Hilfreich, aber tödlich

Das große Bienensterben am Oberrhein, dem im April und Mai diesen Jahres nach offiziellen Zahlen etwa 11.500 Bienenvölker von mehr als 700 Imkern zum Opfer gefallen waren (JF 23/08), hat das vom Landwirtschaftsamt Baden-Württemberg empfohlene Insektizid Clothianidin ausgelöst, das der Bekämpfung eines eingeschleppten Käfers dienen sollte. Der Bioinvasor Maiswurzelbohrer (Diabrotica virgifera) stammt aus Zentralamerika und schädigt seit Anfang der neunziger Jahre auch Maisfelder in Mitteleuropa. Die wissenschaftliche Anerkennung des Zusammenhangs zwischen Bienensterben und Insektizid-Anwendung ist nur zögerlich erfolgt, während für die Imker die Beweislage längst erdrückend war. Im benachbarten Elsaß gab der Imkereiverband schon im März Warnungen heraus. Zurück bleibt für die betroffenen Bienenzüchter die Unzufriedenheit über die Konsequenzen. So bedauert der Vorsitzende des Müllheimer Imkervereins, Michael Nutsch, daß sich die Stuttgarter Behörde bislang nicht habe durchringen können, das Saatgut-Beizmittel „Poncho Pro“ zu verbieten. Vor diesem Hintergrund bestehe die berechtigte Sorge der Imker, daß das Insektengift auch nächstes Jahr wieder eingesetzt werde und abermals Millionen von Bienen sterben könnten. Namens aller Honigerzeuger versicherte Nutsch, „wachsam“ zu sein. Er lud daher letzte Woche zusammen mit Naturschutzverbänden sowie deutschen und französischen Berufsimkern zu einer Demonstration vor dem Regierungspräsidium in Freiburg ein. Konkreter Anlaß war ein Symposium in Freiburg, das zusammen mit 150 Imkern und Bienenforschern aus 40 Staaten von der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) und dem Weltverband der Imker (Apimondia) ausgerichtet wurde. Die Demonstranten wollten „den Wissenschaftlern signalisieren, daß wir uns bei Testverfahren für Pflanzenschutzmittel andere Standards wünschen“, so Imker Christoph Graf aus Sankt Peter im Schwarzwald. Die Giftigkeit der Substanzen müsse an der Bienenbrut erprobt werden, da diese empfindlicher sei als ausgewachsene Bienen. Unter den Demonstranten waren auch Natur- und Umweltschützer, weil es nämlich nicht nur um die wirtschaftlich bedeutsamen Bienen gehe, sondern die ganze Insektenwelt mehr oder weniger betroffen sei. Daher sei ein Verbot des Einsatzes des betreffenden Nervengiftes zu fordern. Unterstützung erhielten die mehrheitlich eher konservativen Demonstranten im Vorfeld von der linken Stadtratsfraktion Junges Freiburg/Die Grünen. Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) forderte Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) in einem Schreiben dazu auf, an die Hauptursache des Problems heranzugehen: Dem monokulturartigen Maisanbau in der Region solle durch die Förderung der umweltschonenden Fruchtfolge in der Landwirtschaft begegnet werden. Der Hersteller des betreffenden Insektengiftes, der Bayer-Konzern, vertritt hingegen weiter die Position, es sei vor allem die unsachgemäße Anwendung des Saatgutbehandlungsmittels „Poncho Pro“ für das Bienensterben ursächlich. Er will sein ursprünglich zusammen mit dem japanischen Takeda-Konzern entwickeltes Produkt weiter auf dem deutschen Markt anbieten. Für Mißstimmung unter den Imkern sorgt zudem die Frage der Entschädigung. Denn Bayer stellte den Imkern eine freiwillige Soforthilfe für ihre zerstörten Völker zur Verfügung. Die Höhe beträgt 80 Euro bis 360 Euro pro Bienenvolk und richtet sich nach dem Schädigungsgrad sowie dem entgangenen Gewinn aus dem Verkauf des Honigs. Der Badische Imkerverband kritisiert die insgesamt zwei Millionen Euro als „zu gering“. Mit dem Geld könnten die Kosten der Züchter nicht ersetzt werden. Imker, die die Hilfszahlung annehmen, verzichten damit auf weitere Ansprüche gegenüber dem Land. Für 88 Prozent der Imker sei das schon der Fall, aber nur mehr aus der Befürchtung heraus, sonst eventuell ganz leer auszugehen. Es sei „aber nicht in unserem Sinne, den Imkern die Hilfszahlung aufzudrängen“, ließ Minister Hauk mitteilen. Im Gegenteil: „Jeder Imker hat die Möglichkeit, die Hilfszahlung abzulehnen und auf Schadenersatz zu klagen.“ Die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) hat Mitte August Strafanzeige gegen Bayer-Chef Werner Wenning eingereicht. Doch mit seinen Hilfsgeldern hat Bayer schon einen Keil zwischen die Imker getrieben. Denn die Hobbyimker waren auf der Demonstration kaum vertreten. „Uns war lange nicht bekannt, was der konkrete Sinn dieser Demo ist“, begründete deren stellvertretender Verbandsvorsitzender Manfred Raff diese Zurückhaltung gegenüber der Lokalpresse. Die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) im Internet: www.cbgnetwork.org Bayer-Informationen über das kritisierte Insektizid: www.bayercropscience.de

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