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„Das Schlimmste ist, was danach kommt“

Am vergangenen Mittwoch lud die Konrad-Adenauer-Stiftung zu einer Erinnerungsveranstaltung an den 50. Jahrestag des Volksaufstandes in Ungarn in ihre Berliner Vertretung ein. Im Zentrum der unter dem Motto „Der Schrei nach Freiheit“ abgehaltenen Tagung stand ein Referat des früheren ungarischen Ministerpräsidenten (1998 bis 2002) und Vorsitzenden der oppositionellen Fidesz-Partei, Viktor Orban, zur heutigen Bedeutung der Ereignisse von 1956. Orban erinnerte zu Beginn seines Vortrages daran, daß der 23. Oktober – der Tag, an dem in Budapest über 200.000 Menschen Freiheit, Demokratie und ein Ende der Sowjetherrschaft forderten -, ein Ereignis von europäischem Rang darstelle, welches sich keineswegs allein auf Ungarn beschränken lasse. Dem „Kommunismus russischer Bauart die Zähne zu zeigen“, ihm „die Maske vom Gesicht“ zu reißen und um die Freiheit des eigenen Volkes aktiv zu kämpfen, war keine primär ungarische, sondern eine europäische Aufgabe, so Orban. Gleichwohl war es allerdings die ungarische Bevölkerung, die ihr Leben im Kampf um die Freiheit riskierte. Aus diesem Grunde sei zu hoffen, daß aus den Ereignissen von 1956 ein tieferes Verständnis anderer europäischer Völker für die Ungarn resultiere. Die reale Gefahr wurde im Westen sträflich unterschätzt Mit dem Aufstand haben die Ungarn, so Orban, „zumindest einen Teil der schlafenden Westeuropäer aufgeweckt“. Trotz des Aufstandes in der DDR am 17. Juni, trotz der Aufstände in Polen im Frühjahr und Sommer 1956 seien sich bis zu den Ereignissen im Herbst 1956 die meisten Menschen in den westlichen Staaten über das tatsächliche Potential der Bedrohung durch den Kommunismus nicht bzw. nur unzureichend im klaren gewesen. Es gab selbst unter konservativen Intellektuellen, die dem Kommunismus zwar nicht grundsätzlich wohlwollend gegenüberstanden, große Illusionen. Sie glaubten, in dessen Wesen zumindest „eine Art von zwangsläufigem Fortschritt“ erkennen zu können. Grundsätzlich gab es zudem in den westeuropäischen Staaten der Nachkriegszeit einen deutlichen „Zug nach links“, in dessen Rahmen die reale Gefahr sträflich unterschätzt wurde. Nun zeigten die Ereignisse in Ungarn jedoch erstmals unverkennbar, so Orban, daß der Kommunismus „nicht anderes als Terror und gemeine Besatzungsherrschaft“ war. Zudem erwies er sich als unreformierbar; entgegen der auch durch die geheime Abrechnung des sowjetischen KP-Chefs Chruschtschows mit Stalin bei vielen Menschen aufgekommenen Hoffnung, es könne doch nun zur allmählichen Ausbildung eines „Kommunismus mit menschlichem Antlitz“ kommen. Die Enttäuschung darüber, daß der Westen 1956 bei der Niederschlagung des Aufstandes durch sowjetische Truppen nicht einschritt, sei bei den Ungarn sehr groß gewesen, so Orban. Andererseits wurden gerade durch die blutigen Vergeltungsaktionen, bei denen mindestens 2.500 Menschen ihr Leben verloren, erstmals nach längerer Zeit wieder einigen Politikern im Westen die Augen für die Wirklichkeit geöffnet. Darin liege der tiefere Sinn des Ungarnaufstandes, so Orban. Denn auf diese Weise konnte 1956 die erste Marke auf einem Weg gesetzt werden, der langfristig zum Ende des Kommunismus führte. Aus den Ereignissen konnte zudem die Lehre gezogen werden, daß aufgrund der festen Blöcke in Europa und ihrer Akzeptanz durch sämtliche Großmächte der Weg eines gewaltsamen Aufstandes gegen das kommunistische System auch in Zukunft keinen Erfolg versprach. Ein Jahrzehnt später, 1968 im Zuge des Prager Frühlings, konnte eine weitere wichtige Lehre gezogen werden; daß auch der Weg einer system-internen Umgestaltung des Kommunismus letztlich erfolglos bleiben mußte. So wurde 1980 mit der Gründung der Gewerkschaft Solidarność in Polen erstmals der schließlich erfolgreiche dritte Weg gewählt: die gezielte Bündelung von oppositionellen Kräften, die gemeinsam auf friedlichem Wege Veränderungen erreichen wollten. Das Beschreiten dieses Weges – im Zusammenhang mit der Erosion der Macht des sowjetischen Machtapparates seit Mitte der achtziger Jahre – führte auch in den anderen europäischen Ostblockstaaten zum Erfolg. Dies sei jedoch nur die historische Facette von 1956, so Orban. Ebenso wichtig sei es, in die Gegenwart und in die Zukunft zu blicken. Mit Blick auf die gegenwärtige Situation in Ungarn, aber auch anderen Reformstaaten, sei der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher zumindest teilweise zuzustimmen, die einmal gesagt hatte: „Am Kommunismus ist das Schlimmste, was danach kommt.“ Der historische Kommunismus sei zwar besiegt. Doch tot sei er damit immer noch ebensowenig wie das ihm zugrundeliegende Denken. Dieses käme heute unter einer anderen Fassade wieder zum Vorschein: Viele Menschen seien allein von der Hast und Gier nach dem individuellen Glück, nach wirtschaftlichem Reichtum und Wohlstand geprägt, so Orban. Politische und nationale Ideale seien ihnen fremd bzw. bestenfalls eine Nebensache. Zugunsten des wirtschaftlichen Wohlstandes verdrängten sie die Vergangenheit oder schenkten ihr zumindest kaum Beachtung. Wohlstand statt Aufarbeitung der roten Vergangenheit Die Postkommunisten hätten geschickt auf diese Entwicklung gesetzt. Denn für die global agierenden Wirtschaftsmächte, die weit stärker und mächtiger als die meisten Staaten seien, zählten keine moralischen und nationalen Werte, sondern nur der Profit. Die Gefahr der Bildung von Wirtschaftsdiktaturen sei sehr groß. Diese könnten eine Grundlage für die Wiederbelebung von kommunistischen Diktaturen darstellen. Es sei daher sehr wichtig, daß Eu-ropa nicht nur an seinen Freiheitsidealen festhalte, sondern sich auch wieder auf seine menschlichen und moralischen Werte, die „Urgesetze menschlichen Daseins“, wie die Erhaltung der christlichen Religion und der Nationen erheblich stärker als heute besinne. Diese gelte es gegen eine globalisierte Wirtschaft zu verteidigen. Ebenso müsse an den Gesetzen einer sozialen Marktwirtschaft auch unter globalen Bedingungen auf jeden Fall festgehalten werden. Die Umformung des Menschen zu einem reinen „Wirtschaftsmenschen“ dürfe ebensowenig gelingen wie der Versuch, die Menschen hinter dem ehemaligen „Eisernen Vorhang“ zu einem „kommunistischen Menschen“ umzugestalten, so Orban. Foto: Das jüngst eingeweihte Budapester Mahnmal zum Aufstand in Ungarn von 1956: Aus der Umformung zum „kommunistischen Menschen“ wurde die Umformung zum „Wirtschaftsmenschen“

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