Ungleichheit als rechtes Prinzip

Unter dem flotten Titel „Der Nichtnazi. Alain de Benoist und das Manifest der Nouvelle Droite“ erschien im Sommer 2005 im linken Theorieorgan Berliner Debatte Initial eine Polemik Hartwig Schmidts gegen den französischen Theoretiker. Argumentation und Stil bezeugten, auf welches Niveau die Linke inzwischen bei Auseinandersetzungen abgerutscht ist, die sie für intellektuell hält. Wohl um das von Schmidt derart ramponierte Ansehen linker Diskurskultur wieder aufzupolieren, hat sich nun Michael Böhm erneut mit dem als Exponenten des europäischen Rechtsradikalismus abgetanen Alain de Benoist befaßt (Berliner Debatte, 6/06). Böhm distanziert sich in diesem Essay scharf von der Suada Schmidts, und er ist bestrebt, die wesentlichen Denkfiguren de Benoists nüchtern herauszuarbeiten. Es ist der erste ernsthafte deutsche Beitrag zur Benoist-Rezeption aus dezidiert linker Perspektive. Dabei ist Böhm zunächst bestrebt, mit den in seinen Kreisen kursierenden, von Schmidt wieder aufgefrischten Legenden über den Ursprung der „Neuen Rechten“ in Frankreich aufzuräumen. Die Nouvelle Droite sei keine Antwort auf den Pariser Mai des Jahres 1968, der Groupement de recherche sur les études de la civilisation européenne (GRECE) als rechtes „Netzwerk“ mithin keine plumpe Reaktion auf liberale wie marxistische Visionen zur Gesellschaftsveränderung. Benoists Kulturphilosophie als Bauplan für Europa Die GRECE-Wurzeln reichten weiter zurück, bis in die Zeiten der Algerienkrise. Die Entlassung Algeriens in die Unabhängigkeit (1962) und der parallel unter de Gaulles Präsidentschaft sich vollziehende Umbau des agrarischen Frankreichs in eine Industriegesellschaft – das seien die Umwälzungen, auf die rechte Intellektuelle, unter ihnen der junge Gymnasiast de Benoist, reagiert hätten. Für Böhm ergibt sich daraus eine aus der Geschichte der deutschen Konservativen Revolution bekannte Konstellation: Nouvelle Droite und der „Mai 68“ verhielten sich bezogen auf die kapitalistische Industriegesellschaft wie „zwei verfeindete Brüder“: „Beide entstammen dem gerade errichteten Elternhaus des modernen Kapitalismus – nur daß sie zwei verschiedene Ausgänge wählten.“ Daß der von de Benoist gewählte Ausgang aber nicht in jener gesellschaftspolitischen Sackgasse endete, in der inzwischen alle linken „Projekte“ vom europäischen Zentralismus bis zum Multikulturalismus stecken, diesen Schluß darf man aus Böhms Nachzeichnungen der Nouvelle-Droite-Positionen wohl ziehen. Sei die Politik der Brüsseler Eliten von jeher vom Geist der Nivellierung beherrscht, gehorche de Benoist seinem „Faible für die Differenz“. Damit folge er dem „kulturellen Relativismus“ der stets anti-imperialistisch fundierten Schriften des Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Der wiederum vertrete seit fünfzig Jahren die These, daß es keine Hierarchie unter den Kulturen geben könne. Damit entfalle jede Legitimation, vermeintlich „primitive“ Kulturen mit den Errungenschaften der westlichen Zivilisation zu beglücken: also auch nicht, wie Lévi-Strauss und de Benoist dekretieren, mit den „Menschenrechten“, die das Potential enthielten, jede kulturelle Differenz zu zerstören. Folgerichtig engagiere sich de Benoist in der Gesellschaft für bedrohte Völker, einer ursprünglich linken, anti-kolonialistischen Domäne. Zwanglos ergibt sich aus dieser Disposition auch die Überzeugung von der Höherwertigkeit der Gruppen- gegenüber den Individualrechten. Konsequent sei es dann auch, die Ablehnung der liberalen Gleichheitsideologie auf das Christentum zu erstrecken und Sympathien für den antiken Paganismus zu pflegen. Dies als „neonazistische Heidentümelei“ zu deuten, so Böhm, geschehe nur in „denunziatorischer Absicht“. Die „Ungleichheit als rechtes Prinzip“ stehe also im Zentrum von de Benoists Denken. Dieses lasse sich aber im anschwellenden Chor der Kritiker des europäisch-nordamerikanischen Universalismus schon lange nicht mehr als „rechtsextreme“ Narretei abtun. De Benoist verfüge mit seiner föderalistisch orientierten Kulturphilosophie vielleicht sogar über den Bauplan für die europäische Zukunft, wie ihn sämtliche „Verfassungsentwürfe“ offenkundig nicht böten. Und de Benoist könne heute auf eine Phalanx von Kritikern der nivellistischen Menschenrechtsideologie verweisen, die Böhm ausführlich paraphrasiert. Gegen die Radikalität, wie sie etwa der indische Philosoph Raimon Panikkar an den Tag lege, dem zufolge sich hinter den eurozentrischen Menschenrechten nur die „panmonetäre Ideologie des europäischen Individualismus“ verberge, nehme sich de Benoists Position fast moderat, keineswegs „extrem“ und schon gar nicht „rechtsextrem“ aus.

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