Dänemarks Rentenkasse für Akademiker, AkademikerPension, sorgte mit der Ankündigung für Schlagzeilen, ihre gesamten Bestände von US-Staatsanleihen in Höhe von 100 Millionen Dollar verkaufen zu wollen. Auch wenn es angeblich nichts mit dem Grönland-Streit zu tun hat, ist der Zeitpunkt auffällig. Zumal fast gleichzeitig eine Reihe anderer dänischer Rentenkassen ähnliches verkündeten. Die meisten fügten allerdings die Einschränkung an, ein völliger Ausstieg aus US-Staatsanleihen sei unrealistisch. Dies sind nur die neuesten Schlagzeilen über eine Flucht aus Dollar-Anlagen, die sich seit Donald Trumps „Liberation Day“, seinem „Zollhammer“ vom 2. April 2025, häufen (JF berichtete).
Die Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache als das Feuilleton. Einen neuen Rekord von 9,4 Billionen Dollar erreichten die Anlagen von Ausländern in US-Staatsanleihen im November, dem aktuellsten Monat, für den Zahlen vorliegen, nach einem monatlichen Plus von 113 Milliarden. Chinas direkte Bestände schrumpften zwar in der Statistik um sechs Milliarden, wie auch die Indiens, doch stiegen die Belgiens, dem Chinas Inventar bei Euroclear zugerechnet werden, um 12 Milliarden. Offenbar setzt China die Umschichtung seiner Investitionen zu Lagerstellen in Drittländern fort.
„Europa besitzt Grönland, aber auch viele US-Staatsanleihen“
Dennoch hält sich das Gerücht einer Anlegerflucht aus dem Greenback, das bei jeder Marktschwankung neu aufflammt, wie jetzt beim Grönland-Streit. Öl ins Feuer goß George Saravelos, Währungsstratege der Deutschen Bank: „Europa besitzt Grönland, aber auch viele US-Staatsanleihen“, schrieb er in einer Studie. US-Aktien und Anleihen von acht Billionen Dollar besäße Europa, allein europäische Nato-Mitglieder kämen auf Staatsanleihen von 2,8 Billionen. Seine Zahlen unterscheiden sich von anderen, weil Saravelos versucht, aus den offiziellen Statistiken von Nicht-Europäern gehaltene Vermögenswerte herauszurechnen.
Mehrere Schönheitsfehler hat das Argument: nicht Staaten besitzen die Vermögenswerte, sondern Rentenkassen, Lebensversicherungen, Banken, Fonds und Privatpersonen, die nicht nach wechselnden politischen Prioritäten, sondern auf Rendite optimieren. Es bräuchte erhebliche staatliche Eingriffe in Vermögensrechte, um das Abstoßen von US-Anlagen durchzusetzen, allein die Verabschiedung der Gesetze bräuchte Jahre.
Beim Verkauf müßten Anleger erhebliche Abschläge hinnehmen
Vergleichsweise einfach ließen sich Maßnahmen bei öffentlichen Instituten wie Zentralbanken und deren Reserven oder dem norwegischen Staatsfonds umsetzen. Bei allen Anlegern würde es einen Tabubruch erfordern. Solche staatliche Lenkung gibt es aktuell nur im kommunistischen China, das seinen Bürgern alle Erlöse aus Exporten abnimmt und die Devisen in den Staatsfonds überführt. Doch auch China hat, trotz aller Spannungen wegen Taiwan oder der Handelspolitik, seine Bestände an Staatsanleihen nicht als Druckmittel eingesetzt, auch wenn Kommentatoren regelmäßig auf diese Gefahr hinweisen.
Denn selbst wenn es ginge, bliebe die Frage: an wen verkaufen, wenn man selbst die größte Gruppe von Anlegern ist? Natürlich finden sich andere, doch zu welchem Preis ist die Frage. Erhebliche Abschläge müßten Anleger hinnehmen. Man würde US-Präsident Trump bestrafen, indem man sich selbst Verluste zufügt und entsprechende Gewinne dieses Nullsummenspiels bei amerikanischen und asiatischen Anlegern anfallen würden. Mit welchen Anlagen die verkauften ersetzt würden, ist ein weiteres Problem. In Asien und Europa sind Anleihen ähnlicher Bonität rar, wenn man Billionen plazieren will. Die Volumen würden Preise treiben. Erst ein Abschlag beim Verkauf der US-Papiere, dann ein Aufschlag bei der Umschichtung. Verluste fallen auf beiden Seiten des Geschäfts an.
Kommt für bestimmte Anleihenhalter eine Laufzeitverlängerung auf 100 Jahre?
Saravelos führt an, es brauche keinen Verkauf von US-Anlagen. Es reiche schon, wenn weniger neu angelegt würde. Doch angesichts des US-Handelsdefizits (2024: 1,3 Billionen Dollar) würde der Dollar dann stark an Wert verlieren. Europas ohnehin schon angeschlagene Wettbewerbsfähigkeit würde bei einem plötzlich relativ starken Euro noch mehr unter die Räder kommen.
Im Falle eines echten Finanzkriegs hätten die USA ohnehin die besseren Karten, denn Saravelos und andere Kommentatoren ignorieren mögliche Gegenmaßnahmen. Über potentielle Szenarien braucht man hier nicht lange nachzudenken; Trumps Wirtschaftsberater Steve Miran hat bereits im Herbst 2024 die Verlängerung der Laufzeit von Ausländern gehaltener Anleihen auf 100 Jahre vorgeschlagen. Das würde zwar einem Zahlungsausfall gleichkommen, doch wer am längeren Hebel sitzt, braucht sich darüber keine Gedanken zu machen.
Verantwortungslosigkeit der Politik kann ein größeres Risiko sein als geopolitische Gefahren
Und man darf auch nicht die Rolle vergessen, die der Dollar bei der Finanzierung europäischer Unternehmen spielt. Eine US-Gegenmaßnahme könnten Einschränkungen der Dollar-Finanzierung Europas sein, bis hin zur Streichung der Swap-Linien der Fed, die im Krisenfall Zentralbanken Zugang zu Dollar zur Stützung ihrer nationalen Banken gewähren. In der nächsten Krise stünde Europas Bankensektor vor dem Zusammenbruch, vielleicht schon in Antizipation lange vor einer Krise. Auch die Goldreserven, die in New York lagern, könnten enteignet werden. Die Blaupause dafür hat die EU mit der Diskussion zur Nutzung russischer Devisenreserven für die Ukraine selbst geliefert.
Die Konsequenzen wären gravierend, aber man soll nie die Verantwortungslosigkeit der Politik unterschätzen. Denn genau den Effekt der Selbstkasteiung gab es bereits mit den Rußlandsanktionen, bei denen westliche Anleger Milliardenverluste erlitten, wogegen russische Anleger westliche Vermögen zu Spottpreisen erwerben konnten. Auch vor dem Ersten Weltkrieg herrschte die Meinung vor, die Volkswirtschaften seien so eng miteinander verflochten, daß ein großer Krieg unmöglich wäre. Bekanntlich kam es anders, nach drei Jahrzehnten konnte erst der Einsatz von Atombomben den Zweiten Weltkrieg endgültig beenden. Die wirtschaftlichen Auswirkungen – Kapitalverkehrskontrollen, Zölle – halten teilweise bis heute an.
Für Anleger bedeutet das: geopolitische Risiken sind nur eine Facette der Gefahren für ihr Vermögen. Die Reaktion der Politik im eigenen Land darauf kann ein wesentlich größeres Risiko darstellen.






