Das böse Omen aus der Parallelgesellschaft

Umgestürzte, brennende Polizeiautos, aufsteigender Rauch, das Straßenpflaster mit Flaschen und Splittern übersät, aus Hauseingängen lodernde Flammen: Das sah die 62jährige Nelly Parkinson bei den großen Rassenunruhen in Brixton vor nun mehr einem Vierteljahrhundert alles vom Fenster aus. Die blutigen Krawallen gelten heute, rückblickend betrachtet, als Wendepunkt in den Beziehungen der verschiedenen Ethnien Großbritanniens untereinander. Die inzwischen 87jährige Nelly Parkinson gehörte zu den wenigen „Weißen“ in der „Hauptstadt von Schwarz-Britannien“, wie Brixton auch genannt wird. In Yorkshire aufgewachsen, kam sie 1948 in diesen Stadtteil im Süden Londons, weil sie einen Mann aus der Nähe kennengelernt hatte. Schon an jenem Frühlingstag im Jahr 1981 wohnte sie in der Coldharbour Lane, einer der Straßen um den karibisch dominierten Brixton Market, die von den Unruhen am schwersten betroffen waren. „Ich war froh, daß ich ziemlich weit oben in diesem Haus wohnte. Ich habe gesehen, wie sie in einige Häuser unten Brandsätze warfen“, erzählt sie im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT in ihrer jetzigen Wohnung im selben Haus an der sogenannten Frontline. „Ich sah die jungen Männer laufen und beobachtete, wie sie die Geschäfte angezündet haben“, erinnert sie sich weiter. Den ganzen Tag habe sie sich nicht aus dem Haus gewagt. Am Ende sah sie, wie die Unruhestifter sogar die Feuerwehr angriffen. Die Polizei hatte zwischenzeitlich nichts mehr unter Kontrolle. „Gott sei Dank ist hier drin niemand verletzt worden“, resümiert sie. In Brixton herrschten faktisch eigene Gesetze Wie durch ein Wunder wurde damals bei den 36stündigen Ausschreitungen niemand getötet, jedoch wurden mehr als 300 Menschen zum Teil schwer verletzt, darunter 45 der Unruhestifter. Der Sachschaden belief sich auf sieben Millionen britische Pfund. Die Führung der Polizei machte zunächst „Agitatoren von außen“ für die Gewalteskalation verantwortlich. Lokale Organisationen wie das Brixton Defense Committee und das Lambeth Law Centre begannen aber schon wenige Tage nach den Unruhen Vorfälle aufzulisten, die das Vorgehen der Polizei im Vorfeld kritisch beleuchten sollten. Die Beteiligten gehen heute davon aus, daß die massive Präsenz der Sicherheitskräfte besonders im Zusammenhang mit der Operation „Swamp 81“, bei der vier Tage vor Ausbruch 1.000 junge Schwarze durchsucht wurden, die Nachkommen karibischer Einwanderer provoziert habe. In dem Viertel herrschten schon seit langem faktisch eigene Gesetze, vor allem eigene Drogengesetze. Noch heute gehen an der sogenannten Frontline die Dealer offen ihren Geschäften nach, Fotografieren wird leicht zu einer heiklen Angelegenheit. Wegen der Beschaffungskriminalität standen 1981, zwei Jahre nach Regierungsantritt der Konservativen unter Margaret Thatcher, alle jungen Männer mit dunkler Hautfarbe unter Generalverdacht. In Brixton waren die meisten von ihnen schon mindestens einmal von der Polizei aufgegriffen, viele auch mißhandelt worden „Sie hatten keine Chance, ihre Unschuld zu beweisen“, gibt sich heute Peter Blecksley von der Londoner Polizei in einem BBC-Interview zerknirscht, der bei den Unruhen im Einsatz war. Die Provokationen durch massive Polizeipräsenz an der Frontline in Brixton, wo sie sich zuvor wie zu Hause und sicher fühlten, waren offenbar Auslöser der Ereignisse. Jedoch lag die Ursache wohl eher in der Frustration und Verzweiflung der jungen Männer, von denen nur jeder zweite überhaupt einen Job hatte, wenn auch nur einen mies bezahlten. Als Reaktion entwickelte Großbritannien in den achtziger Jahren seine Integrationspolitik, die vor allem im Zugeständnis an kulturelle Eigenheiten besteht, die die Einwanderer pflegen dürfen. Viele der Bewohner Brixtons, deren Eltern oder Großeltern aus der Karibik stammen, sind religiös überzeugte Rastafaris, die rituell Marihuana rauchen. In strafrechtlicher Hinsicht bedeutet hier Integrationspolitik, zwei Augen zuzudrücken. Diese Politik des Multikulturalismus wird häufig fälschlicherweise bezichtigt, die Ghettoisierung zu verstärken. Dem kann entgegengehalten werden, daß die ethnische Dominanz in den Stadtvierteln älter ist als diese Politik. Die aktuellen Terrorpläne haben erneut aufgeschreckt So karibisch wie Brixton war einst Notting Hill, heute vor allem bekannt aus dem gleichnamigen Film mit Julia Roberts und Hugh Grant. Als die Emigranten in den fünfziger Jahren aus Jamaika, Trinidad und anderen karibischen Inseln nach London kamen, lebten dort noch irische Arbeiterfamilien in schäbigen zweistöckigen Häusern. Allmählich lockte die Präsenz von Rastafaris die Hippies an, die sie zu imitieren versuchten. In dieser Subkultur entwickelte sich eine lebhafte Musikszene um Reggae- und Punk-Klänge. Andere Künstler zogen nach, wegen der niedrigen Preise und weil sie das Milieu eher inspirierte als verunsicherte. Weil sich Reiche gerne im Glanz der Kreativen sonnen, ist Notting Hill inzwischen zu einer sehr feinen Gegend mit schick renovierten Häusern geworden. Ein jamaikanischstämmiger Laufbursche könnte sich die Miete dort längst nicht mehr leisten. Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich in Brixton ab. Zumindest die Kreativen sind schon da. In dem Häuserkomplex, wo Nelly Parkinson wohnt, sind gelernte Kunstmalerinnen und Fotografinnen anzutreffen. Aus der Karibik kommt keine von ihnen. Neben den Engländern leben dort Italiener, Schweizer, Deutsche und Neuseeländer. Und spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends ist die Gegend offenbar sicherer geworden. „Als ich vor neun Jahren hierher gekommen bin, gab es noch sehr regelmäßig gewaltsame Auseinandersetzungen auf der Straße“, erinnert sich Lynne Wealleans, eine Neuseeländerin, die zunächst in einer Galerie und jetzt im Gartenbau beschäftigt ist. Was die britische Integrationspolitik eher problematisch macht, ist zum einen die wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit, die sich für die Menschen von den westindischen Inseln in Brixton nicht wirklich geändert hat. Immer noch wird es erst am Abend an der Frontline so richtig lebhaft, weil am nächsten Tag sowieso nur jeder Zweite früh aufstehen muß, um arbeiten zu gehen. Andernorts jedoch, in Stadtteilen wie Acton oder Southall, die für ihren hohen islamischen Bevölkerungsanteil bekannt sind, ist das Gewaltmonopol des Staates in wirklicher Gefahr. Abgesehen von den jüngst vereitelten terroristischen Anschlägen im Luftverkehr schrecken brutale „Ehrenmorde“ regelmäßig die britische Bevölkerung auf. An diesen Beispielen zeigt sich jedoch, daß die Politik des „Augezudrückens“ an einer Grenze angekommen ist, wo es nicht mehr weitergeht. Fotos: Unruhen von 1981 im Londoner Einwandererviertel Brixton: Als Reaktion erfolgten Zugeständnisse an fremde kulturelle Eigenheiten, Karibisches Flair auf dem Brixton Market: Morgens ausschlafen

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