Guten Appetit!

Jeder Hobbypsychologe weiß, daß Verbotenes mehr Spaß macht als Erlaubtes. Doch auch dieses Klischee ist vom technischen Fortschritt längst eingeholt worden. Einst sah es so aus, als ob das Sexuelle vor allem durch seine Tabuisierung zum Zentrum der Aufmerksamkeit werde. Stimmte das aber, so dürfte eine Sendung wie „Sex and the City“ nicht so gute Einschaltquoten haben. Denn weder wird Promiskuität hier durch gesellschaftliche Ächtung bestraft, noch müssen die Serienheldinnen Angst vor ungewollter Schwangerschaft oder öffentlicher Steinigung haben. Trotzdem kommt die vielstrapazierte Thematik beim Publikum immer wieder gut an. Sex als Sportart ohne Risiko für Menschen zwischen 16 und 60 erfreut sich gleicher Beliebtheit wie die „gefährlichen Liebschaften“ des galanten 18. Jahrhunderts mit seinen Duellen und vergifteten Pralinen. Unsere Psychologie scheint nicht ganz aufzugehen. Am Ende würde auch das Ausräumen von Banksafes und Juwelierläden weiter betrieben, wenn es im Strafgesetzbuch nicht mehr vorkäme. Dafür spricht die ungebrochene Rauflust von Jungen, nachdem Lehrer und Väter mit ihren Stöcken nicht mehr eingreifen dürfen. Brutalität und Begierde steigern sich offenbar, wenn ihnen keine Grenzen mehr gesetzt sind, ins Unermeßliche, anstatt aus lauter Langeweile ganz von selbst zu verschwinden. Das verwundert nicht nur den Laien, sondern läßt auch moderne Pädagogen ratlos zurück. Nach der Antibaby-Pille schickt sich die Wissenschaft in diesen Tagen an, auch den zweiten Grundtrieb von seinen natürlichen Schranken zu befreien. Denn bisher hinterläßt wenigstens der ungehemmte Konsum von Gummibärchen, wenn schon nicht der von Sexualpartnern, auf dem Körper unerwünschte Rundungen. Je mehr aber solche Spuren der Ausschweifung gefürchtet sind, desto stärker treibt der Wunsch nach Wiederholung den armen Sünder und die arme Sünderin zu den Tempeln der Lust, wo Schokoriegel, Nußecken, Pizzaschnitten, Käsebrötchen und eisgekühlte Cola prall und appetitlich sich anbieten – zu Preisen, von denen St. Pauli nur träumen kann. Geben wir nur einen Augenblick der Vorstellung Raum, dies alles könne ohne Furcht vor negativen Folgen genossen werden von morgens bis abends! Die Phantasie reicht nicht aus, wenn Diäten künftig kein Thema mehr sein sollten, und zwar nicht, weil sie endlich funktionieren, sondern weil sie nicht mehr nötig sind. Das Wunder ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren: Ein Team von Forschern der Universität Toronto, Texas, um Wadih Arap hungert Fettzellen aus, indem sie ihnen mit Hilfe eines künstlichen Proteins die Blutzufuhr abschneiden und sie mit einem zweiten Eiweiß zur Selbstzerstörung animieren. Bei Mäusen klappt es bereits: Trotz kalorienreicher Ernährung wird eine kontinuierliche Gewichtsabnahme erreicht. – Was ist dagegen die Relativitätstheorie? Süßwarenindustrie und italienische Gastronomie beschäftigen ihre Marketingabteilungen bereits mit folgender Frage: Wird das Schwere, Fette und Süße ohne den Geruch des „Sündigen“ überhaupt noch verlockend sein? Denn in Wirklichkeit, seien wir ehrlich, schmeckt es ekelhaft, vor allem nach der zweiten Portion. Zumindest braucht es, wie beim Alkohol und beim Sex, eine jahrelange Gewohnheit, damit man richtig abhängig wird. Und gerade für die Kids könnte die Attraktivität zunächst doch am Verbotenen hängen. Das Experiment ist spannend: Werden in ein paar Jahren die Menschen, nachdem sie morgens eine kleine Pille geschluckt haben, rund um die Uhr schlingen und fressen, was das Zeug hält, oder stellt sich doch ein Überdruß ein und lenkt die Begierden auf Höheres? Das ist eine philosophische Frage. Agiert der Mensch nur, um natürliche Löcher zu stopfen, wie Arnold Gehlen es annimmt, oder wohnt ihm ein primärer Drang nach dem Absoluten inne? Das „Mängelwesen“ hat sich auf technischem Wege den Überfluß erschlossen und zuletzt auch die Mängel des Überflusses technisch beseitigt. Fragen wir nicht nach dem Sinn des Unternehmens, sondern freuen uns auf das Verschwinden der beweglichen Fettspeicher aus dem Straßenbild. Sie werden allmählich zum Anachronismus.

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