hätten den 33jährigen Historiker auch Leserbriefe in der Ostthüringer Zeitung zur Jungen Gemeinde und das anhaltende Schweigen der Pößnecker Bürger über damalige Vorfälle an der Ernst-Thälmann-Oberschule. Insgesamt wurden damals im DDR-Bezirk Gera 138, im Kreis Pößneck selbst 32 Schüler vom Abitur ausgeschlossen. Mit dem „neuen Kurs“ aber, der der DDR-Führung aus Moskau diktiert worden war, wurden diese Disziplinarstrafen am 10. Juni 1953 weitgehend rückgängig gemacht, was die Schülereltern für wenige Wochen in trügerischer Sicherheit wiegte. Denn nach der Niederschlagung des Aufstands wurden die alten Machtverhältnisse restauriert und die politische Verfolgung christlicher Schüler und Lehrer erneut und mit größerer Vehemenz aufgenommen. Die Mitgliederzahlen der Jungen Gemeinden waren rückläufig bis zum Mauerbau 1961, auch wenn die Kirchen den Jugendlichen ein attraktiveres Freizeitangebot machen konnten als der stramm marxistisch ausgerichtete Staatsjugendverband und ihnen ein „Refugium für kritisches Gedankengut“ bot. Pößneck ist ein Beispiel für die gesamte DDR Erst unter Erich Honecker gewann die Evangelische Kirche nach 1971 wieder stärkere Anziehungskraft bei den Jugendlichen, weil sie ihnen einen Freiraum für oppositionelles Denken bot, den auch kirchenferne Jugendliche nutzten. Andererseits hatte das Ministerium für Staatssicherheit inzwischen auch subtilere Methoden entwickelt, in kirchliche Kreise einzudringen und sie von innen zu zersetzen. Es gab dann auch schon eine Reihe staatstreuer Theologen wie Gerhard Bassarak und Heinrich Fink, die als „inoffizielle Mitarbeiter“ über innerkirchliche Vorgänge berichteten. In Einzelfällen soll es schließlich auch hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter gegeben haben, die „im Parteiauftrag“ Theologie studierten und Pfarrer wurden, um quasi zwei Herren zu dienen. Um den christlichen Glauben von Pößnecker Schülern und Lehrern sei es damals überhaupt nicht gegangen, erklärte in der Diskussion ein ehemaliger Ernst-Thälmann-Schüler, der nach dem Schulverweis „Republikflucht“ beging und in Geislingen bei Stuttgart das Abitur ablegte. Es sei vielmehr um die Ausschaltung, Vertreibung und Vernichtung des Bürgertums gegangen, das nicht bereit gewesen sei, am „Aufbau des Sozialismus“ mitzuarbeiten. Deutlich wurde das in diesem Buch am Schicksal zweier Schülerväter, des Zahnarztes Fritz Kaergel und des Arztes Rudolf Kanzler, die eine Tochter und drei Söhne auf der Oberschule hatten, die heute Gymnasium am Weißen Turm heißt. Sie gehörten zu den Unterzeichnern eines Briefes an Ministerpräsident Otto Grotewohl (SED) in Ost-Berlin, worin sie über den Machtmißbrauch örtlicher Funktionäre Klage führten. Eine Antwort erhielten sie nie, stattdessen wurde gegen sie wegen ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ermittelt, was die Flucht beider Ärzte nach West-Berlin auslöste. Pößneck 1953 ist ein abschreckendes Beispiel für die militante SED-Kirchenpolitik vor 1961, aber solche Vorgänge, die noch aufzuarbeiten sind, hat es an allen DDR-Oberschulen zwischen Greifswald und Hildburghausen gegeben.

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