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Am 27. September des vergangenen Jahres verstarb der sudetendeutsche Historiker Friedrich Prinz im Alter von 74 Jahren. Der am 17. November 1928 in Tetschen geborene Prinz war von 1965 bis 1975 Professor für vergleichende Landesgeschichte an der Universität Saarbrücken, von 1976 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1995 hatte er den Lehrstuhl für Mittelalterliche und Vergleichende Landesgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München inne. Einem großen Publikum bekannt wurde er als Autor zahlreicher Studien zur böhmischen und mährischen Geschichte, so wie des gemeinsam mit Peter Moraw verfaßten Bandes „Böhmen und Mähren“ aus der Siedler-Reihe „Deutsche Geschichte im Osten Europas“ . Nur wenige Monate vor seinem Tode stellte Prinz auf Bitte des Sudetendeutschen Archivs in München eine Sammlung von teils unveröffentlichten Aufsätzen aus seiner Feder zusammen. Das Ergebnis liegt nunmehr als erster Band einer neuen Reihe des Archivs unter dem Titel „Nation und Heimat – Beiträge zur böhmischen und sudetendeutschen Geschichte“ vor. Die Zusammenstellung ermöglicht einen überaus repräsentativen Querschnitt der Arbeit des Historikers von den sechziger Jahren bis zu seinem Tode. Die sich über nahezu alle Epochen der böhmischen und mährischen Geschichte erstreckende Darstellung reicht von den Beziehungen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und den westslawischen Ländern im 8. bis 12. Jahrhundert bis zur Integration der vertriebenen Sudetendeutschen in Bayern seit dem Ende der vierziger Jahre. Dennoch liegt der Schwerpunkt von Prinz‘ Schaffen in der Geschichte des 19. Jahrhundert. Die Bewertung der neueren Geschichte ist streitbar So nimmt auch im Sammelband die Geschichte dieser Epoche den größten Raum ein. Dabei imponieren die unterschiedlichen thematischen Ansätze, mit denen sich der Autor dieser für das Verhältnis von deutscher, tschechischer und jüdischer Bevölkerung so nachhaltigen Epoche nähert. Dies reicht vom 100. Todestag des tschechischen Historiographen Frantisek Palacky über die Beteiligung von Sudetendeutschen an der bürgerlichen Revolution von 1848/49, die biographischen Angaben zum „Bauernbefreier“ Hans Kudlich bis zu Fragen der Religion und des Schulwesens in den böhmischen Ländern im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei sind seine Thesen bekanntlich auch bei Sudetendeutschen nicht unumstritten. Einige Mängel offenbart der Band im Bereich des Lektorats, die vermutlich auf die schnelle Produktion dieses Projektes nach dem Tode Prinz‘ zurückzuführen sind. So enthalten die Aufsätze „Demokratie und Nationalismus in den Böhmischen Ländern“ und „Probleme der böhmischen Geschichte 1848-1914“ zahlreiche deckungsgleiche Passagen. Auch in anderen Kapiteln tauchen Wiederholungen auf. Ungeachtet dieses Mangels ist der Sammelband für alle Interessenten der böhmischen Geschichte unverzichtbar. Da die Texte trotz ihres wissenschaftlichen Charakters nicht nur Historikern verständlich sind, ist diese Reihe auch einem größeren Publikum zuzudenken. Auf die weiteren Bände der Reihe, so die angekündigte Geschichte der Beziehungen zwischen den k.u.k.-Nachfolgestaaten Tschechoslowakei und Österreich zwischen 1918 und 1938, darf man gespannt sein. Friedrich Prinz: Nation und Heimat – Beiträge zur böhmischen und sudentendeutschen Geschichte (Quellen und Studien zur Geschichte und Kultur der Sudetendeutschen Band 1), Sudetendeutsches Archiv München 2003

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