AfD Alternative für Deutschland Wahlkampagne

 

Etappen des Scheiterns

Westdeutschland 1957. Das Saarland wird zehntes Bundesland, die ersten Wehrpflichtigen der neuen Bundeswehr treten ihren Dienst an, in der TH München wird der erste deutsche Atomreaktor in Betrieb genommen, die Bevölkerung diskutiert über den sowjetischen „Sputnik-Schock“, verschiedene Wirtschaftszweige führen die Fünf-Tage-Woche mit Verkürzung der Arbeitszeit auf 45 Stunden ein, Helmut Schelsky veröffentlicht sein großes soziologisches Werk über „Die skeptische Generation“, die Zahl der Selbstmorde seit Kriegsende erreicht die Marke 200.000. Und am 27. Oktober entsteht aus den Vorgängerverbänden Bund der vertriebenen Deutschen (BVD) und Verband der Landsmannschaften (VdL) der Bund der Vertriebenen (BdV).

Die fast 13 Millionen deutschen Vertriebenen verfügten damit gut ein Jahrzehnt nach Kriegsende erstmals über einen Dachverband. Nachdem die alliierten Militärregierungen ihre ersten Organisationsversuche in den Jahren 1946/47 noch unterbunden hatten – man befürchtete angesichts des beträchtlichen Unruhepotentials gerade dieser Bevölkerungsgruppen das Entstehen einer mächtigen „revisionistischen“ Bewegung -, waren bald Zusammenschlüsse auf Länderebene möglich. Der Schwerpunkt der Aktivitäten lag zunächst eindeutig auf den Bemühungen zur Familienzusammenführung durch den Aufbau von Heimatortskarteien und Suchdiensten.

Im Jahre 1949 folgten zwei bundesweite Verbandsgründungen unter Führung von Linus Kather und Rudolf Lodgman von Auen. Die völlige Mittellosigkeit der Flüchtlinge und die chaotischen Lebensumstände der Nachkriegszeit hemmten die Bemühungen um Einflußnahme jedoch ebenso wie die erheblichen internen Meinungsverschiedenheiten. Während sich der BVD beispielsweise eher als politische Interessenvertretung mit dem Ziel der Wiedererlangung der Heimatgebiete verstand, konzentrierte sich der VdL auf kulturelle und soziale Belange.

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Integration und Assimilation in Westdeutschland

Viele Schlesier, Pommern, West- und Ostpreußen, Sudeten- oder Ungarndeutschen etc. glaubten anfangs, sehr bald in ihre Heimat zurückkehren zu können. Doch die meisten hatten vor allem eines im Sinn: ihr Überleben und dann die Teilhabe am westdeutschen „Wirtschaftswunder“. Letzteres war besonders schwierig, zumal man sich noch bis in die sechziger Jahre zahlreiche Flüchtlingswitze und Schimpfworte seitens der alteingesessenen Bevölkerung anhören mußte.

Von „Rucksackdeutschen“, „Beutedeutschen“ oder „Polacken“ war dann die Rede, und ein charakteristischer Witz lautete: „Wer ist der erste Vertriebene? Antwort: Der Mond – er kommt aus dem Osten und hat einen Hof.“ Daneben gab es aber auch eine außerordentliche Solidarität gegenüber diesen vom Krieg besonders gebeutelten Deutschen, ohne die die Aufnahme und Integration einer solch gewaltigen Zahl von Flüchtlingen in einem zerstörten Land unmöglich gewesen wäre.

Der schlesische Volkskundler Josef Hanika schrieb bereits in den fünfziger Jahren von der „Herausbildung einer neuen Gemeinsamkeit“ durch die angestammte Bevölkerung und die hinzugekommenen Vertriebenen. Falk Wiesemann stellte in einer Publikation von 1985 zu Recht fest, „daß es weniger eine Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen in die Bundesrepublik gegeben hat, sondern daß eher umgekehrt die Bundesrepublik im Grunde selber erst das Ergebnis dieses erfolgreichen Integrationsprozesses ist“.

In den Schulklassen ließ sich schon in den sechziger Jahren nur noch schwer feststellen, wer aus einer Flüchtlingsfamilie kam und wer Einheimischer war. Spätestens um 1970 war der Integrationsprozeß dann fast abgeschlossen – zum wirtschaftlichen Wohle des Landes, jedoch nicht unbedingt zum politischen Nutzen des Bundes des Vertriebenen. Denn eine existentielle materielle Notwendigkeit zur Rückgewinnung der alten Siedlungsgebiete im Osten und Südosten bestand fortan nicht mehr.

Auch auf der Gefühlsebene richteten sich immer mehr Vertreibungsopfer auf einen Verbleib in der „neuen Heimat“ ein. Von ihren Organisationen wurden sie eher zu dieser weitgehenden Anpassung ermuntert, statt mit einer gezielten Separierung, sprich: der Herausbildung einer umfassenden ostdeutschen bzw. sudentendeutschen oder auch donauschwäbischen Parallelgesellschaft, der absehbaren Assimilation entgegenzuwirken.

Angesichts der Dynamik der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft wäre dieser Denkansatz zugegebenermaßen nur sehr schwer umzusetzen gewesen. Auf jeden Fall gibt es aber zu denken, wie wenigen Vertriebenen es gelungen ist, die Erinnerung an die geraubte Heimat, geschweige denn einen unbedingten Rückkehrwillen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben.

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Nur wenige bedeutende Vorsitzende

Der BdV verfügte nur über wenige bedeutende Vorsitzende – allen voran Wenzel Jaksch (1964-1966), der charismatische Führer der sudetendeutschen Vorkriegssozialdemokratie, und Herbert Czaja (1970-1994). Außerdem litt er zunehmend unter den Folgen seiner engen parteipolitischen Bindungen, die ihn seit Willy Brandts „Neuer Ostpolitik“ zu einem bloßen Anhängsel von CDU/CSU herabwürdigten. Daß es eine enge personelle Verbindung von Vertriebenenfunktionären zum Dritten Reich gegeben habe, wie dies eine Bundestagsanfrage der Linkspartei von 2006 mit einer behaupteten Zahl von 200 belasteten früheren NSDAP-Mitgliedern suggeriert, ist falsch.

Tatsächlich waren die Landsmannschaften nach den Worten der seit 1998 amtierenden BdV-Präsidentin Erika Steinbach ein Spiegelbild der seinerzeitigen Gesellschaft. Steinbach bemängelt immer wieder die vielen haltlosen Vorwürfe und unseriösen Veröffentlichungen über ihre Organisation und regt Forschungsarbeiten darüber an, „in welchem Ausmaß die DDR und andere östliche Dienste den BdV ausgespäht und durch Desinformation die westdeutsche Haltung zu den Vertriebenen beeinflußt haben“.

Die entschiedene Haltung des 1914 in Teschen im damaligen Österreichisch-Schlesien geborenen Herbert Czaja (dessen Weigerung, in die NSDAP einzutreten, ihm nach dem siegreichen Polenfeldzug der Wehrmacht seine Assistentenstelle an der Universität Krakau gekostet hatte) war in der bundesdeutschen Politiklandschaft die große Ausnahme. Der katholische Oberschlesier Czaja stimmte am 21. Juni 1990 zusammen mit mehreren CDU/CSU-Fraktionskollegen aus „völkerrechtlichen Gründen und wegen der Verletzung des Selbstbestimmungsrechts des deutschen Volkes“ gegen die von seiner eigenen Fraktion mit eingebrachte interfraktionelle Gemeinsame Entschließung zur deutsch-polnischen Grenze, die die Oder-Neiße-Grenze als deutsche Ostgrenze bezeichnet.

Außerdem votierte er unter anderem gegen den Zwei-plus-Vier-Vertrag, weil auch dieser das Selbstbestimmungsrecht der Ostdeutschen nicht berücksichtige, und scheiterte im September 1990 mit einem Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Anordnung beim Bundesverfassungsgericht gegen die Beratung des Einigungsvertrages im Bundestag.

Unabhängigkeit wurde durch Parteienbindung eingebüßt

Schon 1969 hatte er in seinem Buch „Ausgleich mit Osteuropa“ gemahnt: „Weder eine totale Kapitulation bezüglich berechtigter deutscher Interessen noch die totale Erfüllung der slawischen – zum Beispiel der polnischen – Visionen (…) dürften zu einem dauerhaften Frieden führen.“ In seinem lesenswertesten Buch „Unterwegs zum kleinsten Deutschland? Mangel an Solidarität mit den Vertriebenen – Marginalien zu 50 Jahren Ostpolitik“ (Frankfurt/Main 1996) kritisierte der seit der Ratifizierung der ersten Ostverträge 1972 tief enttäuschte Czaja dann vor allem, daß die machthabenden bundesdeutschen Politiker nach dem Umbruch von 1989/90 nicht einmal den Versuch machten, territoriale Kompromißlösungen auszuhandeln.

Czajas Klagen über die fehlende Unterstützung der westdeutschen Politik für die Anliegen der Vertriebenen und die „historische Schuld des Genscherismus“ sind allerdings nur eine der Erklärungen für die heutige Marginalisierung des BdV. Die anderen haben sich die Vertriebenenfunktionäre selbst zuzuschreiben. Denn sie waren es, die darauf hinwirkten, daß der Verband bald am finanziellen Tropf der öffentlichen Hand hing. Darüber hinaus tragen sie die Verantwortung dafür, daß sich die landsmannschaftlichen Aktivitäten zunehmend auf die Brauchtumspflege beschränkten, daß man sich mit politischen Sonntagsreden abspeisen oder mit den vermeintlichen „völkerrechtlichen Ansprüchen auf die Grenzen des Deutschen Reiches von 1937“ stillhalten ließ.

Weitblickende Pläne für den „Tag X“ nach einer Öffnung nicht nur der innerdeutschen Grenzen, sondern auch jener zu Polen und zur Tschechoslowakei gab es nicht. Konzepte über langfristige politische Einwirkungsmöglichkeiten etwa jener Tausenden von Aktivisten der Deutschen Jugend des Ostens (DJO) der späten sechziger Jahre existierten ebenfalls nicht, und auch eine die verschiedenen Landsmannschaften übergreifende Bündelung der publizistischen Organe sowie der zeitweise beträchtlichen Finanzmittel fehlte.

Statt dessen wurstelte man im Rahmen der jeweiligen Landsmannschaften an Sonderinteressen herum, hielt viel zu lange an perspektivlosen Heimatblättern mäßigen Niveaus fest und verkannte die Möglichkeiten, grenzüberschreitend mit anderen Vertriebenenorganisationen eine Art Internationale zur Verwirklichung des Heimatrechts zu bilden.

Selbst die wissenschaftliche Deutungshoheit über die ostdeutsche Geschichte wurde durch mangelhafte wissenschaftspolitische Initiativen aus der Hand gegeben und wird heute teils von offiziösen, meist polonophil ausgerichteten Institutionen wie dem Deutschen Historischen Institut (DHI) in Warschau beansprucht. Kenner der Materie wie Matthias Stickler in seiner Habilitationsschrift „Ostdeutsch heißt Gesamtdeutsch. Organisation, Selbstverständnis und heimatpolitische Zielsetzungen der deutschen Vertriebenenverbände 1949-1972“ (Düsseldorf 2005) bewerten die Historie der deutschen Vertriebenenverbände folgerichtig als eine Geschichte des politischen Mißerfolgs (JF 15/05).

Zentrum gegen Vertreibungen ist das letzte große Ziel

Auch die nach der Wiedervereinigung mögliche Signalwirkung, die von einer Verlegung der BDV-Bundesgeschäftsstelle nach Berlin oder der Büros der Landsmannschaften Schlesien und Pommern nach Görlitz bzw. Greifswald ausgegangen wäre, wurde verpaßt. Nicht zuletzt leistete man kaum konkrete Aufbauarbeit jenseits von Oder und Neiße im Sinne einer Pflege der dortigen deutschen Kultur, der Unterstützung heimatverbliebener Minderheiten und einer koordinierten Rückkehrförderung einzelner Bundesbürger.

Wenn überhaupt, dann tun sich heute andere, unabhängige und häufige kleine Organisationen und Zeitschriften auf diesen Aufgabenfeldern hervor. Jenseits der üblichen deutsch-polnischen oder deutsch-tschechischen Schönwetterfloskeln mangelte es den Vertriebenenorganisationen an einem Pragmatismus, der aus Sorge vor einem Totalverlust des ostdeutschen Erbes zu strategischen Kompromissen – vor allem in der Eigentumsfrage – bereit gewesen wäre. Anstelle aussichtsloser Entschädigungsklagen müßte die Durchsetzung eines Rückkehrrechts zu vertretbaren Bedingungen stehen.

Selbst Herbert Hupka, der neben Czaja wichtigste Vertriebenenpolitiker der letzten Jahrzehnte, spart in seinem 2006 erschienenen Werk „Schlesien lebt. Offene Fragen – kritische Fragen“ nicht mit Selbstkritik an den Landsmannschaften und dem BdV, wenn er diesen vorwirft, zu sehr zurückzuschauen und den Blick für die aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen in den Heimatgebieten weitgehend zu verschließen.

Nach der Wende bekam man noch einige repräsentative ostdeutsche Landesmuseen finanziert, ohne deren Tätigkeit wirklich steuern und beispielsweise um eigene gegenwarts- und zukunftsgerichtete Inhalte ergänzen zu können. Die heimatpolitische Arbeit wurde endgültig „musealisiert“. In der Wahrnehmung der veröffentlichten Meinung ist der BdV längst ins Nirwana gefallen. Auch als Wählerklientel gelten die Vertriebenen und Flüchtlinge mittlerweile als unwichtig. Die rasante Abnahme der Mitgliederzahlen macht ihre Vereinigungen vollends von staatlichen Zuwendungen abhängig (allein zwischen 2001 und 2006 verringerten sich die Beitragsleistungen an den BdV um die Hälfte).

Der als quasi letztes großes Ziel verbleibende Einsatz für ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin ist, bei all seiner Berechtigung und geschichtspolitischen Notwendigkeit, nur der Schlußpunkt einer Strategie der Anpassung, der Abhängigkeit und der zunehmenden Entpolitisierung.

Der Bund der Vertriebenen im Internet

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