Die Krise der Bundeswehr und der Geist Scharnhorsts

In diesen Tagen blickt die Bundeswehr auf ein halbes Jahrhundert ihres Bestehens zurück, immerhin eine Zeitspanne doppelt so lang wie die ihrer unmittelbaren Vorgänger Reichswehr (1920-1935) und Wehrmacht (1935-1945) zusammen. Sie kann auf respektable Leistungen verweisen: ihre Mitwirkung an der Sicherheit der Bundesrepublik und Westeuropas in den Jahrzehnten des Kalten Krieges, als das Sowjetimperium vor den Toren Hamburgs, im Thüringer Bogen und am Böhmerwald stand; den Aufbau der Armee der Einheit nach 1990; die heutige Teilnahme an multinationalen Interventionen der Nato oder der Vereinten Nationen. Sie wurde gegründet zehn Jahre nach der schwersten Katastrophe der deutschen Geschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg – gegen die tiefe Abneigung der Mehrheit der deutschen Bevölkerung gegen alles, was erneut mit Militär und Krieg zusammenhing – vor allem aus der Einsicht des ersten Bundeskanzlers, daß der 1949 errichtete westdeutsche Teilstaat aus dem Nullpunkt von 1945 nur herauskommen konnte, wenn er wieder bündnisfähig würde und damit wieder politisches Gewicht und internationale Reputation erlangen könnte. Die Krise betrifft vor allem die Motivation der Soldaten Die historische Weichenstellung dieser „West-Option“ blieb im Lande lange umstritten. Um Militarismus zu verhindern, sollte eine möglichst nahtlose „Integration“ der Armee in die Wohlstandsgesellschaft stattfinden, obwohl dort der ökonomische Individualismus augenscheinlich dominiert und man von weltpolitischen Herausforderungen möglichst ungeschoren bleiben will. Dieser fundamentale Widerspruch zwischen der Normalität der Zivilgesellschaft und dem auf den Ernstfall ausgerichteten Auftrag des Soldaten wurde bis heute in seiner unaufhebbaren Dialektik nicht erkannt und mit harmonisierenden Formeln wie „der Friede ist der Ernstfall“ zugedeckt. Im letzten Jahrzehnt kamen fundamentale Veränderungen in Auftrag und Aufbau der Bundeswehr hinzu durch den Wandel von der Wehrpflichtarmee im Dienst der Landesverteidigung zur weltweit operierenden multinationalen Interventionsstreitkraft. Eine gründliche wehrpolitische Debatte hat darüber bis jetzt aber nicht stattgefunden, wie Bundespräsident Horst Köhler kürzlich auf der Kommandeurstagung zum fünfzigjährigen Bestehen der Bundeswehr monierte. Vielmehr standen die letzten Jahre deutlich im Zeichen des Verzichts auf notwendige, aber unbequeme wehrpolitische Aussagen der politischen und militärischen Führung. Statt dessen werden die militärischen Traditionen zunehmend als Belastung empfunden, worüber auch die Großen Zapfenstreiche nicht hinwegtäuschen können. Ein Bildersturm gegen die Traditionen geht durch die Kasernen, vorbildliche Namen der deutschen Militärgeschichte wie jüngst Werner Mölders werden ausgelöscht. Leutnantsjahrgängen der Bundeswehr werden die Ernennungsurkunden auf britischen Kriegsschiffen überreicht, um sinnfällig zu machen, daß es sich um eine Nato-Armee handelt – obwohl von ähnlichem Verzicht auf die nationale Tradition und Würde bei den anderen Nato-Partnern nichts bekannt ist. Eine panische Unterwürfigkeit unter die Political Correctness ist in die Führung ebenso wie in die Truppe eingedrungen. Neuerdings rückt der global einsetzbare „Entwicklungshelfer in Uniform“ an die Stelle der soldatischen Person. Das sind alles deutliche Symptome einer tiefen Krise der Bundeswehr im 50. Jahr ihres Bestehens. Sie ist nicht nur beträchtlich unterfinanziert und zugleich mit ihren von der Politik erteilten Aufträgen heillos überfordert. Die Krise betrifft vor allem die Motivation, das heißt die geistigen Wurzeln und historisch-politischen Begründungen des Offiziers und Soldaten. Das war vor fünfzig Jahren anders gewesen. Damals war es eine glückliche Idee, die Gründung der neuen Armee am 12. November 1955 mit dem 200. Geburtstag des großen preußischen Heeresformers Gerhard von Scharnhorst zu verknüpfen als eines herausragenden Repräsentanten des „guten Fadens“ deutscher Militär- und Staatsgeschichte. Er hatte die preußische Armee nach der vernichtenden Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 neu aufgebaut, Armee, Staat und Gesellschaft, die sich fremd geworden waren, wieder miteinander versöhnt im Zeichen eines „Bündnisses der Regierung mit der Nation“ und die Bürger als „geborene Verteidiger“ des Vaterlandes aufgerufen. Die militärische Führungsorganisation wurde reformiert, der Generalstab aufgebaut, die Ausbildung und das Disziplinarwesen der Truppe wurden menschenwürdig gestaltet, die Offizierlaufbahn wurde allen Tüchtigen ohne ständische Privilegien geöffnet. Die Parallelen zwischen 1806/07 in Preußen und 1949/55 in Deutschland waren deutlich; ein militärischer Neubeginn im Zusammenhang mit einer grundlegenden Neuordnung von Staat und Gesellschaft. Es ist ein beträchtliches Verdienst von Andreas Broicher, Brigadegeneral a.D., das Leben und Wirken dieses großen deutschen Heeresreformers in einer würdigen, gut lesbaren Darstellung nahezubringen – mit einer gut ausgewählten Bebilderung, einer umfassenden Zeittafel, um Scharnhorsts Leben historisch einordnen zu können, auch mit zahlreichen Schlachtenplänen von Jena, Auerstedt (1806) bis Waterloo (1815), geradezu ein Handbuch zur deutschen Militärgeschichte, das auch die Rezeption des Scharnhorstschen Erbes im 19. Jahrhundert und bis zu den großen Gestalten des 20. Juli 1944 wie General Ludwig Beck und Oberst Claus von Stauffenberg und bis zur Bundeswehr einschließt. Denn das eine ist sicher: Die Bundeswehr wird aus ihrer tiefen Krise in unseren Tagen nur herausfinden, wenn sie sich wie 1955 wieder entschiedener an Scharnhorsts Erbe orientiert. Auch in Zukunft werde deutsche Außen- und Sicherheitspolitik vorrangig in Bündnissen und Koalitionen verfolgt werden, bemerkte Köhler auf besagter Kommandeurtagung. Aber es müsse mehr als bisher darum gehen, wie sich die deutschen Belange und Interessen darin am besten vertreten lassen. „Wir brauchen darum durchgängig eine Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die agiert statt reagiert und die viel mehr von den Problemen und den eigenen Interessen her denkt als nur von den institutionellen Mechanismen und deren Eigenlogik her.“ Das ist die Absage an die bei uns auch in der Außen- und Sicherheitspolitik üblich gewordene Political Correctness und gewissermaßen Geist vom Geist Scharnhorsts in der Sprache unserer Zeit. Traditionspflege wesentlicher Teil soldatischer Ausbildung Auch in den Traditionserlassen der Bundeswehr von 1965 und 1982 ist aus dem Erbe Scharnhorsts für den Geist der Bundeswehr und die Motivation der Soldaten Wegweisendes enthalten: Das politische Mitdenken und die politische Mitverantwortung des Soldaten haben Scharnhorst und die anderen preußischen Reformer wie Gneisenau, Clausewitz und Boyen besonders hoch gehalten und damit beste Tradition des deutschen Soldatentums begründet anstelle eine wertneutralen Waffenhandwerkertums. Die genannten Erlasse sehen in der Traditionspflege einen wesentlichen Teil der soldatischen Ausbildung, insbesondere des Offiziers. Nur durch die dadurch vermittelten Werte und geistigen Wurzeln wird es möglich, wie es hier heißt, daß Soldaten und Offiziere „zu den geistig verantwortlichen und bewegenden Kräften der Zeit“ gehören. Diese für die Bundeswehr auch heute richtige Richtung wird vor allem von Scharnhorsts reichem Erbe gewiesen. Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaften an der Universität Hohenheim. 1997 veröffentlichte er das Werk „Scharnhorst. Stratege des Widerstands“ (Bechtle Verlag). Andreas Broicher: Gerhard von Scharnhorst. Soldat-Reformer-Wegbereiter. Helios Verlag, Aachen 2005, 271 Seiten, gebunden, Abbildungen, 25,80 Euro Bild: Gerhard von Scharnhorst: Politisches Mitdenken des Soldaten

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