Falsche Hoffnungen Carl Gustaf Ströhm

Aus Kindheitstagen ist uns bekannt, wie ambivalent die Erfüllung eines Herzenswunsches wirken kann. Da wünscht man sich sehnlichst etwas – und bekommt es nicht. Und wenn es dann doch auf dem Gabentisch liegt, erscheint es plötzlich als Nebensache. Gewiß werden jene mittel- und osteuropäischen Staaten, denen im November 2002 in Prag die Aufnahme ins westliche Militärbündnis zugesagt wurde, die Behauptung, daß ihnen eine Nato-Mitgliedschaft nichts mehr bedeute, weit von sich weisen. Dennoch hat sich das Bündnis, das sie vor allem als Garantie gegen einen möglichen Angriff Rußlands betrachten, seit dem Zerfall der Sowjetunion in einem Punkt grundlegend geändert: Es gibt keinen sichtbaren „Feind“ mehr. Schon zu Beginn der neunziger Jahre bemerkte der renommierte finnische Spitzendiplomat Max Jacobsen prophetisch, es sei ihm in der Geschichte kein Militärbündnis bekannt, das seinen Existenzzweck überlebt habe. Die These war klar: Ohne Sowjetunion kann die Nato eigentlich nicht existieren. Wer die Ereignisse seit 1990 genauer analysiert, kommt bald zur Schlußfolgerung: die Nato hat seither an politisch-strategischem Gewicht verloren. Ihr einziger „Bündnisfall“ – die Intervention 1999 gegen Serbien – war mehr eine Polizei- als eine Militäraktion. Soldatische Glanzleistungen waren die Luftschläge gegen das damalige Belgrader Milosevic-Regime kaum. Statt dessen ging der Begriff collateral damage (Kollateralschaden) als euphemistische Umschreibung für Verluste unter der Zivilbevölkerung in den internationalen Wortschatz ein. Zwei Elemente haben zu einem weiteren Prestigeverlust der Nato beigetragen. Einmal ist da George W. Bush mit seinem unbekümmerten Unilateralismus. Der US-Präsident gibt zu verstehen, daß man im Kampf gegen den Terrorismus die Nato nicht brauche – und wenn, dann nur als Hilfsaggregat zur Durchsetzung amerikanischer Ziele und Prioritäten. Die Tatsache, daß 1999 wieder ein Brite – Lord Robertson – Nato-Generalsekretär wurde, verdeutlicht angesichts der engen Allianz zwischen Washington und London, daß die Nato heute mehr denn je eine Expositur der US-Strategie wurde. Zum anderen hat sich die Weltlage grundlegend geändert. Rußland ist nicht mehr wie zur Zeit Ronald Reagans das „Reich des Bösen“, sondern ein wichtiger strategischer Partner und „Freund“ der USA. Seit dem 11. September 2001 hat sich diese Interessengemeinschaft noch verstärkt. Welche Folgen das hat, zeigt sich am Beispiel Tschetscheniens. Die baltischen Völker haben den Unabhängigkeitskampf der Tschetschenen mit Sympathie verfolgt. Vor allem in Estland ist die Erinnerung an den ersten tschetschenischen Präsidenten, Dschochar Dudajew, lebendig, der als Sowjetgeneral bereits vor 1989 mit der estnischen Unabhängigkeitsbewegung Verbindung aufnahm. Doch nun sind die Tschetschenen aus US-Sicht nicht mehr Freiheitskämpfer, sondern Terroristen. Bezeichnend ist, daß Rußland nach dem Geiseldrama von Moskau die Schließung tschetschenischer Verbindungsbüros in den baltischen Hauptstädten verlangte. Wenn die Balten demnächst Nato-Vollmitglieder sind, werden sie entdecken, daß im Brüsseler Hauptquartier bereits hohe russische Offiziere sitzen. Das macht die Schutzfunktion der Nato gegen einen russischen Angriff zumindest problematisch. Man muß an die alte Weisheit denken: Die meisten Wünsche werden einem im Leben erfüllt. Nur leider fast immer um eine Nummer kleiner, als man es gern gehabt hätte.

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