Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Gutes aus dem Supermarkt

Seit einigen Jahren kann man auch in der Biokost-Szene beobachten, daß selbst dort „Tante Emma“ auf dem Rückzug und die Supermärkte stark im Kommen sind. Für Öko-„Fundis“ ist aber allein schon die Verbindung von Bio und Supermarkt ein Gräuel. Wirklich gesund ist für sie nur, was aus kleinen miefigen Ökoläden stammt und von zotteligen Wesen verkauft wird. Doch soll sich artgerechte Tierhaltung und nachhaltige Landwirtschaft ohne oder wenigstens mit zurückhaltendem Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteleinsatz auf breiter Linie durchsetzen, dann müssen Bio-Produkte raus aus ihrer Marktnische. Und jeder Kaufmann weiß, daß man effektiver wirtschaften kann, wenn man größere Verkaufs- und Lagerflächen hat. Kein Wunder also, wenn sich die traditionellen Lebensmittelläden immer mehr aus den Wohnvierteln der Großstädte zurückziehen und statt dessen dort die neuen Naturkostmärkte öffnen, die dann mit alteingesessenen Reformhäusern und kleinen Bioläden konkurrieren. Derzeit gibt es in Deutschland etwa 180 Bio-Supermärkte, weitere kommen Jahr für Jahr hinzu. Im Schnitt setzt ein Bio-Supermarkt jährlich 1,2 Millionen Euro um. Jeder fünfte Euro im Naturkosthandel wird inzwischen hier ausgegeben. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sieht den Markt noch keinesfalls gesättigt. „Bio-Supermärkte sind Trendsetter. Prognosen zufolge wird es 2007 bereits doppelt so viele Bio-Supermärkte geben“, erklärte BUND-Expertin Reinhild Benning anläßlich der Berliner Messe „Grüne Woche“ (JF 05/05). Die Bio-Supermärkte sollten speziell die regionalen Ökobauern einbeziehen. „Der Erzeugerpreis für Biomilch ist derzeit im Keller, weil konventionelle Milch zu billig ist“, beklagt Benning. Bio-Supermärkte könnten sich daher ein Beispiel an Naturkosthändlern in Hessen nehmen: „Sie bezahlen einer Bauernmolkerei fünf Cent mehr je Liter, die direkt an die Bauern gehen. So wird hohe Produktqualität, Tierschutz und Landschaftspflege sichergestellt.“ Ein Betrag, der selbst für untere Einkommensschichten leistbar ist. Doch nicht nur die Verkaufskultur wandelt sich – auch der Bio-Konsument. Immer weniger sind es „Öko-Freaks“ und Langzeitstudenten, dafür häufig Familien, die sich auskennen mit regionalen Bioprodukten und die meist in sozialen Berufen tätig sind – Typ „Volvo-Kombi-Fahrer mit Greenpeace-Aufkleber“. Die zweitgrößte Gruppe der Bio-Verbraucher sind laut BUND inzwischen schon Endzwanziger bis Mittvierziger, die beruflich erfolgreich sind und sich so problemlos leisten können, für Gesundes mehr zu zahlen. Daraus schließt der BUND: „‚Gut ist geil‘ löst ‚Geiz ist geil‘ ab.“ Doch das ist Wunschdenken. „Bio“ ist nach wie vor ein „Spielzeug“ der Gebildeten und Besserverdienenden. Im Geschäftsjahr 2004 steigerte der Naturkosthandel zwar seinen Umsatz um etwa zehn Prozent und verkaufte Bioprodukte für 3,5 Milliarden Euro. Doch der Anteil der Ökobranche am gesamten Lebensmittelhandel liegt lediglich bei 2,5 Prozent. So ist das von Verbraucherschutzministerin Renate Künast verkündete Ziel, bis 2010 auf einem Fünftel der Agrarfläche Deutschlands ökologische Produkte anzubauen, unerreichbar. Erst wenn auch bei Aldi, Lidl, Netto & Co. Bioprodukte dauerhaft „gelistet“ sind und die Verbraucher die dann vielleicht nur noch zehn Cent teurere Biomilch bevorzugen, ist eine „Agrarwende“ überhaupt denkbar. 180 Bio-Supermärkte reichen dafür nicht aus.

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