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Lockmittel private Altersvorsorge

Die aktuelle Diskussion um Ren tenkürzungen und die Notwendigkeit einer verstärkten priva-ten Altersvorsorge dient ominösen Anbietern auf dem grauen Kapitalmarkt zunehmend als Lockmittel. Ein Beispiel dafür ist die EURO-Gruppe mit Sitz in Würzburg. Die rührigen Vertriebsmitarbeiter dieser seit 1994 aktiven Gruppe versuchen, Kleinanleger zu „atypisch stillen Beteiligungen“ an ihren neun Immobilienhandels-Gesellschaften zu überreden – eine Geldanlageform, die sich in den letzten zehn Jahren zur „Abzockmasche Nr. 1“ entwickelt hat, wie die Verbraucherzentrale Berlin warnt. Von den neun Gesellschaften der Gruppe haben drei ihren Sitz in der Berliner Cicerostraße: die GOJ AG, die Knothe AG und die Pierenz AG. Regionale Schwerpunkte der Vertriebsaktivitäten sind Berlin, Dresden und München, wo die zur EURO-Gruppe gehörende Allgemeine Vermögensberatungs- und Vermittlungs-GmbH (AVB) wöchentlich Informationsabende durchführt. Auf diesen Veranstaltungen erklärt dann ein „Schulungsleiter“ den Teilnehmern, wie sie sich mit Beteiligungen an den EURO-Gesellschaften eine angeblich sichere und renditestarke Altersvorsorge aufbauen und dabei gleichzeitig noch Steuern sparen können. „Wenn vom Steuern Sparen die Rede ist, gehen leider bei vielen Verbrauchern alle Warnlampen aus“, weiß Peter Lischke von der Verbraucherzentrale Berlin. Folgerichtig wird dieses Thema gleich zu Beginn der Informationsveranstaltung angesprochen. Die weitere Argumentation nutzt geschickt Inflationsängste aus, besonders aber die tief verwurzelte Skepsis, ob die Renten sicher sind und im Alter der gewohnte Lebensstandard aufrechterhalten werden kann. „In Deutschland sind wir die fleißigsten, aber auch die dümmsten Sparer“, setzt der Schulungsleiter die Argumentationskette fort. Dumm seien die deutschen Anleger, weil sie achtzig Prozent ihres Geldvermögens in Anlagen wie Sparbücher, Bauspar- und Versicherungsverträge stecken, die nur geringe Renditen abwerfen, welche dann auch noch von der Inflation aufgezehrt werden. Clevere Anleger, so heißt es in dem Vortrag weiter, investieren dagegen in Immobilien, wie es Banken und Versicherungen auch tun. Die vermeintliche „Lösung“: Mit einer „atypisch stillen Beteiligung“ bei einer der neun Gesellschaften der EURO-Gruppe kann man angeblich gleich dreifach profitieren, und zwar durch die Beteiligung an Gewinnen und an stillen Reserven sowie durch Steuervorteile. Als Renditen aus Immobilienanlagen werden 10 Prozent und mehr in Aussicht gestellt. Atypisch stiller Gesellschafter kann werden, wer hohe Einmalbeträge zahlt oder Ratenverträge mit Laufzeiten zwischen zehn und 30 Jahren abschließt. „Ohne zusätzliche Belastung“, wie die Werber versprechen, denn um die Verträge bedienen zu können, sollen einfach bestehende Anlagen wie Versicherungen oder Bausparverträge aufgelöst werden. Dabei ist die EURO-Gruppe gern behilflich und läßt sich von ihren künftigen Gesellschaftern entsprechende Vollmachten unterzeichnen. „Unsere 80 Mitarbeiter haben allein im September 2003 rund 700 neue Verträge abgeschlossen“, freut sich ein Berliner Mitarbeiter, „dafür haben wir rund 2.000 Versicherungs- und Bausparverträge kassiert“. Für die Anleger ist dies mit einem Verlust verbunden, denn bei vorzeitiger Vertragsauflösung erhalten sie in der Regel weniger zurück, als sie eingezahlt haben. Diese Vertriebsmethode findet Verbraucherschützer Lischke „besonders aggressiv“: „Die Anleger werden aus sicheren, staatlich überprüften Anlagen heraus- und in risikobehaftete unternehmerische Beteiligungen hineingelockt“. Vor diesen „Unternehmensbeteiligungen“ warnen Verbraucherschützer seit Jahren. Denn allen vollmundigen Versprechungen der Anbieter zum Trotz sind diese Anlagen extrem riskant. Wer eine solche Beteiligung zeichnet, wird als Mit-Unternehmer im Handelsregister eingetragen. Das bedeutet aber, er haftet nicht nur für Gewinne, sondern auch für Verluste des Unternehmens. Mitwirkungs- oder Mitgestaltungsrechte hat der atypisch stille Gesellschafter ebensowenig wie ein ordentliches Kündigungsrecht während der für die Beteiligung vereinbarten Laufzeit. Von den Risiken erfährt man auf den Veranstaltungen und in Beratungsgesprächen nichts, diese können jedoch „bis hin zum Totalverlust der Beteiligung führen“, so Lischke. Kein Wort hören potentielle Anleger auch darüber, daß die atypisch stillen Beteiligungen anders als Bank- und Versicherungsprodukte sowie Wertpapiere nicht der staatlichen Finanzaufsicht unterliegen. Geprüft werden die Bilanzen und Jahresberichte der Euro-Gruppe nach eigenen Angaben von der Hamburger Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft HCR (Hanse Capital Revision GmbH). Wenn sich Anlegerschützer für die Gruppe interessieren, wird geblockt. So hat zum Beispiel www.anlegerschutz-check.de 2002 versucht, die EURO-Gruppe unter die Lupe zu nehmen. Weder die vollständige Initiatoren-Leistungsbilanz noch das angeforderte Wirtschaftsprüfer-Prospektgutachten wurden zur Verfügung gestellt, Ergebnis: „unzureichende Transparenz“. Um Anleger zu ködern, wirbt die EURO-Gruppe mit dem Euro-Center in Würzburg, in dem sich auch ihr Geschäftssitz befindet. Dieses Objekt hat sie nach eigenen Angaben im Jahr 2000 für 25 Millionen Mark erworben. In einem Film über das Euro-Center, der auf den Informationsveranstaltungen gezeigt wird, kommt auch der Initiator Franz Klaffenböck zu Wort: eben jener Franz Klaffenböck, der Anfang der neunziger Jahre in Würzburg Tausende Anleger um Millionen geprellt hat und dafür zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, wie bereits im Juni 2001 im ARD-Wirtschaftsmagazin „Plus-Minus“ zu erfahren war. So zweifelhaft wie die Vergangenheit des Initiators sind auch die Vertriebsmethoden. Nach der bekannten Strukturvertriebsmasche werben EURO-Mitarbeiter neue Gesellschafter zunächst im Freundes-, Verwandten- und Kollegenkreis. „Natürlich machen wir auch Kalt-Akquise“, gibt ein Mitarbeiter zu. Wegen dieser wettbewerbswidrigen und illegalen Telefonwerbung hat der Verbraucherzentrale-Bundesverband die Knothe AG und die AVB verklagt, berichtete die Zeitschrift Finanztest schon im März 2003. Bereits vor über zwei Jahren hat das zweifelhafte Geschäftsgebaren der Gruppe die Staatsanwaltschaft Würzburg auf den Plan gerufen. Wie aus der Behörde zu erfahren ist, sind die Ermittlungen wegen unlauterer strafbarer Werbung, Betrug und Untreue inzwischen abgeschlossen, eine endgültige Würdigung steht aber noch aus. Die Entscheidung, ob Anklage erhoben oder das Verfahren eingestellt wird, wird Anfang dieses Jahres erwartet. Zivilrechtlich geht es mitunter schneller, so haben verunsicherte Anleger Prozesse gegen die zur EURO-Gruppe gehörenden Gesellschaften GOJ AG, Lenz AG und Knothe AG gewonnen und können nun hoffen, bereits gezahltes Geld zurückzuerhalten. Nach einem aktuellen Urteil des Kammergerichts Berlin kann eine Anlegerin ihre Beteiligung an der IBEKA AG – ebenfalls eine Gesellschaft der EURO-Gruppe – widerrufen. Die bereits gezahlten 8.500 Mark erhält sie jedoch nicht zurück (Finanztest 1/04).

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