Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Muppet vom Prenzelberg

Technische und finanzielle Hindernisse bei der Publikation von Absonderlichkeiten spielen im Internet keine Rolle. Jeder kann mit einem minimalen Aufwand an Wissen und Geld eine Internetpräsenz aufbauen, in der er sich präsentieren kann. Auch unsere Politiker scheuen nicht davor zurück. Während sich viele um eine eher brave Selbstdarstellung bemühen, schöpfen andere aus dem vollen. Daher darf es auch nicht verwundern, daß Wolfgang Thierse so allerhand von sich gibt. Seine Netzpräsenz ist mehr als einen Blick wert. Die Startseite ist übersichtlich gestaltet, Thierse präsentiert sich schlicht und schön. Wie in einem Film laufen auf der linken Seite kleine Bildchen vor dem Auge des Betrachters ab, die ihn gut frisiert in schickem Outfit zeigen – eben so richtig weltmännisch. Natürlich muß jeder gleich mitbekommen, daß unser Bundestagspräsident sich vor allem gegen Rechtsextremismus engagiert. Daher auch gleich in der Mitte der Hinweis auf seinen Initiativismus mit 19 Links zu den allerschönsten „Kampf gegen Rechts“-Seiten – nebst gaanz schicken Fotos inmitten des Christopher Street Days mit Strohhut. Das Neuste gibt es unter „Aktuelles“. Und was da auf uns wartet! Wolfgang Thierse heißt jetzt Dr. Wolfgang Thierse, da er die Ehrendoktorwürde der Universität Münster erhalten hat. Warum er die bekommen hat? Die Laudatio gibt Auskunft: „Wolfgang Thierse ist einer der wenigen Intellektuellen und philosophischen Köpfe in der Politik. Wolfgang Thierse ist einer der wenigen Angehörigen der politischen Klasse, die Glaubwürdigkeit besitzen und integer sind.(…) Und nicht zuletzt ist er einer der wenigen Politiker, ja Sozialdemokraten, die zu allererst programmatisch denken und jedem Populismus abhold sind.“ Wenn das schon für einen Ehrendoktor reicht, obwohl es nicht einmal stimmt, dann können wir darauf warten, bis Guido Westerwelle einen für seine Frisur bekommt. „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, im neuen Jahr wird alles besser“, startete Wolfgang Thierse seine Neujahrsansprache im Deutschlandfunk für das Jahr 2004. Selbstverständlich läßt sich auch das der Startseite unseres Bundestagspräsidenten entnehmen. Der zweitwichtigste Mann nach Johannes Rau und vor Gerhard Schröder verlangt Optimismus. Wer jetzt glaubt, es kann kaum schlimmer kommen, sieht sich getäuscht: Wolfgang Thierse trifft Maybritt Illner, ein Ereignis, auf das die Menschheit gewartet hat. Beide waren gut aufgelegt und machten einen Rollentausch: Thierse interviewt Illner. Frech fragt er nach dem beruflichen Werdegang der Journalistin. Schließlich war sie im „Roten Kloster“, der einzigen akademischen Journalistenschule der DDR in Leipzig. „War das nicht alles ein bißchen sehr ideologisch, konnte man da wirklich von einem freien und unabhängigen Journalismus sprechen?“ fragt er. Doch wohl eher nicht, meinte Thierse. Aber da brach Illner dann doch eine Lanze für ihre alte Ausbildungsstätte: „Ich habe da das journalistische Handwerk gelernt. Den Kommentar, die Glosse, die Reportage und die Moderation. Das war gleichwertig mit dem, wie im Westen ausgebildet wird.“ Das ist schon richtig – inzwischen behauptet ja auch niemand mehr, daß sich der Journalismus der DDR wesentlich vom gesamtdeutschen Gesinnungsjournalismus unterscheidet. Weiter geht es mit dem Wahlkreis. Da zeigt er sich mit seinen Freunden. Peter Sodann, von Beruf „Tatort“-Kommissar und Regisseur, muß für die Thierse-Propaganda herhalten. Nicht besser geht es dem Trainer von Energie Cottbus Ede Geyer. Natürlich ist er für alle da. „Regelmäßig mache ich Kiez-Spaziergänge und nehme an Diskussionveranstaltungen mit Vereinen und Initiativen teil. In Jugendclubs und Schulen führe ich Gespräche mit jungen Leuten, Lehrern und Sozialpädagogen“, so die Selbstauskunft. Ob staatliche Ballettschule, Kinderbauernhof oder Körperbehindertenschule, Thierse besucht sie alle. Und natürlich das wichtigste: „Gemeinsam mit meinen Mitarbeitern halte ich Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern im Wahlkreis.“ Nicht nur zu denen. Auch zu den Muppets hält er Kontakt. Neben Abbildungen von Politgrößen wie dem russischen Präsidenten Vladimir Putin, der Königin Elisabeth II. oder dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai begrüßt unser Parlamentspräsi Erni und Bert im Reichstag. Auf mehreren Bildern kuschelt er mit lebensgrossen Knuffeltieren. In dem Fusselberg ist kaum mehr unterscheidbar wer der Bundestagspräsident und wer das Krümelmoster ist. Da erschließt es sich fast gar nicht mehr, warum Tom Cruise keinen Film im Gebäude drehen darf. Wie wenig qualifizierte Auswahl die SPD an politischem Personal hat, gibt der Mann, den Helmut Kohl als schlechtester Präsident seit Herman Göring bezeichnet hat, selbst unter dem Link SPD zu: „Seit Juni 1990 Vorsitzender der SPD ‚Ost‘, wurde ich auf dem Vereinigungsparteitag der SPD Ende September 1990 zum ersten Mal in das Amt des Stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt. Seitdem wurde ich auf jedem darauffolgenden Parteitag, dem obersten Gremium der Partei, wiedergewählt.“ Gemeinschaftskundeunterricht gibt es unter dem Link „Bundestagspräsident“. „Der Bundestagspräsident vertritt den Bundestag nach außen. Er ist Adressat aller Gesetzesentwürfe sowie aller ans Parlament gerichteten Petitionen oder Eingaben“, und „Als Präsident des Bundestages, der nach dem Staatsoberhaupt, dem Bundespräsidenten, die zweite Position in Deutschland einnimmt, repräsentiere ich das Deutsche Parlament im In- und Ausland, in internationalen parlamentarischen Mitgliedschaften und bei Staatsbesuchen. Dabei erörtere ich regelmäßig mit Repräsentanten anderer Staaten Fragen der parlamentarischen Arbeit und aktuelle politische Themen.“ Außerdem ist er Chef des Reichstagsgebäudes, was er allerdings zu erwähnen vergessen hat. Thierse ist nicht nur Bundestagspräsident. Sein Amt läßt ihm ausreichend Zeit, noch anderen lustigen Aktivitäten nachzugehen. Selbstverständlich ehrenamtlich, als Parlamentarier verdient er schließlich genug. So ist der Breslauer Mitglied im „Förderkreis Politische Rhetorik“ – wer seine Reden gehört hat (in denen die Leser der JF schon mal pauschal als rechtsextrem bezeichnet werden), kann es kaum glauben. Und dann kommt eine Auflistung von Vereinen, die ihresgleichen sucht: der „Förderverein Internationales Museum für verfolgte Kunst – Israel e.V.“, „Für die Zukunft lernen – Verein zur Erhaltung der Kinderbaracke Auschwitz-Birkenau“, „Verein für mich, für uns, für alle“, „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“, „Verein der Freunde von Neve Shalom/Wahat al Salam e.V.“, „Keine Angst vor Deutschland GmbH“ und die „Internationale Dimiter-Peschev-Stiftung“ sind nur einige der wenigen Vereine, in denen der bekennende Krümelmonsterfan aktiv ist. Freizeit hat Thierse auch manchmal. Er spielt gerne Skat, allerdings höchstens einmal im Jahr, und dann im Deutschen Bundestag. Ansonsten wirbt er gerne für Interkulturelle Kindergärten, Toleranz und unterschreibt Plakate gegen Ausländerfeindlichkeit. Wer solche spannenden Aktivitäten auch mag oder gerne mal mit Wolfgang Thierse über den jüdischen Friedhof Schönhauser Allee schlendern möchte, ist herzlich eingeladen, in Kontakt mit unserem hohen Repräsentanten zu treten. Zu finden ist er unter: www.wolfgang-thierse.de .

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