Neue Technologien: BPE-Jahrestagung in Kassel

Wußten Sie schon, daß die psychiatrischen Kliniken in Deutschland jährlich Tausende von Toten produzieren? Die Patienten werden entweder durch Medikamente vergiftet oder von unmenschlichen Psychiatern in den Freitod getrieben. Man kann es kaum glauben, hat derartiges bisher nur aus der Sowjetunion gehört, doch ernst müssen solche Anschuldigungen genommen werden, kommen sie doch aus berufenem Munde, vom Bundesverband der Psychiatrie-Erfahrenen e.V. Letztes Wochenende in Kassel fand die Jahrestagung statt.

Ein Verein zur Interessenvertretung von Patienten ist inzwischen nichts Neues mehr. Von Diabetikern über Krebspatienten bis hin zu Parkinson-Kranken und deren Angehörigen sind sie alle bestens organisiert. Doch die Psychiatrie – obwohl ein reguläres medizinisches Fachgebiet in einer Reihe nicht nur mit Neurologie, sondern auch mit Dermatologie oder Orthopädie – spielt mal wieder eine Sonderrolle. Wer wegen einer manisch-depressiven oder schizophrenen Psychose einmal oder wiederholt stationär behandelt wurde, nennt sich hinterher nicht etwa psychose-erfahren, sondern psychiatrie-erfahren. Wenigstens für die Lobbyisten in Kassel ist das ein gewaltiger Unterschied. Im ersten Fall übernimmt man den Krankheitsbegriff, wie er von der Medizin definiert wurde. Zwar tun dies die Krebskranken auch, sie sehen aber gar kein Problem darin. Keiner von ihnen würde behaupten, daß es Krebs eigentlich gar nicht gebe und diese angeblich so gefährliche Krankheit nur eine schlitzohrige Erfindung der Ärzte, vor allem aber der Pharmaindustrie sei, die unbedingt ihre ekelhafte Chemotherapie an den Mann bringen wolle.

Obwohl an Krebs noch erheblich mehr Menschen jährlich sterben als an psychiatrischen Diagnosen, regt sich hier keinerlei Protest gegen die Medizin als eine "kriminelle Vereinigung", wie ein Teilnehmer in Kassel es formulierte. Alle anderen Patienten lassen sich also widerstandslos "stigmatisieren", denn als Stigma dürfte eine Schuppenflechte mindestens ebenso wirken wie zwanghaftes Händewaschen. Die einzigen, die jene große Verschwörung von Ärzten, Klinikbetreibern, Krankenkassen, Pharmazeuten und Politikern durchschaut haben und mutig dagegen angehen, sind diejenigen, die man offiziell für verrückt hält. Eine bessere Bestätigung der Theorie könnte es gar nicht geben. Andrea Fischer, zwar nicht mehr als Gesundheitsministerin tätig, aber den Psychiatrie-Opfern immer noch herzlich zugetan, schickte ein Grußwort.

Wir geben zu, es ist nicht ganz einfach. Objektiv-wissenschaftlich mag es das gleiche sein, im Erleben sieht es komplett anders aus, ob die Leber krank ist oder das Gehirn. Die sogenannte "Krankheitseinsicht" bedeutet im Fall einer Psychose, sich selbst zumindest zeitweise zu entmachten. Das ist ein Widerspruch in sich. Noch unheimlicher ist es zu erleben, wenn die Einnahme eines chemischen Stoffes zur Wendung der eigenen Gedanken führt. Was im Grunde für alle Menschen gilt, daß das Ich nur ein Resultat ist und nicht selbst gesetzt, wird den Konsumenten von Psychopharmaka in aller Deutlichkeit demonstriert. Sie wehren sich gegen Neuroleptika und Antidepressiva, weil sie ihr Leben selbst auf die Reihe kriegen wollen. Doch das geht nur so lange, wie der Körper es will. Insofern könnte ein bißchen "Erfahrung" in dieser Hinsicht den Freiheitsschwaflern aller Richtungen gar nichts schaden.

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