Joachim Kuhs

 

Wahrheit nach unterschiedlicher Priorität

Unmittelbar nach der Wende waren die Zeitungen voll von Berichten über Entdeckungen von Massengräbern der sogenannten sowjetischen „Speziallager“ auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Das Leid Zigtausender unschuldiger Gefangener unter menschenunwürdigen Bedingungen drang erstmals ins Bewußtsein der Öffentlichkeit. Doch in den letzten Jahren ist es um dieses Thema merkwürdig still geworden. Bei Führungen – etwa durch die Gedenkstätte Sachsenhausen, wo der Verfasser dieser Zeilen als junger Schüler von 1947 bis 1950 eingesperrt war – wird den Besuchern weisgemacht, die Sowjets hätten in den ehemaligen Nazi-KZs Kriegsverbrecher und Nazi-Größen inhaftiert. Ein Museum, das Lügen und Halbwahrheiten über das sowjetische Lager nach 1945 darstellt, wird schamhaft außerhalb der Gedenkstätte versteckt, und daß es zu sowjetischer Zeit eine zweite Zone mit 52 Baracken außerhalb der jetzigen Umfassungsmauer gab, wird dem ahnungslosen Besuchern sogar verschwiegen. Die Proteste der Häftlingsverbände gegen diese Desinformationspolitik blieben unbeachtet. Schließlich hat Gedenkstättenleiter Günter Morsch schon 1994 unmißverständlich erklärt, für ihn hätten die „Opfer des Nazi-KZs erste, zweite und dritte Priorität“. Nunmehr gibt es eine als „wissenschaftlich“ getarnte Publikation, die geradezu haarsträubende Falschinformationen verbreitet: die in der Reihe „Studien und Berichte“ unter der Regie von Alexander von Plato erschienene Dokumentation „Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950“. Unter den Mitherausgebern finden wir – wie könnte es anders sein – Günter Morsch, der sich seit einiger Zeit mit dem Professorentitel schmücken darf. Eine seiner ehemaligen Mitarbeiterinnen, die gebürtige Russin Natalia Jeske, hat den wohl unverschämtesten Beitrag zum Thema geliefert. Kein Wort darüber, daß Sachsenhausen bis zum Sommer 1949 Schweigelager war. Zusätzlich zu den unmenschlichen Lebensbedingungen der Internierten und Inhaftierten – Hunger, Seuchen, katastrophale hygienische, medizinische und Unterbringungsverhältnisse – hatten die Häftlinge keinerlei Verbindung zu ihren Angehörigen. Und diese hatten keinerlei Ahnung, wo sich die „Abgeholten“ befanden, ob sie überhaupt noch am Leben waren. Davon erfährt man bei Jeske kein Wort. Im Kapitel „Versorgung, Krankheit, Tod in den Speziallagern“ schreibt sie wörtlich: „Die im Sommer 1949 vorgenommenen ‚Liberalisierungsschritte‘ (die verurteilten Häftlinge in den Lagern Bautzen und Sachsenhausen durften Pakete und Geldüberweisungen von den Angehörigen erhalten und, wie es in den Gulag-Lagern üblich war, in den neu errichteten Verkaufspunkten Lebensmittel und eine Reihe von Toiletten- und Kleidungsgegenständen kaufen) kamen zu spät und konnten die gesundheitliche Situation nicht bedeutend beeinflussen.“ Niemand, der Bautzen und Sachsenhausen überlebt hat, weiß auch nur das geringste von solchen Paketen, Geldsendungen oder Verkaufspunkten. Entsprechende Korrekturen werden auf ewig vertröstet Der ehemaligen Bautzen- und Sachsenhausenhäftling Erich Meissner, der sich deswegen empört an die Gedenkstätte Sachsenhausen wandte, erhielt von dort von einer gewissen Frau Knop die lapidare Antwort, die redaktionelle Arbeit an der Dokumentation sei bereits 1997 abgeschlossen worden, und zu diesem Zeitpunkt habe man noch keine Kenntnis von den tatsächlichen Zuständen im Lager gehabt – eine glatte Lüge! Denn spätestens ab 1991 war die Gedenkstätte durch Zeitzeugen genauestens über die wahren Zustände im Lager informiert. Die Zusicherung, daß die „nicht korrekte“ Darstellung „selbstverständlich bei der Überarbeitung der Publikation berücksichtigt“ werde, hilft kaum weiter. Denn ob es je eine solche Überarbeitung geben wird, ist mehr als zweifelhaft. Inzwischen ist das Werk auf Kosten des deutschen Steuerzahlers an Tausende von öffentlichen Bibliotheken verbreitet worden. Dem CDU-Landtagsabgeordnete Christoph Schulze, der sich wegen dieser Ungeheuerlichkeit an die brandenburgische Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) in Potsdam gewandt hatte, wurde ebenfalls mitgeteilt, daß in einer späteren Auflage entsprechende Korrekturen vorgenommen würden. Doch der Skandal der offensichtlichen Fälschungen ist damit noch nicht zu Ende. Jeske zitiert eine Reihe von angeblichen sowjetischen Dokumenten, nach denen höchste Stellen in Moskau sich bemüht hätten, die hygienischen und gesundheitlichen Zustände in den Lagern zu verbessern und die Sterblichkeit von 15 auf 0,25 Prozent zu senken. „In den Lagern werden unsere Gegner festgehalten“, zitiert sie einen vorgeblichen Erlaß des Innenministers der UdSSR, „aber in keiner einzigen Anordnung ist die Rede von einer Erhöhung der Sterblichkeit.“ Keinesfalls, will die promovierte Historikerin wissen, ließe sich die hohe Sterblichkeit in den Lagern als „Folge einer einkalkulierten und kaltblütig betriebenen Vernichtungsstrategie“ erklären. Vielmehr wären es unterschiedliche, oft widersprüchliche „Interessen“ und „organisatorische bzw. administrative Unstimmigkeiten“, die eine Durchsetzung der von oben angeordneten Maßnahmen verhindert hätten. Nachdem sie eben noch die Anordnung zitiert hatte, die Sterblichkeit von 15 auf 0,25 Prozent zu senken, behauptet sie ein paar Abschnitte weiter, die oberen sowjetischen Verwaltungsorgane seien sich über das Schicksal der Lagerinsassen „nicht im klaren“ gewesen. Den Gipfel der Unverfrorenheit erreicht Jeskes Darstellung, wenn sie versucht, die obersten sowjetischen Instanzen von aller Schuld am Massensterben in den Lagern reinzuwaschen und die Verantwortung dafür unteren Stellen zuzuschieben. Man bedenke: dies alles geschah zu Lebzeiten Stalins! Damals wären alle Stellen, die – ob unfähig oder böswillig – Befehle von oben derart mißachteten, im günstigsten Fall in Sibirien gelandet oder sogar erschossen worden. Statt dessen wurde der Lagerkommandant von Sachsenhausen, Alexej Kostjuchin, mit einer der höchsten sowjetischen Auszeichnungen, dem Lenin-Orden belohnt. Gedenkstättenleiter Morsch hat sich bisher in keiner Form von den absurden und verlogenen Darstellungen seiner einstigen Untergebenen distanziert, sondern sich diese sogar zu eigen gemacht.

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