Fast ein Tschernobyl an der Donau

Die verlogene Politik während der kommunistischen Ära hat bei den Menschen jenseits des „Eisernen Vorhangs“ das Vertrauen in offizielle Verlautbarungen nachhaltig zerstört. Sobald ein Ministerium erklärt, es gebe „keine Probleme“, alles sei in „bester Ordnung“, kann man sicher sein, daß gar nichts in Ordnung ist. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Informationspolitik lieferte der Störfall im ungarischen AKW Paks, einem kleinen Städtchen an der Donau, südlich von Budapest. Besorgt fragte die FAZ am 2. Mai, ob es sich bei dem Störfall am 10. April nicht um den schwersten Unfall seit Tschernobyl handle. In der Tat sind die genauen Umstände des Störfalls nach wie vor nicht ganz geklärt, da die Verantwortlichen vor allem damit beschäftigt sind, die Beinahe-Katastrophe zu bagatellisieren. Als „Bauernopfer“ wurden fünf Wochen nach dem Zwischenfall fünf Führungskräfte des AKW entlassen – darunter der technische Direktor und der Sicherheitsdirektor. Wirtschaftsminister István Csillag bat inzwischen die Internationale Atomenergiebehörde in Wien um eine Untersuchung des Vorfalls. Obwohl weiterhin unklar ist, was genau in der Reinigungskassette von Block 2 des AKW sowjetischen Typs geschah, spricht Generaldirektor István Kocsis bereits davon, Block 2 innerhalb von zwei Monaten wieder hochzufahren. Nach Meinung des Direktors des russischen Kurtschakow-Instituts für Atomforschung, Wladimir Asmolow, wurden die Vorschriften nicht eingehalten, als man in Paks die Brennstäbe in die Reinigungskassetten überführte. Es sei ein Riesenfehler gewesen, daß keine Rücksprache mit dem russischen Brennstabproduzenten gehalten wurde. Einzig die in Dimitrowgrad ansässige Firma NIIAR sei in der Lage, das Problem zu beseitigen – die Eigentümer des ungarischen Reaktors, Siemens und die französische Framatome, hätten dazu nicht das nötige Wissen. Für die Russen ist dieser Störfall auch eine späte Genugtuung, denn als 1999 erstmals eine Ausschreibung für die Reinigung von AKW Paks erfolgte, bewarben sich Siemens, Electricité de France (EdF) und die russische Hidropress – aber die Deutschen bekamen den Zuschlag. Bekanntlich kam es in Tschernobyl zu dem Super-GAU, nachdem dortige Wissenschaftler „einfach mal experimentieren“ wollten. Ebenfalls von einem „Experiment“ sprachen Offizielle am 6. Mai in Paks, als bekannt wurde, daß am 3. Mai erneut ein schwerer Störfall aufgetreten war. Man hatte in das borhaltige Kühlwasser Hydrasin geschüttet, um das im Wasser befindliche radioaktive Jod zu binden. Daraufhin nahm die Anzahl der Neutronen sprunghaft zu. Die Aufgabe des Bors ist es aber, die Neutronen zu binden, denn nur dadurch wird die gefürchtete Kettenreaktion vermieden, die zur atomaren Verseuchung führen würde. Obwohl dies bekannt war, über den Borgehalt des Kühlwassers aber nur Schätzungen vorlagen, wurde das Hydrasin einfach dazugekippt. Nach der anfänglichen Desinformation räumte man in Paks ein, daß es sich nicht um ein Experiment gehandelt habe, sondern um ein „neues Verfahren“ – die Nationale Atomenergiebehörde (OAH) hatte man davon allerdings nicht in Kenntnis gesetzt. Mit dem großzügigen Eingeständnis, man habe ursprünglich mit dem Hydrasin die Gasentwicklung in der Kassette regulieren wollen, erfuhr die Öffentlichkeit nebenbei, daß es offenbar schon vorher Probleme mit radioaktiven Gasen gab. Außerdem wurde bekannt, daß Hydrasin ein hochexplosiver Treibstoff ist, der schon in der deutschen „Wunderwaffe“ V-2 verwendet wurde. Zusammen mit den verschiedenen Gasen hätte sich das Hydrasin leicht entzünden können, was die kritische Situation nur weiter verschlimmert hätte. Inzwischen hat man in der Umgebung von Paks erhöhte Radioaktivität festgestellt, was allerdings sehr unterschiedlich interpretiert wird. So erklärte die AKW-Leitung, die Messung der Station A-2 sei nicht ganz richtig, denn das Instrument habe sich „nur erwärmt“. Obwohl die Meßstation topmodern und kaum zwei Jahre alt ist, soll sie also schon defekt sein – ohne die Überlastung gemeldet zu haben. Wenig beruhigend ist auch die Tatsache, daß vor zehn Tagen in einem Montageschacht von Block 2 etwa zehn Zentimeter radioaktives Wasser gefunden wurde, die Kraftwerksleitung aber zugeben mußte, daß sie keine Ahnung hat, woher dieses Wasser gekommen ist. Premierminister Péter Medgyessy sich bisher sehr zurückhaltend über den „Fall Paks“ geäußert und vermied es auch, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen. Statt dessen reiste Wirtschaftsminister István Csillag zum Unglücksreaktor und ernannte einen Sonderbeauftragten, den Atomwissenschaftler Attila Aszódi, was Direktor Kocsis ganz und gar nicht passen dürfte. Denn Kocsis läßt seine Umgebung immer spüren, daß er nicht nur ein großartiger Fachmann ist, sondern auch das freundschaftliche Vertrauen Medgyessys besitzt. Wichtiger als eine Freundschaft ist der Regierung aber die ausländische Meinung – und die hat sich im Fall Paks negativ entwickelt. Deshalb wird jetzt „brutalstmögliche Aufklärung“ gespielt. Aszódi hat derweil den Optimismus von Kocsis deutlich gebremst, denn seiner Meinung nach kann es sogar über ein Jahr dauern, bis aus Block 2 wieder Strom fließen wird. Angesichts der Tatsache, das Paks etwa 40 Prozent des ungarischen Stromes produziert, könnte der Ausfall zu einer unvorhergesehenen Verteuerung der Energie sorgen. Bis sich die Aufregung gelegt hat, bleibt der Störfall ein gefundenes Fressen für die bürgerliche Opposition. Aber schon jetzt steht fest, daß die tatsächlichen Umstände der Beinahe-Katastrophe trotz aller Nachfragen nie an die Öffentlichkeit gelangen werden. Garant dafür ist Ex-Stasi-Offizier Medgyessy, der nicht nur fließend Französisch spricht, sondern dem auch beste Kontakte zur französischen Industrie nachgesagt werden. Das AKW Paks ist aber Eigentum der französischen Framatome und steht somit unter besonderem Schutz der sozialistisch-linksliberalen Regierung in Budapest. Foto: Greenpeace in Paks: AKW deckt 40 Prozent des Energiebedarfs

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