In den Laborräumen lief Popmusik

Der Enthüllungsjournalist Friedrich Mülln hat in einem Tierversuchslabor Bilder aufgenommen, die in bisher nie dagewesenem Umfang die Brutalität des Laboralltags dokumentieren. Deren Veröffentlichung führte zu einem zwölf Monate währenden Rechtsstreit. Eine bundesweit gezeigte Ausstellung dieser beeindruckenden Bilder fokussierte auf die Frage, ob bzw. inwiefern das Recht des Menschen, Tiere für wissenschaftliche Experimente zu nutzen, zu begrenzen ist. Daß die Bilder und das zugehörige Video bei der Ausstellung „Zeuge des Alltags“ Ende Januar in der Galerie Friedberg in Berlin überhaupt gezeigt werden durften, ist nicht selbstverständlich. Das Tierversuchslabor Covance in Münster verklagte den 24jährigen Mülln, weil dieser sich als Tierpfleger eingeschleust, ohne Erlaubnis fotografiert und damit gegen Bestimmungen des Arbeitsvertrages verstoßen hatte. Mülln wiederum wirft der US-Firma Covance fachliche Inkompetenz und übertriebene Grausamkeit im Umgang mit Versuchstieren vor. Seit den letzten unabhängigen Aufnahmen von Tierversuchen in Deutschland in den achtziger Jahren haben sich Konzerne zunehmend bemüht, daß derartige Bilder nicht mehr nach außen dringen. Die Bilder von Mülln, dessen Privatarchiv mittlerweile rund 80.000 Fotos und 800 Videos umfaßt, zeigen Affen, wie sie sich mit vor Angst erstarrtem Blick an ihren großen Drahtgitterkäfigen festkrallen, wie Affenweibchen auf Stahlgittern gebären und wie ausgekugelte Armgelenke und abgetrennte Schwanzspitzen herumliegen. „Die vier Monate waren die Hölle: Tagtäglich dabei zu sein, wie die Affen für Injektionen und Vaginalabstriche im Polizeigriff gehalten werden. Dazu kam der ständige Lärm, weil in den Laborräumen Popmusik lief“, beschreibt Mülln seinen Arbeitsplatz, an dem viele der Tierpflegerhelfer ehemalige Berufssoldaten gewesen seien. „Mehrere davon reparierten vorher Panzer in der britischen Armee“, so Mülln. Covance dagegen bezeichnet die Szenen als „ganz normalen Arbeitsalltag, wie er in jedem deutschen Tierlabor vorkommt“. „Die Frage war, ob rechtswidriges Filmmaterial öffentlich gezeigt werden darf oder nicht“, sagt Konstantin Leondarakis, Müllns auf Tierrecht spezialisierter Rechtsanwalt, zu der Anklage wegen Hausfriedensbruchs und des Verstoßes gegen die im Arbeitsvertrag geregelte Schweigepflicht. In zweiter Instanz hat das Oberlandesgericht Hamm schließlich entschieden: Das gesamte Bildmaterial darf gezeigt werden, denn das öffentliche Interesse wiegt in diesem Fall schwerer als die kommerziellen Interessen des Unternehmens. Zwei Millionen Versuchstiere Zwar ist in den vergangenen Jahrzehnten die Zahl der Tierversuche stetig gesunken: 1977 starben in der deutschen Arzneiforschung noch mehr als vier Millionen Tiere, 1999 waren es nur noch 640.000. Doch in jüngerer Zeit steigen die Zahlen wieder. Unter den derzeit rund zwei Millionen Versuchstieren, von denen die Hälfte in der Grundlagenforschung verwendet wird, machen – neben etwa fünfhundert Katzen, viertausend Hunde und zweitausend Affen – Mäuse oder Fische mit 80 Prozent den Großteil aus. Covance Laboratories ist eines der größten Primatenlaboratorien der Welt. Hier werden bundesweit die meisten Primaten für Tierversuche gehalten. Kunden sind die Top 50 der internationalen chemischen und der Pharmaindustrie. Für die Medikamentenforschung, die Produktion und Qualitätssicherung von Impfstoffen, für die Forschungsbereiche Neurologie und Biomedizin sind Versuche mit Primaten aufgrund ihres ähnlicheren Erbgutes deutlich aufschlußreicher als mit Ratten. In Europa steht Deutschland nach Großbritannien (35 Prozent) und Frankreich (25 Prozent) mit einem Anteil von 23 Prozent an dritter Stelle bei Tierversuchen mit Primaten. Vor allem die gentechnische Forschung greift zunehmend auf Primaten zurück. Entsprechend der Auffassung von Tierversuchsgegnern sind solche Versuche wissenschaftlich fragwürdig, weil sich die voraussichtliche Wirkung beispielsweise eines Medikamentes von Mensch zu Tier im Extremfall um bis zu zehntausend Prozent unterscheiden kann, da Stichproben nur Wahrscheinlichkeitssaussagen liefern und es zudem auf Faktoren ankommt wie Tierart, Geschlecht, Tages- und Jahreszeit. Die Arbeitsgemeinschaft Hochschulmedizin dagegen befürwortet Tierversuche, wenn es um Sicherheit und neue Medikamente geht. Sie befürchtet, daß ihre verfassungsrechtlich garantierte Forschungsfreiheit in dem Maße eingeschränkt wird, wie die Rechte von Tieren zunehmend im Grundgesetz verankert werden. Schärfere Neuregelungen würden zwangsläufig dazu führen, daß die Versuchslabors ihre Aktivitäten an Standorte ins Ausland verlegen, wo niedrigere Tierschutzstandards herrschen. Der britische Astrophysiker Stephen Hawking verteidigt Tierversuche ganz banal: „Warum“, fragte er einmal, „ist es schlimmer, Tiere für Experimente einzusetzen, die Leben retten können, als sie zu essen?“ Ausstellungstermine und Bildmaterial bei: Friedrich Mülln, Telefon 089 / 74 32 66-28 Im Internet unter: www.tierbildarchiv.de

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