Joachim Kuhs

 

Tödliche Gefahr auf Spielplätzen

Erst machten freche Waschbären und Autoteile-fressende Marder Schlagzeilen. Inzwischen sind es Wildschweine und Füchse, die in den weitläufigen Grünanlagen von Berlin und Hamburg heimisch werden. Doch während Wildschweine lediglich Gärten umwühlen und nur ganz selten auch mal Menschen anfallen, ist der stille und scheue Fuchs lebensbedrohlich: Er überträgt Krankheiten wie Tollwut und den heimtückischen Fuchsbandwurm. Mit den Sauggruben, Saugnäpfen und dem Hakenkranz ihres Kopfes, dem Scolex, heften sie sich an der Darmwand des Wirtes ihrer Wahl fest. Haben sie diese durchbohrt, verteilen sie sich über den Blutkreislauf im Körper, bis sie sich im Zielorgan – meist der Leber – festsetzen. Die Larven des echinococcus multilocularis, der vor allem Füchse befällt, durchsetzen das Gewebe mit einem Netz aus Zysten von bis zu zwei Zentimetern Durchmesser. Beim Menschen ist der Fuchsbandwurm zwar noch selten, doch einmal infiziert, ist eine Heilung häufig unmöglich – der Befall durch den Parasiten kann zum qualvollen Tode führen. „Die Larven wachsen ähnlich wie ein Tumor, vor allem in der Leber. Nach zehn bis 15 Jahren bekommt der Patient Oberbauchbeschwerden, weil die Larven die Gefäße in der Leber abdrücken und damit ihre Entgiftungsfunktion behindern“, erklärt Professor Klaus Brehm vom Labor für Echinokokkose am Institut für Hygiene und Mikrobiologie der Uni Würzburg. Der Befall der Leber kann auch eine Gelbsucht nach sich ziehen. „Wenn die Erkrankung auftritt und nicht behandelt wird, führt sie nach zehn bis 15 Jahren in 95 Prozent der Fälle zum Tod“, so Brehm. Ansteckungsgefahr besteht durch den Kontakt mit Kot etwa auf Spielplätzen, beim Sammeln und Verzehr bodennaher Früchte und Pilze, aber auch lediglich durch das Streicheln von Haustieren. Sind erst einmal Eier des Parasiten in den Körper gelangt, so ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich zu Larven entwickeln, schlüpfen und sich dann im Körper ausbreiten. Zwar ist die Ansteckungsgefahr nicht allzu hoch, doch werden in Deutschland jährlich schätzungsweise zwischen zwanzig und zweihundert Menschen vom Fuchsbandwurm befallen. Genaue Zahlen sind allerdings unbekannt, da die Echinokokkose keine meldepflichtige Seuche ist – genausowenig wie der Befall durch Kopfläuse übrigens, da beide keine Infektionen im herkömmlichen Sinn darstellen, weshalb es dagegen auch keine Impfungen dagegen gibt. Hinzu kommt: Die Zeiten, in denen Füchse nur in ländlichen Gebieten anzutreffen war, sind längst vorbei. Der Fuchs hat immer weniger Scheu vor dem Menschen. Dies gilt besonders für die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg, wo bereits die Hälfte der Füchse den Parasiten in sich tragen. Die erfolgreiche Tollwutbekämpfung der letzten Jahrzehnte führte bundesweit zu einem kontinuierlichen Anstieg der Stadtfuchspopulation, vor allem aufgrund des dortigen reichhaltigen Nahrungsangebotes. Dem Züricher Stadtfuchsforscher Daniel Hegglin zufolge ernähren sich Stadtfüchse zu über fünfzig Prozent von Abfällen aus Haushalten. Gärten, Mülltonnen und Komposthaufen sind für sie ein Segen. Der Befall mit dem Parasiten kann bei Tieren zu Darmentzündungen, Durchfall und Abmagerung führen. Beim Menschen dagegen wird vor allem die Leber mit ihren sämtlichen Funktionen geschädigt, aber auch die Lunge und das Gehirn sind gefährdet, wenn auch mit niedrigerer Wahrscheinlichkeit. Die Diagnose erfolgt durch Bild-Verfahren sowie durch den Nachweis spezifischer Antikörper im Blut. Weil die Inkubationszeit beim Menschen zwischen zehn und fünfzehn Jahre beträgt, ist der parasitäre Befall im Frühstadium kaum feststellbar. Aber genau in dieser Phase ließe er sich operieren, da das Gewebe noch nicht zu sehr mit Zysten durchsetzt ist. Ebenfalls erfolgreich sind Therapien mit wachstumshemmenden Medikamenten wie etwa Mebendazol, die allerdings lebenslang eingenommen werden müssen. Für Landwirte und Jäger ist die Echinokokkose eine anerkannte Berufskrankheit. Studien aus Bayern und der Schweiz zufolge sind unter den Erkrankten häufig Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, weil sie viel mit feuchter Erde in Kontakt sind, in der die Eier lange lebensfähig bleiben. Eine weitere Risikogruppe sind Kinder, die auf Spielplätzen herumtollen und meist nicht wissen, welche Gefahr von den Ausscheidungen von Füchsen ausgeht. „Wären meine Kinder auf einem Spielplatz, wo Füchse oder Fuchskot vorkommen, würde ich alles daran setzen, daß die Füchse wegkommen“, so der Mikrobiologe Brehm. Am besten ist es, das Befallsrisiko von vornherein zu vermindern, indem man darauf achtet, Eier nicht durch bodennah wachsende Früchte und Pilze, aber auch Plantagenerdbeeren und Gartengemüse – wie Bärlauch – aufzunehmen. Wer sein Obst vor dem Verzehr wäscht und im Umgang mit seinem Haustier den Kontakt mit den Schleimhäuten vermeidet, kann das Risiko deutlich verringern.

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