Schwarze Schatten auf den Grabungsstätten

Alle höhere Kultur kommt aus dem Nahen Osten, so lautet das gängige Vorurteil der Ur- und Frühgeschichte. In deutschem Boden wird daher von den Fachwissenschaften konsequenterweise auch kaum nach ihren Resten gesucht. Die Initiative von Raubgräbern war nötig, um daran etwas zu ändern. Sie griffen in Sachsen-Anhalt zur Schaufel und gruben die älteste bekannte Himmelsdarstellung der Menschheit aus, die Sternscheibe von Nebra. Diese Scheu der Fachwissenschaftler hängt wie so vieles andere in der Bundesrepublik auch mit der jüngeren Geschichte zusammen, denn es gab tatsächlich nur wenige Jahre, in denen die Ur- und Frühgeschichte besondere staatliche Förderung genossen hat, die Zeit zwischen 1933 bis 1945. So hat also die Urgeschichte mit ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus zu kämpfen, und das ist eins der Themen von Uta Halle. Es geht ihr auf professioneller Ebene um die Auswertung der Fundergebnisse von Ausgrabungen an den Externsteinen von 1934/35, vor allem aber um die nationalsozialistische Forschungspolitik dieser Zeit. Sie zeigt, daß das nationalsozialistische Interesse an den Externsteinen zunächst weitgehend fehlte und erst von einer Gruppe um den rührigen archäologischen Laien Wilhelm Teudt geweckt werden mußte. Externsteine als „germanisches Stonehenge“ Teudt hatte seit den zwanziger Jahren mit viel öffentlichem Erfolg die Ansicht vertreten, die Externsteine wären das „germanische Stonehenge“. Gegen den Trend der Facharchäologie gelang es dieser Gruppe, Heinrich Himmler und die SS für ihre Theorien zu gewinnen. Deshalb wurden umfangreiche Ausgrabungen an den Externsteinen vorgenommen, bei denen Geld oder Zeit kaum eine Rolle spielten, die aber trotzdem von dem beauftragten Privatdozenten von vornherein so mangelhaft angelegt und dokumentiert wurden, daß die Funde kaum noch zugeordnet werden können. Dabei bestätigte sich zudem einmal mehr die alte Weisheit, daß einen langen Löffel haben muß, wer mit dem Teufel soupieren will. Himmler machte die Externsteine zur Chefsache und beanspruchte nach und nach die Deutungshoheit über ihre Funktion für sich. Wer dagegen meckere, werde erschossen, hieß es dann schließlich. Erschossen wurde zwar niemand, aber Himmler griff immer wieder direkt ins Geschehen ein, entzog Teudt wegen dessen Renitenz 1938 die bis dahin gewährte Unterstützung und strich später seinen Namen ganz aus der von ihm gegründeten Zeitung. Den Fremdenführer an den Externsteinen Fritz Fricke ließ er ins KZ Oranienburg bringen. Waren die Externsteine diese Aufregung wert? Nein, sagt Halle, die zum ersten Mal ausgiebig die Funde von damals ausgewertet hat, unter denen sich nichts findet, was auf eine germanische Nutzung hinweist. Alle Funde weisen entweder in die Steinzeit oder ins Mittelalter ab dem zehnten Jahrhundert. Die anderslautenden Interpretationsversuche der Ausgräber von 1935 blieben deshalb stets so offensichtlich spekulativ, daß auch Himmler das Interesse an der Sache verlor. Die SS ging einen anderen, leichteren Weg. Statt weiter ein germanisches Stonehenge in Deutschland zu suchen, wurde Stonehenge als germanisches Bauwerk interpretiert. Den Externsteinen, über deren ursprüngliche Funktion sich auch Uta Halle kein letztes Urteil zutraut, hat das nichts von ihrem zu Spekulationen reizenden Flair genommen. Schließlich paßt die Himmelsscheibe von Nebra doch offensichtlich gut in das berühmte „Beobachtungsloch“ auf Felsen zwei. Foto: Die Externsteine bei Paderborn: Alle Funde reichen entweder in die Steinzeit oder das Mittelalter zurück Uta Halle: „Die Externsteine sind bis auf weiteres germanisch“ – Prähistorische Archäologie im Dritten Reich. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2002, gebunden, 282 Seiten, 49 Euro

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