Die Karten werden neu gemischt

Melkulangara K. Bhadrakumar, früher im indischen diplomatischen Dienst in Kabul, Taschkent und Moskau tätig, brachte es in der Zeitschrift The Hindu vor kurzem auf den Punkt: „Der Eintritt von China und Indien in das Rennen um das Erdöl und -gas in der kaspischen Region hat den USA einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Bhadrakumar sieht das mit hohen US-Investitionen verbundene Ziel einer absoluten Dominanz der USA in Zentralasien und der Kaspi-Region mehr und mehr verblassen. Zu dieser neuen Gemengelage komme der Umstand, daß Rußland, China und Indien auf verschiedenen Ebenen kooperierten. Darüber hinaus versuchten verschiedene EU-Staaten, durch eigene Initiativen im kaspischen Raum ihre Abhängigkeit von den russischen Energiereserven zu mindern. Deren Aktivitäten seien aber durch die erfolgreiche Infiltration Georgiens und auch der Ukraine seitens der USA überlagert worden. Der indische Publizist sieht vor allem drei geostrategische Zielrichtungen, vor deren Hintergrund die aktuellen Rivalitäten gesehen werden müßten: – Ein Ziel bestehe darin, den traditionellen russischen Einfuß auf die Energieressourcen in der kaspischen Region, Kasachstan, Aserbaidschan und Turkmenistan zurückzudrängen. – Zweitens werde die Durchsetzung politischer Hegemonie in den angrenzenden Staaten wie etwa in Georgien, der Ukraine und in Afghanistan von dem Ziel geleitet, Erdöl und Erdgas unter Umgehung Rußlands und des Irans auf die internationalen Märkte (sprich: in die USA und nach Europa) zu transportieren. – Drittens gehe es um die (militärische) Absicherung der Öl- und Gasleitungen – mittels der Nato-Osterweiterung oder durch die Unterstützung regionaler Sicherheitsbündnisse wie etwa GUUAM (Georgien, Ukraine, Usbekistan, Aserbaidschan und Moldawien). Bhadrakumar schlußfolgert, daß der beginnende Eintritt Chinas und Indiens in dieses „Great Game“ zu einem für die USA denkbar ungünstigen Zeitpunkt stattfinde. Falls diese großen Schwellenländer die Sicherung ihrer enormen Energiebedürfnisse weiter mit dem bisher gezeigten Nachdruck verfolgten, könnte ein Großteil des kaspischen Öls durch asiatische Routen gefördert werden. Die involvierten US-Firmen stünden in einem derartigen Fall als die Düpierten da. China hat in dieser Beziehung bereits Nägel mit Köpfen gemacht. Im August 2004 wurde die 4.200 km lange Pipeline von Schanghai zum Tarimbecken fertiggestellt. Diese soll mit kasachischen und möglicherweise auch mit iranischen und turkmenischen Routen verbunden werden. Bereits 1996 unterzeichnete China mit Kasachstan einen Vertrag über eine 3.000 Kilometer lange Pipeline, die das kaspische Becken mit Xinxiang verbinden soll. Dieses Neun-Milliarden-Dollar-Projekt schreitet derzeit mit großer Geschwindigkeit voran. Gleichzeitig hat Indien in die Kurmangazy-Ölfelder investiert. Diese Aktivitäten betreffen direkt auch die letzte Woche mit viel Medienrummel eröffnete Erdölleitung vom aserbaidschanischen Baku über das georgische Tiflis (Tblissi) an den südtürkische Mittelmeerhafen Ceyhan. Sie rentiert sich nur, wenn auch genügend kaspisch-mittelasiatisches Öl durch sie durchgeleitet wird. Diese seit 1998 von den USA und Großbritannien unterstützte 1.800 Kilometer lange und vier Milliarden Dollar teure BTC-Pipeline soll eigentlich die Hauptroute für das kaspische Öl in Richtung Westen werden. Gelingt ein asiatischer Zugriff auf das Öl, dürften die angepeilten Gewinnziele wohl kaum mehr zu erreichen sein. Die aktuellen Unruhen und ein Regimewechsel in Baku werden daher mit Sicherheit in allen interessierten Hauptstädten aufmerksam verfolgt. Verschnupft dürften die Amerikaner auch über eine mögliche iranisch-pakistanisch-indische Erdgasleitung sein, die Turkmenistan und Aserbaidschan die Möglichkeit eröffnen würde, ihr Erdgas nach Südasien über den Iran zu leiten . Entsprechenden Verhandlungen, die ein US-Konsortium, dem Unternehmen wie Bechtel, General Electric und Shell angehörten, bereits 1996 mit Turkmenistan und Aserbaidschan führten, ist durch die turkmenische und aserbaidschanische Verschleppungstaktik kein Erfolg beschieden gewesen. Die Amerikaner lassen keinen Zweifel daran, daß sie die Beziehungen Indiens zum Iran nicht goutieren. So ließ Stephen Blank, Professor am Institut für Strategische Studien am U.S. Army War College, in einem Beitrag für Strategic Insights (April 2004) durchblicken: „Indiens enge Beziehungen mit dem Iran könnte zu Ärger mit den USA führen.“ Nach Lage der Dinge dürften die Spannungen zwischen Washington und Neu-Delhi durch die Ambitionen Indiens, den eigenen Energiebedarf decken zu wollen, aufgrund natürlicher Interessenunterschiede ohnedies zunehmen. Die indische Bevölkerung (inzwischen über eine Milliarde) – und damit der indische Energiebedarf – wächst kontinuierlich, wie die Publizisten Parwini Zora und Daniel Woreck deutlich machten. Allein im Jahr 2004 stieg der indische Rohölverbrauch um zehn Prozent. Indien muß derzeit etwa 70 Prozent des benötigten Öls importieren, 2020 dürften es nach den Berechnungen von Woreck und Zora 80 Prozent sein. Hier liegt denn auch der eigentliche Grund für den Eintritt Indiens in das „Great Game“. Deutliche Rivalitäten sind hier auch zwischen China und Indien festzustellen – auch wenn eine direkte Auseinandersetzung um Energieressourcen bisher unterblieben ist. Beide Länder haben sogar gemeinsame Ölförderprojekte auf den Weg gebracht. Am 11. April verkündeten die einstigen Rivalen Indien und China sogar eine „strategische Allianz“, die als direkte Antwort auf die US-Ambitionen in Asien zu verstehen ist. Auch mit Rußland gibt es von indischer Seite intensive Kontakte. Letztes Jahr wurde mit Rußland nach Zora und Woreck eine gemeinsame „Erschließung und Verteilung der Erdgasressourcen des kaspischen Beckens“, der „Bau unterirdischer Gaslagerstätten in Indien“ und ein „Technologietransfer zwischen Rußland und Indien“ vereinbart. Selbst mit Venezuela steht Indien in Kontakt, was US-Versuche konterkariert, die linksnationalistische Regierung von Hugo Chávez zu isolieren. Auch Venezuela ist dabei, die Abhängigkeit von den USA zu lockern, die derzeit 60 Prozent des venezolanischen Erdöls Venezuelas aufkaufen. Sollten diese Entwicklungen möglicherweise erste Anzeichen für eine multipolare neue Weltordnung sein, in der die USA nur noch ein Machtzentrum unter mehreren sind? Eines ist auf jeden Fall klar: An hohe und mittelfristig weiter steigende Öl- und Gaspreise werden sich alle Beteiligten gewöhnen müssen. Wer die Gewinne dabei einfährt, ist allerdings noch nicht ausgemacht.

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