Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Fragen, die der Mensch seit tausend Jahren stellt

Zwanzig Minuten sind kurz, nur ein Moment, wie ein Schluck Wasser oder das Durchbeißen einer Wurst. Und zwanzig Minuten können lang sein, endlos sich dehnen, wie eine Wüste ohne Ankunft. Das habe sie quälend empfunden beim Gedächtnisläuten am 16. März, so die junge Kustodin der Fotodokumentation im Würzburger Rathaus. Alljährlich erinnern hier die Glocken an die Zerstörung von 1945. Noch zu Ende des Krieges, am 16. März 1945, hat die 5. Bombergruppe der Royal Air Force in nur 20 Minuten Würzburg platt gemacht. Die Brandbomben fackelten die alte Prälatenstadt einfach ab, übrig blieben nur Ruinen. „Würzburg, die Stadt des Weines, der Fische, der Kirchen, gotisch und barock, wo jedes 2. Haus ein unersetzliches Kunstdenkmal“, ward ausgelöscht. „Den folgenden Morgen floß der Main, in dem sich die schönste Stadt des Landes gespiegelt hatte, langsam und gelassen durch Schutt und Asche, hinaus in die Zeit.“ (L Frank) Die Amerikaner planten, eine neue Stadt mainaufwärts zu errichten, doch die Würzburger fanden sich nicht ab mit der Chiffre des Todes und bauten den Ort wieder auf. So erstand Würzburg neu, doch mit einer „Altstadt aus zweiter Hand“. Immerhin wurden architekturgeschichtliche Denkmäler von Weltrang, so Kirchen und die Residenz, zumindest ihrer Baugestalt nach rekonstruiert. Heuer feiern die Würzburger das 1300jährige Jubiläum ihrer 704 erstmals urkundlich erwähnten Stadt, die bis 1803 geistlich regiert, 1814 bayerisch wurde. Zwei große Künstler verbinden sich mit Würzburg: Tilman Riemenschneider und der Barockbaumeister Balthasar Neumann (1687-1753). Dieser schuf die bischöfliche Residenz, ein Wunderwerk des deutschen Spätbarock mit kostbaren Rocailledekors, monumentalem Raumprogramm und den Fresken Tiepolos: ein glanzvoller Rahmen für die Kirchenfürsten, die zugleich als Herzöge von Franken regierten und beide Attribute des Frankenapostels Kilian (640-689), Krummstab und Schwert, in ihrer Hand vereinten. Künstlerischer Ausdruck und verinnerlichter Glaube Dem anderen Großen, dem auf der Grenzscheide zwischen Gotik und Renaissance stehendem Tilman Riemenschneider (1460-1531), widmet Würzburg nun im Jubeljahr eine große Doppelausstellung. Auf der Feste Marienberg richtet das Mainfränkische Museum mit 80 eigenen Werken und 50 Leihgaben die Retrospektive „Werke seiner Blütezeit“ aus, während im Museum am Dom die Diözese die „Werke seiner Glaubenswelt“ vorstellt, die sie als Verweis „auf das bis in die Gegenwart sich in der Kunst dokumentierende Ringen um die Erschließung der Transzendenz“ versteht. So werden gut 200 Hauptwerke des Bildschnitzers und Steinmetzen gezeigt, teils komplexe Figurengruppen, was eine umfassende Orientierung über den mittelalterlichen Meister erlaubt. Das von der Entdeckung seines Grabsteins 1822 datierende Interesse an Riemenschneider hat bislang zu drei kunsthistorischen Großerkundungen geführt, den Ausstellungen von 1893, dann 1931, schließlich 1981 („Werke seiner Frühzeit“). Jetzt also ein neuer Markstein. Tilman Riemenschneider, Genie einer Umbruchzeit im „Herbst des Mittelalters“, hat durch künstlerische Ausdruckskraft und verinnerlichten Glauben von seiner Werkstatt aus einen mainfränkischen Territorialstil geschaffen, der geistig teilnimmt an der intensiven Andachtsfrömmigkeit seiner Zeit, als Stilform aber eine wesentliche Facette der Schnitzaltar-Periode (1450-1530) artikuliert. Der Meister wurde 1460 in Heiligenstadt/Eichsfeld geboren. Er schult sich künstlerisch im schwäbischen Ulm und oberrheinischen Straßburg und wird 1483 in Würzburg ansässig, wo er zwei Jahre darauf heiratet, das Bürgerrecht erwirbt und eine Werkstatt als Meister eröffnet. Schnell erfolgreich und viel gefragt, arbeitet er bald mit zwölf Gesellen; Kunst dieser Zeit entsteht aus der Gemeinschaft. Riemenschneider ist zunehmend kommunal engagiert, seit 1504 Ratsmitglied, 1520/21 gar Bürgermeister. Als 1525 im Bauernkrieg die Stadt mit Aufständischen sympathisiert, setzt sich danach die Obrigkeit um so rigider durch. Würzburg verliert die Selbstverwaltung, der Frühabsolutismus tritt auf den Plan. In die Mühlen der Restauration gerät auch der Künstler, wird er doch gefangengesetzt, gefoltert, sein Vermögen großteils konfisziert. Danach hat er kaum mehr produziert. Doch auch die Zeit der großen Schnitzaltäre war vorbei, die Reformation stellte christliche Bildproduktion überhaupt in Frage. Als Riemenschneider 1531 stirbt, wird er schnell vergessen. Meister Tills Genie war den so unterschiedlichen Werkstoffen Stein und Holz gleich gewachsen. So ging er mit Architekturplastik und Altarausstattungen, mit ganzen Andachtsgruppen als auch Einzelfiguren in die Kunstgeschichte ein. Zu seinen Hauptwerken zählen etwa Adam und Eva im Portal der Würzburger Marienkapelle (1493), das Kaisergrab im Bamberger Dom (1513), der Marienaltar in Creglingen (1508), der Heilig-Blut-Altar in Rothenburg (1505), beides raffinierte Kompositionen und Wunderwerke subtiler Ausdruckskunst, die Beweinungsgruppen und Pietàs, Kruzifixe und Heilige, Engel und Mariendarstellungen, schließlich scharf charakterisierende Bischofsepitaphe im Würzburger Dom. Die Ausstellung des Mainfränkischen Museums rekonstruiert die frühe Entwicklung des Meisters, untersucht die Formschemata seiner Marienfiguren und das Potential seiner Werkstatt („Viele Mitarbeiter – viele Handschriften“), hat gar zwei solche nachgebaut, die eines Bildschnitzers und die eines Steinmetzen der Zeit, um deren Arbeitspraktiken anschaulich zu machen, und thematisiert schließlich Farbgebung und Monochromie. Riemenschneider brach mit der Konvention, Schnitzwerk zu bemalen; den Ausdrucksreichtum der Farbe mußte die plastische Form nun selbst ereichen. Riemenschneider wurzelt ganz in der spätmittelalterlichen Demut vor den christlichen Heilstatsachen. Das biblische Wort, dann Liturgie und Gebetspraxis der Zeit, das Wallfahrtswesen und die „christliche Mythologie“ (R. Benz) der Heiligenviten und Apokryphen bestimmen sein Schaffen; die Themenfelder lauten: kirchlicher Memorialkult, Heilige und Nothelfer, Marienfrömmigkeit, Leben und Sterben Christi. Alles bleibt dabei auf die Passion als zentrales Heilereignis bezogen, empfängt von dort den Schmerz, die tiefe Trauer, aber auch Erlösungsverheißung. Anders als der schrille Leidensrealismus Grünewalds im Isenheimer-Altar (1515) ist der Schmerz beim Würzburger Meister ganz verinnerlicht, die Gestalten würdig gefaßt, in tiefes Schweigen entrückt und wie verklärt vom Geist Gottes. Das verleiht seiner christlichen Kunst eine „buddhistische“ Note. Das Passionsgeschehen ist auch im Diözesanmuseum der Angelpunkt menschlichen Fragens. Dort thematisieren Stichworte wie: „Zuflucht und Verheißung“, „Der gute Tod“ oder „Mit-Leiden“ die „Glaubenswelt“ des Bildschnitzers. Man weiß hier um ästhetische Stilformen und kirchengeschichtliche Hintergründe. Der Katalog leuchtet sie erschöpfend aus. Doch kann Kunst, die auf Übernatürliches zielt, nicht im Zeitlichen aufgehen. Deshalb entkräftet das erst 2003 eröffnete Museum am Dom (Vernissage 33/02) souverän die Prinzipien von Chronologie und historischer Relativität und setzt eine Anschauungsform dagegen, die Tradition und Moderne synchron auf zentrale Fragen des Mensch-seins bezieht. Rühmenswert dieser Mut, der alternativ zur Kunsthistorie ein Museum inszeniert, dabei auf Periodisierung, stilgeschichtliche Kategorien, Scheidung nach Gattung, Technik, Werkstoff verzichtet und die Inhalte statt der Form ins Zentrum rückt. Das durchkreuzt die eingeschliffene Arbeitsteilung von irreligiösem Kunstbetrieb und klerikalem Banausentum: So stellt das Museum Mensch, Kunstschaffen und Glauben in eine legitime Einheit und zeigt, daß „die Kunst über alle Jahrhunderte hinweg die Fragen der Menschen nach ihrem Ursprung, nach ihrer Existenz sowie nach der Sinngebung und Ausrichtung des Lebens aufgreift und ins Bild setzt“. Mensch, Welt und Transzendenz vernetzen sich wieder; wo sonst wäre heute der Ort, der das ermöglichte? Die Schau führt stärker zur Andacht als das Gehör Auffällig liegt der Sammlungsschwerpunkt bei mitteldeutschen Künstlern wie Heisig, Mattheuer, Sitte, Cremer oder Tübke, die sich trotz atheistischen Umfelds intensiv mit christlicher Motivik auseinandersetzen. Mit ihnen treten aktuell nun Werke Riemenschneiders in einen spannungsreichen Kontrast, was den Besuch zum Erlebnis macht und abhebt von den historischen Schematisierungen, die eben immer auch den eigentlichen Wahrheitsanspruch kassieren. Schon in den ersten Tagen hat das Publikum dies lebhaft aufgenommen. Die Verbindung von Kunst und theologischer Reflexion, von Existenzerhellung und Symbolsprache ist ein großes Bedürfnis der Zeit, auf das die Kirche einsteigen muß, will sie nicht die Zeichenproduktion einer zynischen Unterhaltungsindustrie überlassen. Auch löschen sich im Dommuseum die divergierenden Signale nicht aus, sie stimulieren den Betrachter, schlagen Funken, die Auseinandersetzung ist produktiv: das barocke Elfenbeinkruzifix mit dem polierten Schmelz, blutbespritzte Textilinstallationen von Nitsch, leuchtend farbige Hinterglasikonen aus Siebenbürgen und die filigran geschnitzten Evangelistensymbolen Riemenschneiders, der vereinsamte Christus im leeren Abendmahl M. Triegels und der wuchtige Torso des Gekreuzigten von Alfred Hrdlicka. Kirchlicher Mut geht hier mit der Verkündung in neue Medien, bewahrt sie unerschrocken im freien Zugeständnis, daß „vergleichbare existenzielle Fragen der Menschen“ durch 1.000 Jahre gehen, den christlichen Logos also in eine universale Tradition rücken. Nach einem Wort des Thomas von Aquin führt die Schau stärker zur Andacht als das Gehör. Die späte Gotik gibt dafür ein Beispiel. Bei Riemenschneider spricht sie in künstlerischen Formen von singulärer Qualität. Die Ausdruckskraft seiner Figurengruppen und Reliefs erscheint dabei als Resultante tiefgründiger Erfahrung des Mysteriums und hochartifizieller Gestaltung, die jedes Detail subtil behandelt und doch die Gesichter zum eigentlichen Träger des Geschehens macht, im „Antlitz“ die Gnade aufscheinen läßt. Die Ausstellungen zu Tilman Riemenschneider im Mainfränkischen Museum, Festung Marienberg, und im Museum am Dom sind beide bis zum 13. Juni, täglich 10 bis 19 Uhr, zu sehen. Info im Internet: www.wuerzburg.de/stadtjubiläum Bilder: Trauernde Maria, Maria mit Kind: Kunst, die auf Übernatürliches zielt, kann nicht im Zeitlichen aufgehen / Heiliger Kilian: Im Antlitz die Gnade

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