LONDON. Der Edelmetallmarkt hat laut Ansicht von Experten nach Monaten rasanter Kursgewinne eine Phase außergewöhnlicher Volatilität erreicht. Gold, Silber und Platin sehen Experten jetzt deutlich unter Druck, nachdem mehrere Belastungsfaktoren zeitgleich wirksam wurden.
Bisher hat sich das allerdings noch nicht merklich auf die Kurse ausgewirkt. Die Unze Gold stand am Freitagmorgen mit 4.473 Dollar nur knapp unter ihrem Allzeithoch von 4.549 Dollar. Ähnlich sieht es aktuell bei dem zuletzt rasant gestiegenen Silber aus: Der Kurs stand am Morgen bei 77 Dollar – vier Dollar unter seinem Höchststand.
Händler verweisen nun aber vor allem auf bevorstehende Index-Umschichtungen, anhaltende Angebotsengpässe und wachsende Unsicherheit über mögliche US-Zölle.
Silber steht dabei besonders im Fokus. Nach einem spektakulären Höhenflug zum Jahresende, als der Preis im dünnen Feiertagshandel zeitweise über 80 Dollar je Unze kletterte, folgte ein ebenso rascher Rückschlag. Innerhalb weniger Tage verlor das Metall mehrere Prozentpunkte. Marktbeobachter sprechen von einer selten gesehenen Schwankungsbreite, bei der bereits kleine Impulse heftige Ausschläge auslösen.
Der längerfristige Ausblick für Silber bleibt positiv
Auslöser ist unter anderem die bevorstehende Neugewichtung großer Rohstoffindizes, darunter der Bloomberg Commodity Index. Solche Rebalancings zwingen passive Fonds, stark gestiegene Rohstoffe zu verkaufen, um die neuen Zielgewichte einzuhalten. Analysten erwarten dadurch milliardenschwere Abflüsse aus Gold- und Silber-Futures. Allein bei Silber könnten Verkäufe im Umfang von mehr als zehn Prozent der offenen Positionen anfallen.
Zusätzlich verschärft eine angespannte physische Versorgungslage die Situation. In London, dem wichtigsten Handelsplatz für Spotgeschäfte, gelten die Lagerbestände von Silber und Platin als knapp. Lieferungen in die USA haben die Vorräte weiter ausgedünnt, ausgelöst durch die Furcht vor künftigen Importzöllen. Die Leihkosten bleiben trotz jüngster Entspannung auf erhöhtem Niveau, da ein großer Teil der verfügbaren Bestände inzwischen in US-Lagern gebunden ist.
Gleichzeitig sorgt das geopolitische Umfeld für zusätzliche Unsicherheit. Handelskonflikte, Exportbeschränkungen und politische Spannungen verstärken die Nervosität an den Märkten. Zwar gilt der fundamentale Ausblick für Silber wegen seiner industriellen Verwendung langfristig als positiv, doch kurzfristig dominieren spekulative Bewegungen das Geschehen.
Während Hoffnungen auf künftige Zinssenkungen der US-Notenbank grundsätzlich als Rückenwind für Edelmetalle gelten, zeigt sich derzeit vor allem eines: Die Ruhe am Edelmetallmarkt ist vorerst vorbei. (rr)





