Wenn der Haushalt das Kommando führt

Auf Weisung von Verteidigungsminister Peter Struck wurde am 9. August 2005 das Marinefliegergeschwader 2 in Kiel außer Dienst gestellt (JF 28/05) Damit verliert die Marine ihren einzigen Luftkampfverband nach 47 Jahren Flugbetrieb und mit einer Flugleistung von 350.000 Stunden. Die Begründung des Ministers war eher vage: „Wir denken, daß es keinen Sinn mehr macht, ein eigenes Marinefliegergeschwader zu haben. Das Marinefliegergeschwader soll in die Luftwaffe integriert werden.“ Um die Bedeutung dieser Maßnahme ermessen zu können, ist ein Blick zurück nötig. Der Erste Weltkrieg brachte die Einführung zweier neuer Waffensysteme, die die gesamte Seekriegführung revolutioniert und bis heute maßgeblich verändert und geprägt haben: das U-Boot und das Flugzeug bzw. Zeppelin. Während das U-Boot zweifelsfrei eine Waffe des Seekrieges war, gab es in den einzelnen Staaten unterschiedliche Auffassungen darüber, wie das Flugzeug am zweckmäßigsten im Seekrieg einzusetzen sei, ob als Bestandteil der Marine oder selbständiger Heeresteil. Wie in den USA und Japan hatte auch in Deutschland die Kaiserliche Marine die alleinige Verfügungsgewalt über ihre Luftstreitkräfte. „Das Flugzeug gehört zu einer modernen Flotte“ Gestützt auf die insgesamt positiven Erfahrungen „im Weltkrieg“ erhoben später Reichs- und Kriegsmarine Anspruch auf eigene Marinefliegerverbände. Da der Versailler Vertrag Deutschland die militärische Luftfahrt verbot, konnten die ersten Marinefliegerstaffeln offiziell erst 1935 aufgestellt werden. Die im gleichen Jahr als selbständiger Wehrmachtsteil neu gegründete Luftwaffe, wurde von der Marine abgelehnt. Generaladmiral Raeder stellte in einem Vortrag am 3. Februar 1937 fest: „Das Flugzeug (erweitert) in erster Linie durch seine Eigenschaften als Aufklärer und als zusätzliche Angriffswaffe wesentlich die Operationsmöglichkeiten einer Flotte. Das Flugzeug gehört deshalb ebenso wie das Geschütz, der Torpedo, die Mine und die verschiedenen Schiffstypen organisch zu einer modernen Flotte.“ Die Antwort Hermann Görings stand dem allerdings entgegen: Das Betreiben der Marineflieger unter dem Dach der Luftwaffe würde eine „Ersparnis an Personal, Material und Geld“ bedeuten. Göring setzte sich durch. Der Luftwaffe wurde die Zuständigkeit für die Führung des Seekrieges aus der Luft übertragen. So wurde der Seekrieg von zwei völlig unterschiedlichen Kommandoebenen aus betrieben. Es gab es also keine Seekriegführung „aus einer Hand“, in der eine zentrale Kommandobehörde Operationen von Überwassereinheiten, U-Booten und Seeluftwaffe koordinieren und räumlich wie zeitlich aufeinander abstimmen konnte. Benötigte die Marine für Seekriegsoperationen Luftstreitkräfte, mußten sie diese von der Luftwaffe anfordern. Die Entscheidung lag dann bei der Luftwaffe. Das führte für den wichtigen Bereich des Flugzeugeinsatzes über See zu einer völligen Abhängigkeit der Marine von der Luftwaffe. Da Marine und Luftwaffe im Einsatz der Luftkriegführung über See unterschiedliche Auffassungen vertraten, kam es zu Mißverständnissen und Fehlentscheidungen. Nach diesen Erfahrungen wurden beim Aufbau der Bundesmarine neben Überwassereinheiten und U-Booten auch wieder marineeigene Seeluftstreitkräfte eingeplant. 1956 wurde dazu in Kiel das Kommando der Marineflieger gebildet und dem Flottenkommando direkt unterstellt. Seine Aufgabe war die Herstellung der personellen und materiellen Einsatzbereitschaft der fliegenden Verbände und der Bodenorganisation mit dem Ziel einer zentralen einheitlichen Führung der Seekriegsoperationen auf, unter und über dem Wasser, das heißt Unterstützung der eigenen Überwasserstreitkräfte durch Aufklärung und Jagdschutz sowie die Bekämpfung gegnerischer Überwassereinheiten. Das Kommando der Marineflieger umfaßte vier Marinefliegergeschwader mit bis zu 200 Flugzeugen und Hubschraubern und war zeitweise das größte Typkommando der Flotte. Ungewöhnlich war der große Anteil von bis zu 110 Jagdbombern die in den beiden Marinefliegergeschwadern 1 (Jagel) und 2 (Tarp/Eggebek) konzentriert waren. Geflogen wurden anfangs Maschinen vom Typ Seahawk, ab 1973 die F 104-G Starfighter und ab 1979 der MRCA Tornado. Nach der Wiedervereinigung 1990 wurden neben den schwimmenden Einheiten auch die Verbände der Marineflieger stark verkleinert. Im Zuge dieser Maßnahme wurde 1993 das Marinefliegergeschwader 1 aufgelöst. Damit war das MFG 2 der einzige Kampfverband der deutschen Marineflieger. An seiner bisherigen Aufgabenstellung änderte sich nichts. Nach dem Motto „Fliegen, wo die Flotte fährt“ richtete das Geschwader seine Einsätze ganz nach den Erfordernissen der schwimmenden Einheiten aus, ob in der Ostsee, Nordsee, Norwegensee, Karibik oder Mittelmeer. Von entscheidender Bedeutung war, daß die Marineflieger integraler Bestandteil der Flotte waren. Durch die Entscheidung von Verteidigungsminister Struck, das Marinefliegergeschwader 2 aufzulösen, ist es damit jetzt vorbei. Für den Seekrieg aus der Luft wird wieder die Luftwaffe zuständig sein, allen gemachten Erfahrungen zum Trotz. Der Auflösungsbeschluß stieß sofort auf massive Kritik auch in den eigenen Reihen. So schrieb der SPD-Wehrexperte Hans-Peter Bartels schon im März 2003 in der Welt: „England, Frankreich, Spanien und Italien besitzen Flugzeugträger, und es würde dem Gedanken der Europäisierung der Sicherheitspolitik widersprechen, wenn Deutschland das letzte Geschwader auflöst, das derartige Träger im Kampf ergänzen kann.“ Das deckt sich mit der Ansicht von Vizeadmiral Lutz Feldt, seit Februar 2003 Marineinspekteur, wenn er feststellt, die Eggebeker Tornados „werden als integraler Bestandteil einer Einsatzgruppe von Marinekräften dringend benötigt“. Die Bundeswehr selbst ist sich dieser Problematik offenbar bewußt. In ihrem offiziellen Internetauftritt heißt es: „Marine und Luftwaffe fliegen nicht nach identischen Vorschriften.“ Es wird festgestellt, daß die Luftwaffe „zwar die fliegerische Praxis und das Systemverständnis für das Kampfflugzeug Tornado mitbringt, aber eben nicht auf die langjährige Erfahrung über See zurückgreifen kann. Die gilt es jetzt erst zu erwerben.“ Daher soll die Marine „der Luftwaffe ein grundlegendes Wissen in den Fähigkeiten im Rahmen eines dreimonatigen Trainings“ beibringen. Führungen von Soldaten der Luftwaffe an Bord einer Fregatte sind unter anderem Bestandteil des Ausbildungsprogramms. Denn „über diesen maritimen Hintergrund verfügen die Luftwaffenoffiziere natürlich nicht“. Weltweites Engagement ohne eigene Luftunterstützung In einer umfangreichen gemeinsamen Stellungnahme der Inspekteure von Marine (Vizeadmiral Feldt) und Luftwaffe (Generalleutnant Klaus-Peter Stieglitz) im Marineforum 3/05, wird zwar auch festgestellt, daß das Marinefliegergeschwader 2 in seinem Fähigkeitsprofil für die „Aufgaben der Seekriegführung aus der Luft optimiert“ sei. Allerdings schränken sie ein, „angesichts der Einspar- und Reduzierungsvorgaben konnten die bestehenden Fähigkeitsprofile der Luftwaffe und der Seeluftstreitkräfte (Marinefliegergeschwader 2) nur in einem streitkräftegemeinsamen, fähigkeitsorientierten Ansatz dauerhaft für die Bundeswehr erhalten werden“. In Kurzform: Die Auflösung des MFG 2 dient ausschließlich der Kosteneinsparung. Strategische, taktische und strukturelle Fähigkeiten werden den Forderungen der Finanzfachleute geopfert. Thomas Kossendey (CDU), stellvertretender Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages, bringt es auf den Punkt, wenn er feststellt „daß die sicherheitspolitische Lage eigentlich mehr vom Finanzminister bestimmt wird als vom Verteidigungsminister“. Und die Forderung der Bundesregierung an die Marine, sich weltweit an internationalen Einsätzen zu beteiligen, bleibt bestehen. Nur deckt sich der Anspruch nicht mehr mit der Wirklichkeit. Fragt sich nur, wie der neue Verteidigungsminister damit umgehen wird. Foto: Seefernaufklärer „Breguet Atlantic“ des MFG 3 „Graf Zeppelin“ rollt 2005 ins Museum: Fliegen, wo die Flotte fährt, ist passé

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