Neue Technologien: Symposion: „Öffentliche Sache: Biomedizin“ im Max-Delbrück-Zentrum

Als die erste Mondlandung im Fernsehen übertragen wurde, sah die westliche Welt voller Staunen zu. Alle kleinen Jungen wollten Astronaut werden. Beim Human Genom Project hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Woran liegt das? Keiner dachte bei der Raumfahrt an die dahintersteckenden militärischen Ziele. Aber bei der Gentechnik denkt jeder gleich an Frankenstein oder zumindest an Lebensborn. Ein verbreiteter Irrtum ist es, den Grund in mangelnder Sachkenntnis zu suchen. Reto U. Schneider, Wissenschaftsjournalist bei der Neuen Zürcher Zeitung, ist diesem Irrtum schon oft in den Forschungsabteilungen großer Unternehmen begegnet. Sie sind mit der Vermittlung ihrer Anliegen nicht zufrieden. Entweder sei die Darstellung biotechnischer Verfahren für den Laien unverständlich, oder die Journalisten ließen ihre eigene ablehnende Haltung mit einfließen. Die Presse weist diese Vorwürfe von sich. Was solle man machen, wenn Wissenschaft nun einmal nicht so „hip“ ist wie die Popbranche? Biomedizin als „öffentliche Sache“ war Thema einer eintägigen Diskussionsveranstaltung im Max-Delbrück-Zentrum in Berlin-Buch in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es sprachen Karl Sperling, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik, Margot von Renesse, Vorsitzende der Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“, Professor Jens Reich vom MDC und andere. Niemand wußte so recht eine Antwort auf die Unpopularität seiner Sache. Schneider hat wohl recht, das Vertrauen zum Beispiel auf die Luftfahrt hat wenig mit Wissen zu tun. Kaum ein Fluggast kann auch nur im Ansatz erklären, warum sich die schwere Maschine vom Boden abhebt. Die Technik ist längst zu einer neuen Magie geworden, an die man eben glaubt oder nicht. Um mehr Glauben zu finden, schlägt Schneider vor, sollten Wissenschaftsvermittler ruhig einmal zu dem verpönten Mittel der Personalisierung schreiten. „Genetiker sind auch Menschen“ – allerdings im Normalfall weniger attraktiv als Sportler oder Bandleader. Besser trifft dann schon die zweite Vermutung, daß die meisten Menschen nur das interessiert, was sie selbst betrifft. Die Raumfahrt ist da kein Gegenargument, denn den Mond betrachtet jeder, und die Frage, wie man dort hinkommt, drängt sich bei dem appetitlichen Anblick von selber auf. Stammzellen hingegen brauchen nur Kranke, und auch die sollten sich nicht zu früh freuen. Doch spätestens wenn das Klonen von Haustieren für jedermann erschwinglich ist, wird das Interesse garantiert auf die Biowissenschaften überschwenken. Ein breites Publikum will keine Erklärungen und Spekulationen, sondern pralle Bilder. Den tänzelnden Mondmenschen oder dem auferstandenen Bello, im Idealfall mit eingebautem Sprechapparat, kann keiner widerstehen. Parkinson-Patienten hingegen, denen es ein wenig besser geht als früher, haben nun wirklich keinen Sex-Appeal.

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