Einforderung einer untilgbaren Schuld

Vor achtzig Jahren, am 4. Januar 1923, rückten französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet ein. Damit begann der letzte große Versuch Frankreichs, den Ersten Weltkrieg wirklich zu gewinnen und den angeblichen Erzfeind auf Dauer aus dem Feld zu schlagen. Offiziell ging es allerdings um etwas anderes. Die Truppen kamen, um Geld einzutreiben. So stand die Okkupation des Ruhrgebiets auch am Ende eines langen Tauziehens um die deutschen Entschädigungszahlen aus dem Versailler Vertrag. Die Forderung nach Kriegsentschädigung gehörte an sich traditionell zu den üblichen Maßnahmen, mit denen jeder Verlierer zu rechnen hatte. Auch das deutsche Reich zwang 1918 dem besiegten Rußland im Brest-Litowsker Frieden eine Zahlung von fünf Milliarden Goldmark auf. Damals war in der westlichen Presse mit einer Menge vorgeschobener Empörung viel von angeblicher Ausbeutung des Besiegten geschrieben worden. Ein Jahr später war das vergessen. In Versailles ließen die Alliierten das besiegte Deutschland einen Blankoscheck unterschreiben, wie die Financial Times den Vertragsabschluß trocken kommentierte. Es blieb völlig im Dunkeln, wieviel Geld von Deutschland verlangt werden würde. Es stellte sich heraus, daß die Alliierten entschlossen waren, den Versailler Vertrag zum teuersten Blankoscheck aller Zeiten werden zu lassen. Zunächst ließ man die Zahlungen lange als Damoklesschwert über der deutschen Regierung hängen, um sie zu Wohlverhalten zu bewegen. Als auf der Konferenz von Boulogne nach mehr als zwei Jahren zum ersten Mal eine Gesamtzahl genannt wurde, da waren es nicht fünf und auch nicht fünfzig oder hundert Milliarden, sondern unglaubliche zweihundertneunundsechzig Milliarden Goldmark, die Deutschland zahlen sollte. Eine völlig irreale Summe, das wurde auch von den Fachleuten der Westmächte während der Verhandlungen zugegeben. Das war eine rein politische Zahl, mit der ein dauerhaftes Abhängigkeitsverhältnis erreicht werden sollte, eine untilgbare Schuld, die von vornherein als politisches Instrument konstruiert war. Bald zeigte sich, welches Phantasieprodukt die Zahl tatsächlich darstellte und wie aus einem vorhersehbaren deutschen Zahlungsverzug politische Vorteile gezogen werden sollten. Bereits die erste Rate von einer Milliarde konnte von Deutschland nur mit Hilfe ausländischer Kredite aufgebracht werden und beim zaghaften Versuch, die Zinsen dieser Schulden zu bedienen, ging der Kurs der Reichsmark augenblicklich in die Knie. In der englischen Regierung hatte sich angesichts dessen bereits die Einsicht durchgesetzt, daß die Finanzierung auf dem geplanten Weg schlicht unmöglich war. Auch aus eigenem Interesse erklärte Lord Arthur Balfour daher kurz nach diesem Kursverfall die Bereitschaft zu einem allgemeinen Zahlungsstop, der natürlich auch die britischen Schulden in den USA mitbetroffen hätte. Das sah man in Paris allerdings ganz anders. Die deutschen Blankoverpflichtungen sollten in den Augen des französischen Ministerpräsidenten Raymond Poincaré eben den entscheidenden Hebel liefern, um das Rheinland und das Ruhrgebiet von Deutschland zu trennen. Dafür wurde ein Vorwand gefunden, wie er kaum durchsichtiger hätte sein können. Deutschland war mit der Lieferung einer kleinen Menge hölzerner Telegraphenstangen in Rückstand, da die Regierung mittlerweile auch innenpolitische Zahlungsschwierigkeiten hatte und die beauftragten Privatfirmen deshalb die Waren nicht mehr lieferten. Das reichte der französischen Regierung, um zusammen mit der belgischen Delegation Sanktionen gegen die Weimarer Republik in Gang zu setzen. Der englische Vertreter in der Reparationskommission stimmte dagegen, sprach von einer „lumpigen Anklage“ und davon, daß die Geschichte seit dem Bau des Trojanischen Pferds keinen solchen Gebrauch von Holz mehr gesehen habe. Wie der amerikanische Geschäftsträger aus Paris meldete, verfolgte Frankreichs Ministerpräsident Poincaré ein klares Ziel: die Auflösung Deutschlands. Dazu gehörte die Trennung des Rheinlandes von der deutschen Republik, zunächst in Form von kleinen Pufferstaaten, langfristig möglichst als Teil Frankreichs. Das schloß sich an langgehegte Ambitionen des französischen Imperialismus an. Gegenüber solchen Plänen gab es keine Verhandlungsmöglichkeiten. Es blieb deshalb auch gleichgültig, was die deutsche Regierung im Herbst 1922 im einzelnen an Zahlungsversprechen und anderen Vorschlägen vorlegte. Bereits jetzt wurde von Deutschland eine gemeinsame Verwaltung der Schwerindustrie vorgeschlagen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg dann in der Montanunion verwirklicht werden sollte. Auch eine Zoll- und Währungsunion wurde vergeblich ins Gespräch gebracht. Nutzlos blieben auch Appelle an die englische und amerikanische Regierung. Zwar reagierten die beiden Mächte auf die französischen Pläne verärgert und die Regierung Poincaré isolierte sich mit ihrer Politik international, aber „für die Besatzung gab es kein Äquivalent in Geld“ stellte ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank resigniert fest. Die französische Politik ging daher während des Jahres 1923 aufs Ganze. Es sollte der letzte Versuch in einer langen Reihe sein. Im Ruhrgebiet wurde ein Besatzungsregime etabliert. Willkürlich wurde auch privates Vermögen beschlagnahmt, mehr als einhundertachtzigtausend Personen wurde ausgewiesen. Andere erhielten für ihren Widerstand langjährige Gefängnisstrafen oder gar die Todesstrafe wegen sogenannter Sabotage, wie der bekannteste von ihnen, Albert Leo Schlageter. Parallel zu dem Einmarsch in das Ruhrgebiet finanzierte Frankreich an gleicher Stelle separatistische Aufstände genauso wie im Rheinland. Waffen wurden an selbstgeschaffene Organisationen verteilt, die deutschen Behörden in ihrer Arbeit behindert. Die auf diese Weise kreierte „Rheinland-Republik“ erkannte der französische Hohe Kommissar überall dort als Regierung an, wo sie sich gegen die demokratischen Institutionen der Weimarer Republik mit Gewalt durchsetzen konnte. Auch die damals bayrische Pfalz wurde Ende des Jahres als autonomer Staat mit provisorischer Regierung anerkannt. Neunzehntausend deutsche Beamte wurden in einem Schwung von dort abgeschoben. Selbst im Osten Deutschlands wurde in diesem Sinn gearbeitet. Erstmals erlaubten die im Memelland stationierten französischen Truppen die Okkupation des Gebietes durch Litauen. Die Folgen der Rheinlandbesetzung sind zwiespältig zu beurteilen. Zwar scheiterte der von der Berliner Regierung ausgerufene passive Widerstand gegen die Ruhrgebietsbesetzung und mußte im Herbst 1923 abgebrochen werden. Reparationszahlungen gingen in großer Höhe weiter und noch heute zahlt die Bundesrepublik kleinere Raten. Trotzdem ging die deutsche Republik strategisch gesehen als Sieger aus dem Konflikt hervor. Der imperiale Traum von der französischen Rheingrenze scheiterte 1923 endgültig, bis zum Frühjahr 1924 hatten sich die Separatistenverbände in Luft aufgelöst. Außer in begrenzten Zirkeln des politischen Paris wurde nach dieser Zeit die bestehende deutsch-französische Grenze nicht mehr substantiell in Frage gestellt. Frankreich zog sich auf sich selbst zurück und begann kurze Zeit später mit dem Bau der Maginot-Linie, durch den diese Grenze auch militärisch zementiert wurde. Trotz des Ruins der deutschen Währung und des Bankrotts unzähliger Privathaushalte war damit ein langfristiger Vorteil gesichert: die deutsche Einheit hatte gehalten. Die in Paris nicht seltenen pseudoethnologischen Ansichten über naturgemäße Gegensätze zwischen Rheinländern, Pfälzern und Preußen hatten einen Dämpfer erhalten, von dem sie sich nie wirklich erholten.

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