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Zweifacher Heimatraub

Es dürfte in der Historie kaum ein Beispiel für eine kuriosere Situation geben: Menschen, die im Mai 1945 innerhalb weniger Tage ihre Heimat zwangsweise verlassen mußten und deren nahe Verwandten als vermeintliche NS-Kollaborateure hingerichtet worden waren, erhielten wenige Monate später vom Verursacherstaat die Aufforderung, sich zurück in ihre ehemaligen Gemeinden zu begeben, um dort ihre ehemalige Staatsbürgerschaft und ihre beschlagnahmten Häuser und Grundstücke zurückzuerhalten. Was auf den ersten Blick nahezu unmöglich erscheint, war eine bitter erlebte Realität für die Bewohner eines schmalen Grenzstreifens der nordwestlichen Weitraer Region im Süden Böhmens, der 1919 dem neuen tschechoslowakischen Staat zugesprochen worden. Der aus der Slowakei stammende Historiker Jan Mlynarik hat in seiner neuesten Studie „Fortgesetzte Vertreibung – Vorgänge im tschechischen Grenzgebiet 1945-1953“ diese Vorgänge und ihre Vorgeschichte detailliert beleuchtet. Obwohl es sich bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung der westlichen Weitra-Region um eine ausgeprägte Mischzone mit sowohl deutscher als auch tschechischer Bevölkerung handelte, verspürte die Mehrzahl der Einwohner nach 1918 innerhalb des neuen Staatsverbandes eine ähnliche Benachteiligung wie in den fast ausschließlich von Deutschen besiedelten Regionen. Nach der Abtretung der Sudetengebiete an Deutschland im Oktober 1938 und der Besetzung Böhmens und Mährens im März 1939 bekannte sich die Mehrzahl der Bevölkerung in gleicher Weise zur deutschen Nationalität wie 1921 zur tschechischen. Nach 1945 wurde ihnen dieses vermeintlich kollektive Verhalten auf grausamste Art vergolten: Sogenannte „Volksgerichte“ fällten im Mai 1945 innerhalb weniger Tage wegen des „Verrats an der Tschechoslowakischen Republik“ zahlreiche Todesurteile. Über neunzig Prozent der Einwohnerschaft wurden zum größten Teil in „wilden“ Vertreibungen in das benachbarte Oberösterreich gejagt. Doch nur ein halbes Jahr später, Ende 1945, entschied die neue tschechoslowakische Regierung, daß die Mehrzahl der Vertriebenen keine Personen deutscher oder ungarischer Nationalität, sondern Personen „tschechischer Nationalität“ gewesen seien, die sich nur „unter Zwang zur deutschen Nationalität oder Staatsangehörigkeit“ bekannt hätten. Anfang 1946 entschloß sich daher die Prager Regierung zu einer „Rückrufaktion“. Willkommen waren die ehemaligen Einwohner, die dieser „Einladung“ folgten, in ihren Heimatorten allerdings keineswegs: Besonders verhaßt waren sie den lokalen Behörden, die sich unterdessen Grundstücke und Häuser angeeignet hatten. Nach dem kommunistischen Putsch von 1948 wurden die Rückkehrer erneut zu geeigneten Sündenböcken. Als „national unzuverlässige Elemente“ betrachtet, erwartete viele ein zweites Vertreibungsschicksal: In den Jahren 1948 bis 1953 mußten sie erneut – diesmal dauerhaft – ihre Heimat verlassen und wurden zwangsweise in das Landesinnere umgesiedelt. Die Weitraer Region durften sie bis Ende der siebziger Jahre nicht mehr betreten. Jan Mlynarik: Fortgesetzte Vertreibung – Vorgänge im tschechischen Grenzgebiet 1945-1953. Herbig Verlag, München 2003 gebunden, 480 Seiten, 39,90 Euro

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