Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Bruce Gilley (M.) mit den AfD-Bundestagsabgeordneten Petr Bystron (l.) und Markus Frohnmaier (r.) Foto: AfD
Vortrag im Reichstag

Der deutsche Kolonialismus als Erfolgsgeschichte

Keine Feier ohne Meier. Getreu diesem Motto liefen am Mittwoch abend wieder die üblichen Verdächtigen zu einer Demonstration vor dem Reichstagsgebäude in Berlin auf. Wofür oder wogegen sie protestierten, war auf den ersten Blick jedoch nicht klar. Neben den üblichen „FCK AfD“-Schildern und Extinction-Rebellion-Flaggen wies ein „Kolonialismus tötet“-Plakat auf den Anlaß hin.

Die etwas verloren wirkenden 50 überwiegend jungen Gestalten hatte ein Vortrag des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Bruce Gilley auf die Barrikaden getrieben. Der Professor der Portland State University sprach auf Einladung der AfD-Bundestagsabgeordneten Petr Bystron und Markus Frohnmaier über „Die Bilanz des deutschen Kolonialismus“. Für Empörung bei deutschen Historikern, Journalisten und offensichtlich auch den Demonstranten sorgte seine These, daß der deutsche Kolonialismus eine Erfolgsgeschichte sei, von der die Eingeborenen profitiert hätten und die bis heute in den ehemaligen Kolonien auch so wahrgenommen werde.

Als Belege dafür verwies Gilley während seiner Ausführungen vor knapp 60 Zuhörern unter anderem auf die verbesserte Sicherheitslage in den Territorien unter deutscher Herrschaft. Neben dem Aufbau einer Infrastruktur und Arbeitsplätzen seien es vor allem die Frauen gewesen, die erstmals Verbrechen anzeigen konnten und für die damalige Zeit fortschrittliche Rechte beanspruchen konnten. Die Errichtung von Stützpunkten in den afrikanischen Kolonien, im Pazifik und China sei ein Pull-Faktor gewesen. Einheimische zogen demnach gezielt in die Nähe der deutschen Siedlungen, die Fortschritt und Wohlstand versprachen.

Abzug der Kolonialmächte sei „tragisch“ gewesen

Einwände, die europäischen Kolonialmächte hatten die Einheimische ihrer Rechte beraubt, konterte Gilley gelassen mit dem Hinweis auf die Verhältnisse vor der Ankunft der Weißen in Afrika. Welche Rechte habe ein Mensch denn in einer archaischen Stammesgesellschaft auf dem Niveau der Steinzeit besessen? Das Leben prägten permanente Stammeskriege, nach denen dem Verlierer bestenfalls nur das Sklavendasein blieb. Die Kolonialherrschaft empfanden daher insbesondere die Schwachen als Fortschritt, so Gilley, die mit der Errichtung staatlicher Strukturen Stabilität und Sicherheit bot.

Daher sei der Abzug der Kolonialmächte nach 1945 „tragisch“ für Afrika gewesen. Denn die Proto-Nationalisten witterten die Schwäche der vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten europäischen Staaten und griffen nach der Macht. Kriege und die Errichtung korrupter, gewalttätiger Regime seien die Folge gewesen.

Bruce Gilley während seines Vortrags Foto: AfD

Um den bis heute unter diesen Zuständen leidenden Staaten des Schwarzen Kontinents zu helfen, wünschte sich Gilley, der an der Elite-Universität Princeton promovierte, eine Neuauflage des Kolonialismus. Er betonte, daß es dabei nicht um die Re-Kolonialisierung ganzer Staaten gehe, sondern um eine von außen gesteuerte Unterstützung von Sektoren, die auf einzelne Stützpunkte räumlich beschränkt sein solle. Als Beispiel nannte er Hongkong. Daß seine Thesen in den ehemaligen Kolonien auf offene Ohren stießen, zeigten ihm viele positive Rückmeldungen aus afrikanischen Staaten.

Kritik an deutschen Wissenschaftlern

Da in Deutschland keine Diskussion über die Kolonialgeschichte ohne Verweis auf die Niederschlagung der Aufstände der Nama und Herero in Deutsch-Südwestafrika möglich ist, nahm Gilley auch dazu Stellung. Das sei jedoch nur eine Episode in der jahrzehntelangen, erfolgreichen deutschen Kolonialzeit gewesen. Verantwortlich dafür sei allein der damalige deutsche Gouverneur Lothar von Trotha gewesen. Dabei lehnte Gilley den Begriff „Völkermord“ in diesem Zusammenhang ab. Die massenhafte Tötung der Stammesangehörigen durch die deutsche Schutztruppe sei ein Kriegsverbrechen gewesen, das auf Befehle von Trothas zurückging. Wenn Wissenschaftler dennoch von einem Genozid sprächen, relativierten sie damit Verbrechen, die diesen Begriff verdienten.

Mit seinen Kollegen an den Universitäten ging Gilley in seinem Vortrag hart ins Gericht. Sie hingen zu sehr marxistischen antikolonialistischen Vorstellungen an, die schon nach dem Ersten Weltkrieg aufgekommen seien und sich spätestens seit den 1960ern an den Hochschulen etabliert hätten. Dabei konnte sich der US-Amerikaner einen Seitenhieb auf den deutschen Historiker Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg nicht verkneifen, der ihm zuvor in einem Interview mit der Welt die Seriosität abgesprochen hatte.

Gilley betont Bedeutung der Redefreiheit

Überhaupt sei zu beobachten, so Gilley, daß in Deutschland eine Umdeutung des Kolonialismus in ein Menschheitsverbrechen stattfinde, was er entschieden ablehne. Deutschland solle sich von seinem Schuldkomplex befreien. In dem Zusammenhang kritisierte er auch die Umbenennung von Straßen, die an Akteure der deutschen Kolonialgeschichte erinnern.

In der anschließenden Diskussion erklärte der US-Professor, warum er die Einladung der AfD annahm. Er stehe für die Forschungs-, Rede- und Meinungsfreiheit ein und spreche mit jedem, führte er aus. Daher habe er die Einladung gern wahrgenommen, sagte er.

Es wäre wünschenswert, wenn sich diese Haltung auch wieder an den deutschen Universitäten durchsetzen würde. Die Thesen Gilleys bieten Historikern und Politikwissenschaftlern jedenfalls die Möglichkeit, die koloniale Vergangenheit Deutschlands wenn nicht neu zu bewerten, so doch offen zu diskutieren. Ob das geschehen wird, ist leider zweifelhaft.

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Bruce Gilley (M.) mit den AfD-Bundestagsabgeordneten Petr Bystron (l.) und Markus Frohnmaier (r.) Foto: AfD

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