Joachim Kuhs

 

Allzu freundliches Feuer

Wenn jetzt die Soldaten der deutschen Marine in Richtung Libanon in See stechen, beginnt damit eines ihrer risikoreichsten Unternehmen seit Bestehen der Bundeswehr. Der Fokus der Öffentlichkeit richtet sich zwar auf potentielle Gefahren durch Hamas-Waffenschmuggler, doch auch die israelischen Streitkräfte könnten zur Gefahr für das Leben der deutschen Soldaten werden. Noch allzu gut ist der Vorfall aus dem Libanonkonflikt vom 25. Juli präsent, bei dem vier Blauhelmsoldaten ums Leben kamen. Israel hatte den seit 1978 im libanesich-israelischen Grenzgebiet existierenden Uno-Beobachtungsposten unter bisher immer noch nicht geklärten Umständen über mehrere Stunden hinweg bombardiert. Und dies trotz mehrmaliger Aufforderung der Uno-Soldaten an die Israelis, die Angriffe zu stoppen. Selbst als bereits Rettungsmaßnahmen liefen, wurden die Angriffe nicht eingestellt. Uno-Generalsekretär Kofi Annan warf Israel am Tag nach dem Angriff Vorsätzlichkeit vor und erntete dafür helle Entrüstung aus Tel Aviv. Jedoch bei aller Entrüstung, es war nicht der erste Vorfall, bei dem neutrale Streitkräfte und Uno-Personal absichtlich vom israelischen Militär angegriffen wurden. Bereits 1996 bombardierte die israelische Armee ein deutlich als Uno-Flüchtlingscamp gekennzeichnetes Lager im Libanon. 102 Zivilisten kamen ums Leben. Ein anderer schwerwiegender, aber weitaus unbekannterer Vorfall war der israelische Angriff während des „Sechs-Tage-Kriegs“ auf die USS Liberty 1967. Das amerikanische Aufklärungsschiff USS Liberty, das unter Kommando des US-Nachrichtendienstes National Security Agency (NSA) stand, kreuzte während dieses militärischen Präventivschlages Israels gegen Ägypten, Jordanien und Syrien im Mittelmeer vor der Küste des Sinai, 14 Meilen nordwestlich der ägyptischen Stadt El Arish. Es hatte den Auftrag, den dortigen ägyptischen und israelischen Funkverkehr abzuhören. Am 8. Juni wurde die USS Liberty plötzlich und ohne Vorwarnung von israelischen Kampfflugzeugen ohne Nationalitätenzeichen attackiert. Zusätzlich griffen auch israelische Torpedoboote das Schiff an. Selbst die Rettungsboote der Liberty wurden beschossen. Bei der überaus heftigen Bombardierung starben 34 Besatzungsmitglieder, über 160 wurden verletzt. Man versuchte, einen SOS-Ruf abzusetzen, doch die Frequenzen des Schiffes wurden von außen gestört. Joe Lentini, Besatzungsmitglied der USS Liberty, sagte später aus: „Dazu muß man unsere Sendefrequenzen gekannt haben. Und wenn man die Frequenzen kannte, hat man auch gewußt, daß unser Schiff ein amerikanisches Schiff war; denn die Sendefrequenzen der Flotte waren offen, nicht verschlüsselt.“ Dennoch gelang es den israelischen Streikräften nicht, das Schiff zu versenken. Die Liberty konnte sich mit Unterstützung der US-Mittelmeerflotte in den Hafen von Malta retten. Aus israelischer Sicht erklärte man den Vorfall wie folgt: Die israelischen Truppen unter General Israel Tal waren entlang der Nordachse in Richtung El Arish durchgebrochen. Die ägyptische Armee hatte sich umgruppiert und einige von den Israelis besetzte Positionen zurückerobert. In der allgemein als unübersichtlich geltenden Situation erhielten die Israelis am 8. Juni feindliches Feuer aus der Richtung El Arish, vermutlich von See her. Die israelische Luftwaffe wurde alarmiert und machte ein Schiff aus, welches für ein ägyptisches Kriegsschiff gehalten wurde. Ohne Vorwarnung oder genauere Überprüfung wurde die USS Liberty angegriffen. Im nachhinein entschuldigte sich Israel für den Angriff und leistete Entschädigungszahlungen von mehreren Millionen US-Dollar an die Angehörigen der toten und verletzten amerikanischen Soldaten. Nicht ohne aber festzustellen, daß die eigentliche Verantwortung für den Vorfall auf amerikanischer Seite läge, da sie es unterlassen hatte, die Israelis über die Existenz und den Auftrag des Schiffes zu informieren. So zumindest schildert es der ehemalige israelische Präsident und Generalmajor Chaim Herzog (1983-1993) in seinem Buch „The Arab-Israeli Wars“. Der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson und sein Verteidigungsminister Robert McNamara akzeptierten die israelische Erklärung und Entschuldigung. Dennoch liegt die Vermutung nahe, daß die israelische Luftwaffe die USS Liberty bewußt und mit voller Absicht angriff. Immerhin fuhr das Schiff erkennbar unter amerikanischer Flagge, und beiderseits wurden Aussagen bestätigt, daß Stunden zuvor israelische U-Boot-Jagdflugzeuge die Liberty überflogen. Insgesamt blieb die Reaktion der Amerikaner aber sehr verhalten. Große Zeitungen wie die New York Times oder die Washinton Post veröffentlichten nur kurze Meldungen über den Vorfall, nirgends beherrschte dieser trotz der verhältnismäßig hohen Zahl amerikanische Opfer die Titelseiten. Der Besatzung der USS Liberty sei auf Weisung der Marineführung nach ihrer Heimkehr in die USA unter Androhung eines Verfahrens vor dem Kriegsgericht untersagt worden, über die Vorfälle zu sprechen, bevor sie dann versetzt wurden – verstreut auf unterschiedlichste Einsatzorte, berichten heute Überlebende auf ihrer von heftiger Kritik an Israel wie an der US-Regierung geprägten Internet-Gedächtnisseite ( www.ussliberty.org ). Auffällig war das lange Zögern der Israelis, den Vorfall einzugestehen und sich offiziell dafür zu entschuldigen. Im Gegenteil: Direkt nach dem Angriff beschuldigte Israel Ägypten, das amerikanische Aufklärungsschiff bombardiert zu haben. Erst als einwandfrei nachgewiesen werden konnte, daß es sich um israelische Kampfflugzeuge gehandelt hatte, gestand man den nun plötzlich zum Unfall deklarierten Angriff ein. Der Versuch, Amerika auf diese Weise zum Kriegseintritt gegen Ägypten zu bewegen, war gescheitert. Die USA enthielten sich entgegen israelischer Hoffnungen schon zuvor jedes militärischen Engagements gegen Ägypten, sondern erklärten sich vor allem aufgrund der sowjetischen Position für neutral. Eine andere Theorie besagt, daß die Liberty angegriffen wurde, weil Israel befürchtete, daß das Schiff Zeuge eines israelischen Massakers an ägyptischen Kriegsgefangenen auf der Sinai-Halbinsel geworden war. Zweifel an der offiziellen Unfallversion, die auch von US-Präsident Johnson und dem Pentagon vertreten wurde, äußerte allerdings sein damaliger Außenminister Dean Rusk. In seinen Memoiren „As I Saw It“ aus dem Jahr 1991 schreibt er: „Ich war niemals mit der israelischen Erklärung zufrieden. Ihr anhaltender Angriff, der zum Ziel hatte, die Liberty manövrierunfähig zu machen und zu versenken, schließt einen Angriff aus Versehen oder durch einen schießwütigen Befehlshaber aus. Durch die diplomatischen Kanäle lehnten wir es ab, ihre Erklärungen zu akzeptieren. Ich glaubte ihnen damals nicht, und ich glaube es ihnen bis heute nicht. Der Angriff war verbrecherisch.“ Foto: Die beschädigte USS Liberty einen Tag nach den Angriffen: Erkennbar unter amerikanischer Flagge

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