Im Schatten Ludwig Erhards

Er zählt zu den fast vergessenen großen Deutschen dieses Jahrhunderts. Wenn man sich einmal fragen wird, was die Deutschen der Welt bedeutet haben, wird man auf die einprägsamen Formeln zurückgreifen: Deutschland, das Volk der Dichter und Denker, wird Goethe und Schiller nennen; Deutschland, das Volk der Richter und Henker, mit Hitler und Himmler und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im günstigsten Falle das der Schichter und Schenker, dessen nationales Symbol die stabile D-Mark geworden ist. Für sie stehen zwei Männer, von denen nur noch der eine in aller Munde ist: Ludwig Erhard. Der andere – Wilhelm Vocke – ist fast vergessen. Nur auf alten Zwanzig- oder Fünfzigmarkscheinen findet sich sein Namenszug. Er war es in Wirklichkeit, der als erster Präsident der Bank Deutscher Länder, der Vorläuferin der Bundesbank, mit dem ganzen Nachdruck seiner Person, seiner über mehrere Regime hinwegreichenden finanzpolitischen Erfahrung und im festen Widerstand gegen staatliche und private Verschwendung die stabile Mark aufgebaut und die Linie deutscher Finanzpolitik vorgezeichnet und bis zu seinem endgültigen Konflikt mit Adenauer vertreten hat. Darin war er trotz seines Abgangs ebenso erfolgreich wie dieser auf außenpolitischem Gebiet. Am 9. Februar 1886 wurde er als ältester von drei Söhnen des evangelischen Pfarrers in Aufhausen im Nördlinger Ries geboren und verlebte seine Kindheit in Mosbach bei Feuchtwangen, wohin der Vater drei Jahre später versetzt wurde. Ab 1895 besuchte er das Ansbacher Gymnasium. Nach dem Abitur nahm er das Studium an der Universität Erlangen auf, wo er zunächst zwischen Medizin und Theologie schwankte und sich schließlich für – wie er schreibt – eine Vernunftehe mit der Jurisprudenz entschied. Daneben frönte er der Neigung für die Philosophie und die Naturwissenschaften und schloß sich der christlichen Studentenverbindung Uttenruthia an. Nach der juristischen Zwischenprüfung in Erlangen wechselte er nach Rostock. Von dort ging er nach Berlin, wo er das Studium abschloß. Nach einer etwas tristen Tätigkeit im Berliner Patentamt wurde er bald in die oberste Reichsbehörde des Innern berufen, deren Chef der Staatssekretär Klemens Delbrück war. Bald danach begann der Erste Weltkrieg, den er als unabkömmlich in Berlin überlebte. Nachfolger Delbrücks war Carl Helfferich, ein unbestechlicher, unerschütterlich auf Gerechtigkeit und Anständigkeit beharrender Mann, wie Vocke diesen so umstrittenen Nationalen in seinen Memoiren schilderte. Helfferich wurde im Ersten Weltkrieg als Staatssekretär des Reichsschatzamtes für die Kriegsfinanzierung verantwortlich, schied aber 1918 aus der Regierung aus und arbeitete, als 1928 die Inflation unerträgliche Ausmaße angenommen hatte, zusammen mit der Reichsbank eine Währungsreform aus. Aus der Roggenmark ging die Rentenmark und aus ihr schließlich die Reichsmark hervor. Vocke war Freund, Gegner und Berater Hjalmar Schachts Vocke war bereits im Sommer 1919 in das Direktorium der Deutschen Reichsbank berufen worden. Mit deren langjährigem Präsidenten Hjalmar Schacht war er über fünfzig Jahre in Berührung, als Freund, als Gegner, als Berater, als Kollege. Er begleitete und beriet ihn, als es um die für die Regelung der deutschen Reparationen wichtigen Auslandsverträge Dawes- und Young-Plan ging. Vocke warnte Schacht frühzeitig vor Hitler – allerdings erfolglos. Schacht stand bei Hitler in hoher Gunst und war der damals verbreiteten Ansicht, man könne Hitler bändigen und bilden, vielleicht sogar lenken. Schließlich beteiligte sich aber auch Schacht an der inflationären Finanzpolitik des Dritten Reiches. Er wurde von 1935 bis 1937 Hitlers Wirtschaftsminister, was ihm allerdings in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen kaum angelastet wurde – er wurde freigesprochen. Vocke trennte sich 1. Februar 1939 von Schacht und bat um seine Entlassung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch die Neuorientierung in der Deutschlandpolitik der Alliierten in der Bizone ein Zentralbankrat geschaffen, Vocke wurde zum Präsidenten des Direktoriums gewählt. So wurde er auch Präsident der Bank Deutscher Länder und der daraus schließlich hervorgegangenen Deutschen Bundesbank. In dieser Funktion bahnte sich unausweichlich der Konflikt mit der Bundesregierung an. Die große Leistung des Wirtschaftsministers Erhard bestand in der Beseitigung der Zwangswirtschaft und dem Aufbau einer sozialen Marktwirtschaft auf dem Hintergrund einer soliden Währungspolitik. Aber mit den wachsenden staatlichen Engagement im Inland und Ausland drohte die Stabilität der neuen Währung ins Wanken zu geraten. Der Staat als Schuldner ist gegen allzu hohe Diskontsätze, vor allem, wenn er ausgabenfreudig vor hoher Staatsverschuldung nicht zurückschreckt. Vocke – an der Spitze der obersten deutschen Währungsbank, als einzige der Welt vom Staat unabhängig – hat sich gegen jede Bevormundung des Bundeskanzlers Konrad Adenauer gewehrt, um die Stabilität der D-Mark zu gewährleisten. Die Unabhängigkeit Vockes forderte Adenauer heraus Dieser Konflikt mit Adenauer spitzte sich zu, bis Vocke am 31. Dezember 1957 ausscheiden mußte. Vom Bundespräsidenten Theodor Heuss erhielt Vocke zum Abschied den höchsten Orden, den die Bundesrepublik zu vergeben hatte. Der Spiegel schrieb am 17. Juli 1957: „Präsident Vocke hatte sich den Zorn des Kanzlers zugezogen, weil er die Währungspolitik ohne Rücksicht auf die laienhaften Vorstellungen und tagespolitischen Wünsche Konrad Adenauers führte. Vocke fürchtete mehr als einmal mit gutem Grund, das deutsche Wirtschaftswunder drohe den Bonner Regierern zu Kopf zu steigen, und demonstrierte bei solchen Anlässen, daß die Macht des Kanzlers vor den Toren der Notenbank endet. Den Kanzler hatte die herablassende Kühle des Bankmanns Vocke schon von jeher geärgert“. In diesem Bericht wird auch ein wenig von der im übrigen eher beherrschten und verschlossenen Persönlichkeit des großen deutschen Finanzfachmannes deutlich. Vocke war kein einfacher, aber stets ein mutiger und geradliniger Mann. Er hat es weder als Scheitern noch als Schande betrachtet, bei Hitler seinen Abschied zu nehmen und unter Adenauer entlassen zu werden. Er hat in seinen letzten beschaulichen Lebensjahren viele Vortragsreisen durchgeführt und zahlreiche Artikel sowie seiner Memoiren verfaßt, die 1973 bei der Deutschen Verlagsanstalt herausgegeben wurden. Am 19. September 1973 starb er in Frankfurt am Main. Ludwig Erhard mit Wilhelm Vocke, 1956: Adenauers Zorn erregt

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