Die Geschichte verliert politische Brisanz

In der irischen Hauptstadt ist der Freiheitskampf heute nicht mehr das Thema politischer Agitatoren, sondern von Museumsdirektoren und Stadtführern. In der Dubliner Innenstadt verweisen Touren mit dem Motto „1916 – Rebellion Tour“ auf Gebäude wie in der Pearse Street, den Geheimdienst der Briten, die G-Division. „Dort ist es Michael Collins gelungen, sich von einem seiner Leute einschmuggeln zu lassen. So konnte er Doppelagenten enttarnen“, bekennt ein Stadtführer. Über den Osteraufstand und die folgenden Jahre zu sprechen, hatte früher etwas Anrüchiges. Wer es tat, geriet schnell unter Verdacht, ein IRA-Sympathisant zu sein. Vor einigen Jahren hat schließlich auch Hollywood seinen Beitrag zur positiven Legendenbildung geleistet. Neunzig Jahre nach dem gescheiterten Osteraufstand von Dublin kehrt die Normalität auf der grünen Insel ein. Sogar eine Militärparade gab es erstmals seit vierzig Jahren wieder. Der Friedensprozeß hat den Terror Stück für Stück zurückgedrängt. Weniger bekannt als die Verdienste des „Innenpolitikers“ Collins sind heute jedoch jene von Sir Roger Casement. Casement war britischer Diplomat in Afrika. Er war Protestant und wurde in Nordirland aufgezogen. Für seine Verdienste wurde er sogar zum Ritter geschlagen. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges entschied er sich jedoch für Irland, trat den Irish Volunteers (Irische Freiwillige) bei und kämpfte fortan für die Freiheit seines Heimatlandes. Für die Iren war die Chance zum Greifen nah: Durch den Krieg Großbritanniens gegen Deutschland könne sich das Land von der verhaßten Fremdherrschaft befreien, dachten die Freiheitskämpfer aller politischen Richtungen. Die Waffenunterstützung aus Deutschland kam nie an Doch zunächst galt es den Aufstand vorzubereiten: Casement als früherer Diplomat wurde nach New York entsandt. In den zunächst neutralen USA gab es eine mächtige Auslandsorganisation der Iren und – ungehinderten Zugang zu deutschen Geheimdienstkreisen. Casements weitere Geschichte ist mit der der deutschen Botschafter und Geheimdienstler eng verwoben. Die Deutschen waren als Feinde der Briten natürliche Verbündete der Iren. Bereits 1914 sprach sich das Reich öffentlich für die irische Unabhängigkeit aus. Casement reiste weiter – nach Berlin. Dort verhandelte er als Vertreter der Rebellen mit der Reichsregierung. Casement war so etwas wie ein Botschafter der provisorischen Regierung. Im März 1915 residierte der Vertreter der irischen Untergrundbewegung auch im Haus am Hohenzollerndamm 26, dem Nachbarhaus des Gebäudes also, in dem heute die JUNGE FREIHEIT untergebracht ist. Deutschland war bereit, die irischen Aufständischen mit Waffen zu unterstützen. Casement handelte für den Aufstand zu Ostern 1916 eine Waffenlieferung von 20.000 Beutegewehren, zehn Maschinengewehren und fünf Millionen Schuß Munition aus. Ein Transportschiff namens „Aud“ sollte die Waffen liefern. Casement reiste an Bord von U19 nach Irland. Er kam an. Die Waffen nicht. Das Schiff lief wie verabredet in eine Bucht ein, aber die Iren waren nicht da. Sie hatten darum gebeten, die Lieferung einen Tag zu verschieben. Aber die Bitte war auf der „Aud“ nie angekommen. Wenig später wurde die „Aud“ mit ihrer brisanten Fracht in der Irischen See von den Briten aufgebracht und vom eigenen Kapitän in die Luft gejagt wurde. Die Lieferung für die Rebellen blieb aus, aber der Zeitplan für den Osteraufstand konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Rebellen scheiterten, und ihre Anführer – darunter auch Sir Roger Casement – wurden hingerichtet. Trotz allem bedeutete Casements Tod nicht das Ende eines gescheiterten Unternehmens, sondern den erste Schritt hin zur Gründung der Republic of Ireland.

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