Joachim Kuhs

 

Der Freund des Menschen

Seit Urzeiten hat der Mensch ein besonderes Verhältnis zum Wald und damit auch zum Baum. Er lieferte Holz als Rohstoff, bot Schutz und war ein natürliches Jäger- und Sammlerrevier. Seit den dreißiger Jahren wird der 25. April in Deutschland als „Tag des Baumes“ begangen. Er geht auf Julius Sterling Morton zurück, der einst ins baumarme amerikanische Nebraska auswanderte und dort 1872 seine „Arbor Day Resolution“ veröffentlichte, in der er einen jährlichen „Tag des Baumes“ forderte. Am 10. April 1872 pflanzten erstmals Bürger und Farmer mehr als eine Million Bäume. Dieser Erfolg veranlaßte kaum zwei Jahrzehnte später alle Staaten der USA, den „Tag des Baumes“ zu übernehmen. Im Gedenken an den Baumfreund Morton, der als erster in Amerika die positiven Auswirkung der Bäume auf die Landwirtschaft und den Umweltschutz erkannte, wurde die National Arbor Day Foundation gegründet. Am 28. November 1951 beschloß die FAO (Food and Agriculture Organisation) der Uno: „Die Konferenz sieht es als notwendig an, daß sich alle Menschen sowohl des ästhetischen und physiologischen als auch des wirtschaftlichen Wertes des Baumes bewußt werden, und empfiehlt daher, jedes Jahr in allen Mitgliedsländern einen Weltfesttag des Baumes zu feiern, und zwar zu dem Zeitpunkt, der unter örtlichen Bedingungen als gegeben erscheint“. Die Idee zum „Baum des Jahres“ entstand 1989 durch die Initiative des Umweltschutzvereins Wahlstedt in Schleswig-Holstein. Das gegründete Kuratorium wählte damals die Stieleiche. 2004 wurde die Weißtanne (Abies alba) gewählt. Das immergrüne Nadelgehölz, welches wie Lärche oder Fichte zur 50 Arten umfassenden Gattung der Kieferngewächse gehört, ist vielen heute nur noch namentlich bekannt – obwohl jährlich allein in Deutschland fast 30 Millionen „Tannenbäume“ zur Weihnachtszeit aufgestellt werden. Woran erkennt man nun aber eine Weißtanne? Obwohl sie für den Laien meist wie jeder andere Nadelbaum aussieht, gibt es einige eindeutige Merkmale, welche nur auf die Weißtanne zutreffen. Junge Bäume zeichnen sich durch den gleichmäßigen pyramidenförmigen Kegel aus. Bei älteren Bäumen ist das storchennestartige Kronendach typisch, und – egal, ob jung oder alt – die weiß-graue Borke war schließlich namensgebend. Dazu stehen die Zapfen der Weißtanne und hängen nicht wie die Samenträger bei anderen Nadelbäumen. Schon bei den alten Germanen hatte die immergrüne Tanne Kultbedeutung als „Mittwinterbaum“ und war Symbol von Lebenskraft, Fruchtbarkeit und Wachstum. Um die Götter und Geister günstig zu stimmen, wurde die Tanne mit Obst, Eßwaren und anderen Geschenken behangen. Im 16. Jahrhundert begann man in der Region Oberrhein damit, die Wohnungen gegen Jahresende mit Bäumen zu verzieren. 1539 stand im Straßburger Münster der erste urkundlich erwähnte Weihnachtsbaum. In vielen Sagen ist der dunkle „Tann“ Ort des Geschehens. Wahr ist, daß „tan“ aus dem Mittelhochdeutschen übersetzt soviel wie Wald oder Forst bedeutet und die Namen von Ortschaften wie „Thandorf“ oder „Tanling“ einen Hinweis auf die ehemalige Umgebung der Siedlungen geben. Berühmt wurde die Weißtanne durch die „Holländertannen“ aus dem Schwarzwald, die in früherer Zeit in großen Flößen auf dem Rhein nach Holland transportiert wurden. Auch der Freiburger Münster trägt im Inneren ein tausendjähriges Tannengebälk, und der Abenteurer Rüdiger Nehberg überquerte im Jahre 2000 in einem 350 Jahre alten Stamm einer Weißtanne den Atlantik. Heute hat die Weißtanne, bedingt durch ihre Empfindlichkeit gegenüber den Umweltveränderungen, kaum noch Bedeutung. Als Baum des Jahres wurde sie vor allem wegen der bedrohten Lebensräume ausgewählt. Eine Hauptursache ist die hohe Luftverschmutzung. Der Anteil der Weißtanne am deutschen Wald beträgt heute nur noch zwei Prozent! Im 17. Jahrhundert war sie im Fichtel- und Erzgebirge sowie im Thüringer Wald häufiger anzutreffen. Aufforstungen mit nicht standortgerechten Arten ließen ihren Anteil drastisch schwinden. Seit Jahrzehnten beobachtet man das Absterben alter Bestände. Erste Berichte über das Tannensterben gehen bis in das Jahr 1886 zurück, als es in Sachsen durch Tannenläuse hervorgerufen wurde. Auch die Immissionsschäden wurden schon im frühen 18. Jahrhundert erwähnt. Schäden traten damals gehäuft in Bergbaugebieten mit Erzgruben sowie in der Umgebung von Glashütten auf. Die Weißtanne kommt in den Vogesen und im Schwarzwald sowie bis östlich von Minsk, von den Alpen bis in die Karpaten, südlich bis zum Balkan, in Italien, Ostfrankreich und in Spanien in den Pyrenäen vor. Für die Niederlausitz werden aus der Gegend von Finsterwalde und Lauchhammer Vorkommen erwähnt. In den mitteldeutschen Braunkohletagebauen wurden zudem interessante Erkenntnisse über die Ansiedlung und Verbreitung der Weißtanne gewonnen. In den Ablagerungen des Jungtertiärs der Ober- und Niederlausitz, beispielsweise im Tagebau Klettwitz und Crinitz, kommen gehäuft Samen und Nadeln von Baumarten vor, die zur heutigen Weißtanne Beziehungen haben. In der Nähe von Lauchhammer wurde die frühere Existenz der Tanne ebenfalls durch Pollen belegt. Als Parkbaum hat der Baum überall nur eine geringe Bedeutung. Das Holz der Weißtanne ist weich, elastisch und trocknet sehr schnell, ohne dabei stark zu schwinden. Da es sehr wenig quillt, ist es für Dachschindeln bestens geeignet. Außerdem besitzt es wegen seiner sehr guten Resonanzeigenschaft im Musikinstrumentenbau einen hohen Stellenwert. Wald braucht Pflege, eine standortgerechte Baumartenwahl und beständige Naturverjüngung – was im Grundsatz unserer naturnahen Forstwirtschaft „Schützen durch Nützen“ zum Ausdruck kommt. Damit ist das Prinzip der Nachhaltigkeit gemeint: Dem Wald wird immer nur so viel Holz entnommen, wie nachwächst. Das stellt die kontinuierliche Erneuerung unserer Wälder sicher. Die Tanne hat dabei eine wichtige Funktion. Das Waldgefüge als eine Mischung von „dicken, dünnen, großen und kleinen“ Bäumen profitiert vom Wurzelsystem der Weißtanne: Ihre Pfahl- und Senkwurzeln garantieren sturmstabile Wälder, sie schützen den Boden als unser wertvollstes Kapital. Deshalb ist es von enormer Bedeutung, sie wieder verstärkt ins Waldgefüge einzubringen, was aber voraussetzt, daß ihr Holz auch genutzt wird. Foto: Zweige der Weißtanne: Noch zwei Prozent des deutschen Waldes

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