Schuldflucht ist Fahnenflucht

Bei den „Alten“, wie die antiken Klassiker einst hießen, bedeutete Aporie Ausweglosigkeit, die Unmöglichkeit, zur Lösung eines Problems zu kommen. Seinen Gesprächspartner in die Aporie zu versetzen, in einen Zustand, in dem sich der scheinbar Wissende seiner Unwissenheit bewußt wird, war das Ziel der sokratischen Fragekunst. Die „Kultivierung des Schuldstolzes“, dem sich Massen besserwissender deutscher Volkspädagogen seit Jahrzehnten hingeben, forderte eine kräftige Reduktion auf solche Aporien seit langem heraus. Als moderner Sokrates nimmt der Verleger und Publizist Andreas Krause Landt diese Herausforderung an („Holocaust und deutsche Frage. Ein Volk will verschwinden“), und Karl Heinz Bohrers Merkur, die Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken im juste milieu, bietet ihm im aktuellen Dezemberheft dafür eine gut sichtbare Plattform. Auch das „bürgerliche“ Lager will die Nation auflösen Der Widerspruch aller Widersprüche im „hermetisch abgeschlossenen System“ der in der Berliner Republik uneingeschränkt herrschenden Ideologie ergibt sich aus der Unvereinbarkeit ihrer beiden zentralen, handlungsleitenden Orientierungen: „Holocaust“ und „Multikultur“. Nicht allein „die deutsche Linke“, wie Krause Landt meint, sondern auch das „bürgerliche“ Lager, soweit es im Meinungskartell eine Stimme hat, will die Nation überwinden, wenigstens „unumkehrbar“ in „Europa“ auflösen. Diese kosmopolitisch-multikulturelle Vision kollidiert mit dem Wunsch, die Deutschen als „Schuldgemeinschaft“ in Haftung zu nehmen. Die Stigmatisierung „Tätervolk“ verlangt nach einem konkreten historischen Subjekt. Auch als „Tätervolk“ bleiben die Deutschen also „Volk“. Von einer „Täter-Bevölkerung“ war deshalb im Diskurs der „Gedächtnispolitik“ noch nie die Rede. Bewältigungslogisch ist die „Schuld ohne die Nation“ folglich nicht zu haben: „Der Abschied von der eigenen Herkunft“ gerate daher zunehmend in Gegensatz zur medial omnipräsenten Verschmelzung der Begriffe „Holocaust“ und „Deutschland“: „Einerseits sollen die Deutschen im Hinblick auf eine europäische oder globale Zukunft ihr Selbstverständnis nicht länger aus der Herkunft- und Abstammungsgemeinschaft ableiten. (…) Andererseits sollen sie sich vorrangig und unwiderruflich als ‚Tätervolk‘ verstehen, wobei für diese Volksgemeinschaft keine postnationalen Appelle gelten. Schuldflucht ist Fahnenflucht.“ Für Krause Landt bleibt dieses Dilemma nicht das Problem intellektueller Glasperlenspieler, sondern kündet von unangenehm handfesten Verwerfungen. Innenpolitisch gewinne man nämlich aus einer derartig aporetischen Ideologie nicht den kulturellen „Kitt“ (Max Horkheimer), der gerade in Zeiten ökonomisch induzierter Desintegration für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unerläßlich sei: Man könne Bürgern unter Berufung auf das Gemeinschaftsgefühl viele Opfer abverlangen, wie in der DDR, man könne ihnen das Gemeinschaftsgefühl auch nehmen, müsse sie aber gut versorgen, wie in der alten BRD. „Aber beides zusammen: Armut gepaart mit kollektiver Selbstverleugnung, ist nicht lebbar und läßt für die Zukunft heftige Unruhen befürchten …“ Noch verheerendere Konsequenzen ergeben sich daraus im internationalen Kontext. Ein „kollektives Nichts“, ein „selbstvergessenes Volk“, das sich als Nation verleugnet, aber als „Schuldgemeinschaft“ auftrumpft und andere Völker zu nachahmender „Selbstbezichtigungskonkurrenz“ zu nötigen versucht, dürfte nur „große Verachtung“ ernten. „Abschied von der Herkunft“ und „Kultivierung der Schuld“ machen Deutschland darum zum Verlierer der Globalisierung. Denn „Nationalismus und Traditionalismus“ werden von der Globalisierung keineswegs abgeschafft. Unabwendbar werde „im Kampf um immer knapper werdende Güter“ die Schuld, die ein politischer und wirtschaftlicher Konkurrent freiwillig auf sich lade, zum probaten Mittel, „ihn zu schwächen oder auszuschalten“. Überdies konterkariere das deutsche Beharren auf der „Einzigartigkeit des Holocaust“ auch hier die universalistische „Menschheitsidee“: Durch die Hintertür des Schuldstigmas kehren „essentialistische Vorstellungen von Volkscharakter und Kollektivseele“ in die kosmopolitische Leitideologie zurück, es gebe wieder „Gleiche und Ungleiche“. Finis-Germaniae-Ideologie wird langsam überwunden Krause Landt glaubt, pragmatisch habe die erweiterte, „souveräne“ BRD nach 1990 aus dieser selbstmörderischen Finis-Germaniae-Ideologie schon herausgefunden, da sich die Deutschen wieder der außen- wie wirtschaftspolitischen „Befriedigung ihrer vitalen Selbsterhaltungsbedürfnisse“ widmen, ohne die „Vergangenheitsbewältigung“ zu vernachlässigen. Nur eine „bündige Theorie“ über die „gelebte“ Kompatibilität von Schuld und Nation habe diese Realpolitik noch nicht gezeitigt. Die Eule der Minerva, von der „die Alten“ wußten, daß sie in ihren Flug erst in der Dämmerung beginnt, ist hoffentlich nicht zu spät dran. Foto: Holocaust-Mahnmal und nationale Symbolik in Berlin: „Schuld ohne die Nation“ folglich nicht zu haben Andreas Krause Landt: Holocaust und die deutsche Frage. Ein Volk will verschwinden, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Heft 12. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2005, 88 Seiten, broschiert, 10 Euro

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