Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Zeuge des Jahrhunderts

Gerhart Niemeyer, der in die Vereinigten Staaten emigrierte bedeutende konservative Staatsdenker (1907-1997), hat deutlich gemacht, daß das Auftreten Alexander Solschenizyns eine historische Wasserscheide bildete, vergleichbar etwa der Französischen Revolution oder der Wirkung von Darwin oder Dostojewski: „Hier ist der Punkt, an dem sich die Geister scheiden und man erkennt, daß man nicht auf beiden Wegen einherziehen und der gleiche Wanderer bleiben kann.“ Niemeyer unterscheidet im Auftreten Solschenizyns drei Durchbrüche, den menschlichen, den literarischen und den politisch-prophetischen. Zum menschlichen Durchbruch: „Der Mann, der durch den Abgrund des von Menschen geschaffenen Infernos gezerrt worden war, ging aus der Prüfung mit einer Hymne des Preises und Dankes gegenüber dem Leben hervor, und seine Bejahung war so stark, daß sie den Wuchs des furchtbaren Geschwürs in seinem Körper eindämmte. Solschenizyns erster Durchbruch war, daß er dem tiefen Leiden erlaubte, seinen Geist zu reinigen und zu erneuern.“ Zum literarischen Durchbruch: „Die Besessenheit der Gegenwartsliteratur von ideologischen Klischees ist überwältigend und drängt die Autoren dazu, ihre Handlungen, Personen und Sprache aus ideologischen Prämissen abzuleiten. Es entsteht ein echtes Unvermögen, eine menschliche Person zu erfassen oder im Alltag zu bemerken. Solschenizyns Wiedergewinnung der literarischen Gesundheit ist nicht eine Evolution, ein langsamer Wachstumsprozeß. Plötzlich, ohne Vorbereitung und schrittweise Annäherung, gelingt es einem großen Schriftsteller, der ausgerechnet in einer ideologieverseuchten Nation aufwuchs, die Fülle aller menschlichen Dimensionen zu beschreiben.“ Zum politisch-prophetischen Durchbruch: Dieser „findet sich in einer Folge von Erklärungen, Aufrufen, Ermahnungen und Kommentaren ohne literarische Absicht und ohne feste politische Einordnung“. Sie knüpfen an die laufenden Ereignisse (Chronik der laufenden Ereignisse hieß die bekannteste Samisdat-Zeitschrift) an. Erst waren es Ereignisse, die Solschenizyn persönlich unmittelbar berührten, dann solche, die die Geschicke seines russischen Vaterlandes betrafen. Das Streben nach Wahrheit bildete den unbeugsamen Maßstab Solschenizyns, der Wunsch, nicht in der Lüge leben zu müssen, seinen stärksten Antrieb. Beides galt persönlich wie auch in Bezug auf das Vaterland und seine Geschichte. Denn „die giftigste Frucht der Ideologie ist die öffentliche Abdankung der Wahrheit und ihre Anbindung an entstellende, ständig wechselnde strategische Definitionen“ (Gerhart Niemeyer). Die Lüge hüllt sich im totalitären System in das Gewand der Wahrheit. („Der Marxismus Leninismus ist allmächtig, weil er wahr ist!“) Der einzelne ist genötigt, sich der Unwahrheit anzupassen, wenn er sich und seine Familie am Leben erhalten will. Solschenizyns Botschaft richtete sich an das eigene, das russische Volk. Bevor er 1974 verhaftet, ausgebürgert und in die Bundesrepublik abgeschoben wurde, hatte Solschenizyn nur einmal die Grenzen der Sowjetunion überschritten: 1945 rückte er als Hauptmann und Batteriechef in Ostpreußen ein. Dort ereilte ihn sein Schicksal. Die Zensur hatte seinen Briefwechsel mit einem Schulkameraden, Nikolai Witkewitsch, ein Jahr lang ausgeforscht. Das Urteil, von der OPO, einem Sondergericht des NKWD, ohne Prozeß verhängt, lautete auf acht Jahre Straflager. In der Aufhebung des OPO-Urteils durch das Oberste Gericht der UdSSR am 4. Februar 1956 liest man, daß Solschenizyn verurteilt wurde, weil er sich „gegen den Personenkult Stalins äußerte“ und „über die künstlerischen Schwächen der literarischen Werke von‘ sowjetischen Schriftstellern und über den Mangel an Realismus bei den meisten von ihnen schrieb“. Beides galt 1956 als regierungskonform. Solschenizyn war felsenfest davon überzeugt, daß ohne seine Verhaftung in Ostpreußen, die darauffolgenden acht Jahre Lagerhaft und drei Jahre „ewige Verbannung“ in Kasachstan sein Lebenswerk nicht entstanden wäre. „Schrecklich sich vorzustellen, was für ein Schriftsteller ich geworden wäre, wenn man mich nicht eingesperrt hätte.“ Für Solschenizyn entschied sich in Ostpreußen (1945) nicht nur sein persönliches Schicksal, sondern auch (1914) das Schicksal seines Volkes. In der kurzen Biographie, die er 1970 dem Nobelpreis-Komitee einreichte, verwies er darauf, daß er bereits 1937 in seinem ersten Studienjahr die „Samsonow-Katastrophe“ in Ostpreußen, den Untergang der russischen Zweiten Armee, zum Thema einer Arbeit gewählt hatte. „August 1914“, der erste Band der Romanreihe „Das Rote Rad“, zeichnet ein eindringliches Bild dieser Schicksalsstunde. Alexander Issajewitsch Solschenizyn kam am 11. Dezember 1918 im südrussischen Kurort Kislowodsk (säurehaltiges Wasser) auf die Welt – mehr als ein Jahr nach der Machtergreifung Lenins, ein halbes Jahr nach dem Unfalltod seines Vaters Issaj. 1924 zog seine Mutter mit ihm in die Großstadt Rostow am Don, um als Stenotypistin den Unterhalt für die in kärglichsten Verhältnissen lebende kleine Familie zu verdienen. In Rostow kam dem Zehnjährigen Tolstois Roman „Krieg und Frieden“ in die Hände, die russischen Klassiker beeindruckten ihn, und es wurde für ihn zur ausgemachten Sache, ein Schriftsteller zu werden. Kaum hatte Solschenizyn 18jährig seine Schulzeit beendet, entwarf er den Plan eines großen Romanwerks über das Entstehen der Russischen Revolution, dessen einzelne „Knoten“ ihn nun jahrzehntelang beschäftigten: „August Vierzehn“ (dt. 1971), „September Sechzehn“ (dt. 1986), „März Siebzehn“ (2 Bde, dt. 1990). Das „Rote Rad“ endet mit der Februarrevolution – bevor noch Solschenizyn die abschließenden Bände über die Oktoberrevolution fertigstellen konnte, brach deren Schöpfung, die Sowjetunion, zusammen. Aus dem gesammelten Material erschienen noch „Lenin in Zürich“ (dt. 1977), und unter dem Titel „Zweihundert Jahre zusammen“ die Geschichte der Juden in Rußland, deren zweiter Band die Juden in der Sowjetunion behandelt (dt. 2003). Solschenizyn wollte Literatur studieren, doch in Rostow gab es hierfür keine Einrichtung, und für ein Moskauer Studium reichte das Geld nicht. So schrieb er sich in die Mathematisch-Physikalische Fakultät der Universität Rostow ein, gewann ein Stalin-Stipendium und bestand 1941 kurz vor dem deutschen Einmarsch seine Examen. Ein zusätzliches Fernstudium an dem Moskauer Institut für Geschichte, Philosophie und Literatur konnte er nicht mehr beenden. Solschenizyn war ein hochbegabter Mathematiker, doch er verfolgte andere Ziele. „Die Mathematik spielte jedoch eine segensreiche Rolle in meinem Schicksal, sie rettete mir zumindest zweimal das Leben: Wahrscheinlich hätte ich die acht Jahre Lager nicht überlebt, hätte man mich nicht als Mathematiker für vier Jahre in eine sog. ‚Scharaschka‘ überstellt“ (es handelte sich um ein streng überwachtes und bespitzeltes, aber ausreichend versorgtes Lager, in dem ausgewählte Häftlinge, aber auch verschleppte Deutsche, an geheimen technischen Neuerungen für MWD und GPU arbeiteten). Die Scharaschka ist Schauplatz des Romans „Der erste Kreis der Hölle“ (dt. 1968). „Auch in der Verbannung gestattete man mir, Mathematik und Physik zu unterrichten, was mir das Leben erleichterte und die Möglichkeit gab, mich schriftstellerisch zu betätigen.“ Schriftsteller sind gemeinhin darauf aus, die von ihnen geschaffenen Werke abzuschließen und zu verbreiten. Solschenizyn verwendete viel Energie darauf, die seinen immer wieder zu überarbeiten und zu verstecken. Erst glaubte er, daß sie zu seinen Lebzeiten nicht mehr erscheinen würden, dann hielt er sie zurück, damit sie im geeigneten Moment ihre volle Wirkung entfalten sollten. 1956, nach der Aufhebung des gegen ihn gefällten Urteils aus der „ewigen Verbannung“ entlassen, zog er nach Rjasan und führte das unauffällige Leben eines an politischen und kulturellen Dingen scheinbar völlig uninteressierten Oberschullehrers einer Provinzstadt. Hinter dieser undurchdringlichen Fassade arbeitete er an seinem Opus magnum. Daß er Ende 1961 plötzlich aus der wohlgeplanten Untergrundexistenz auftauchte, hatte innere und äußere Gründe. Der wachsende Berg der geheimgehaltenen Manuskripte ließ ihn zunehmend das Echo von außen, speziell von Literaturkennern, vermissen. Und der XXII. Parteitag der KPdSU in diesem Jahr bildete den Höhepunkt der Entstalinisierung unter Chruschtschow. An  der literarischen Front war die Kritik der Zensur durch den Deputierten des Obersten Sowjets und Kandidaten des Politbüros, Alexander Trifononowitsch Twardowski, ein besonderer Lichtblick. War es ein günstiger Moment, den man nicht versäumen durfte? Doch Solschenizyn fürchtete, ein Gesetz des Lagers zu übertreten und sein Lebenswerk aus den Händen zu geben: „Nachdem wir uns während der Jahre im Lager das eigene Entscheiden abgewöhnt haben (fast in allem Wesentlichen ist man dem Lauf des Schicksals ausgeliefert), haben wir uns daran gewöhnt, daß es sicherer ist, überhaupt nichts zu entscheiden, nichts zu unternehmen: man lebt, das ist genug.“ Von seinem Lagerfreund Lew Kopelew ermutigt, brachte er das Manuskript, das unter dem Titel „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ erschien, dennoch in die Redaktion der von Twardowski geleiteten Literaturzeitschrift Novyi mir, ohne den Herausgeber anzutreffen. Die Redakteurin Anna Samojlowna Berser stieß nach einer Woche beim Aufräumen auf das Manuskript, las es zu Hause und schleuste es an den anderen zuständigen Redakteuren vorbei zu Twardowski, dieser empfahl es dem Kulturberater Chruschtschows, der es wiederum dem Parteichef weiterreichte. Nun wurden Leseexemplare gedruckt und allen Politbüromitgliedern zur Entscheidung vorgelegt. Sie befürworteten mit Blick auf den Parteichef einstimmig die Freigabe. So konnte das Erstlingswerk eines niemandem bekannten Autors die Zensurkette durchlaufen. Es war ein Meisterwerk des Realismus, dessen politische Unkorrektheit tiefer lag als dort, wo der Zensor dergleichen suchte. Chruschtschow, der die GPU-Spitzen Berija und Abakumov  erschießen ließ, hatte auf dem XXII. Parteitag zur Aufdeckung der Missetaten Stalins, ja sogar zum Bau eines Denkmals für die Opfer des großen Führers aufgerufen, dabei aber nur an die ehemaligen Kommunisten gedacht, während die Nichtkommunisten ja zu Recht verurteilt waren. In „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ wird dagegen geschildert, wie einfache und unpolitische Menschen härteste Prüfungen überstehen. In der Sowjetunion wurden in kurzer Zeit eine Million Exemplare in Zeitschriften-, Buch- und Broschürenform verkauft. Solschenizyn stieg mit einem Sprung vom gänzlich unbekannten zum bekanntesten Schriftsteller des Landes auf. Doch der einjährige parteibürokratische Weg von der Abgabe zur Freigabe des „Iwan Denissowitsch“ bremste die explosive Wirkung der inhaltlich wie stilistisch revolutionären Erzählung. Sie wurde Ende 1962 in der November Ausgabe von Novyi mir gedruckt. Am 17. Dezember 1962 veranstaltete Chruschtschow im Kreml einen Empfang für die Parteispitzen und die kulturelle Intelligenz, bei dem er das Werk Solschenizyns lobte. Doch der Wind begann sich zu drehen. Die Kuba-Krise 1962 und Chruschtschows Versagen auf seinem Lieblingsgebiet, der Landwirtschaft, stellten die Autorität des Parteichefs in Frage. Der Abstieg Chruschtschows, der zwei Jahre später aller Ämter enthoben wurde, schlug auch auf Solschenizyn zurück. Dessen Kandidatur für den höchsten Literaturpreis der Sowjetunion, den Lenin-Preis (vorher Stalin-Preis), scheiterte an den sich formierenden Chruschtschow-Gegnern. Die Publikation weiterer Werke Solschenizyns wurde unterbunden und in der Sowjetunion erst im Jahre 1989 möglich. Solschenizyn war überzeugt, daß ihm Ende 1962/Anfang 1963 freigestanden hätte, alles zu publizieren, was er wollte. Doch er zögerte und war mit der Beendigung seines Schuldienstes und seiner Aufnahme in den Schriftstellerverband beschäftigt. Dennoch hat der explosive Erfolg des „Iwan Denissowitsch“ Auswirkungen auf die kommenden Jahre des publizistischen Krieges des Schriftstellers mit der Weltmacht. Von Journalisten umdrängt, standen ihm nun die Weltpresse und bis Rußland reichende Westsender zur Verfügung. Auch im Inland konnte der bis dahin als Eremit lebende Solschenizyn auf breite Unterstützung eines Untergrunds zählen. Der Samisdat diente ihm als Ventil für Veröffentlichungen, viele Helfer waren willens, sich einzusetzen. Solschenizyn meinte einmal, daß er so viele freiwillige Helfer zur Verfügung hätte wie seine Gegner bezahlte. Nach dem Sturz Chruschtschows glaubte er, zehn Jahre weiterarbeiten zu können und dann „mit dem, was ich geschrieben hatte, vor die Öffentlichkeit zu treten, bereit, ohne Zaudern bei der Explosion dieser literarischen Bombe selbst zu verbrennen“. Doch im September 1965 überraschte ihn mitten in der Arbeit an seinem zentralen Werk „Archipel Gulag“ eine Katastrophe, die er als die größte seines bisherigen Lebens ansah, Die Polizei beschlagnahmte in Moskau bei einem gutwilligen, aber schlampigen Anthroposophen namens Teusch einen großen Teil seiner Manuskripte und bei einem anderen Anthroposophen, noch schlimmer, sein Archiv, das Herz seiner Arbeit. Mit der Beschlagnahme vom September 1965 wurde der „Fall Solschenizyn“ in der Sowjetführung zur Chefsache. Diesbezüglich durfte nichts mehr auf unteren Ebenen entschieden werden. Das Duell zwischen einem durch die Staatsmacht schwer bedrängten Schriftsteller und der politischen Führung einer Weltmacht begann. Solschenizyn hat es in seinem Memoirenband „Die Eiche und das Kalb“ (dt. 1975) beleuchtet, während für die Seite der Sowjetführung ein erstaunliches Dokument zur Verfügung steht. Denn am 23. Juni 1992 wurde ein Erlaß des Präsidenten der Russischen Föderation Boris Jelzin herausgegeben („Über die Aufhebung der Geheimhaltungsstufe von Gesetzgebungs- und anderen Akten, die als Grundlage für Massenrepressalien und Verletzungen der Menschenrechte dienten“). 1994 kam die „Akte Solschenizyn“ des Politbüros gleichzeitig in russischer und deutscher Sprache heraus. Maßgebend beteiligt an den Maßnahmen gegen Solschenizyn waren die drei Nachfolger Chruschtschows, Leonid Breschnew, Juri Andropow (dieser vor allem als KGB-Chef) und Konstantin Tschernenko. Solschenizyn wurde einem Publikationsverbot unterworfen, gleichzeitig aber die beschlagnahmten Manuskripte gedruckt, und zwar zu Zwecken einer strikt geheimen Lektüre durch die Parteiführer. Das Duell zwischen Schriftsteller und dem Repressionsapparat einer Weltmacht dauerte vom September 1965 bis zum März 1974 („Brief an die sowjetischen Führung“), wenn man einmal vom Vorspiel und Nachspiel absieht. Den Höhepunkt bildete die Verleihung des Literaturnobelpreises für 1970, den Solschenizyn im Gegensatz zu Pasternak  1958  zwar annahm, ohne jedoch zur Preisverleihung nach Stockholm zu fahren, da er befürchtete, dann nicht mehr in die Sowjetunion wiedereinreisen zu können. 1970 wurde von der GPU bereits das Szenario entwickelt, das dann 1974 zur Verhaftung, Ausbürgerung und Abschiebung des Schriftstellers in die Bundesrepublik führte. Anlaß der Abschiebung war der erste Band von „Archipel Gulag“, den Solschenizyn dem Pariser YMCA-Verlag zum Druck freigab, als der KGB ein Exemplar des Manuskriptes in die Hand bekam, woraufhin die hineingezogene Mitarbeiterin Solschenizyns Selbstmord verübte. Der „Fall Solschenizyn“ war für die Sowjetführung zu einem außenpolitischen Problem geworden, während er in den Tagen Chruschtschows ein innenpolitisches gewesen war. Die zeitweise Orkanstärke erreichende Präsenz des Schriftstellers in den westlichen Medien untergrub weltweit die Sympathien für die Sowjetunion. Konnte die Sowjetführung in Solschenizyn etwas anderes sehen als einen literarischen Agenten des westlich-kapitalistischen Liberalismus? Für Solschenizyn war der Westen vor seinen Exiljahren eine Terra incognita gewesen. Der Schriftsteller war ausschließlich literarisch an der Tradition des Realismus der russischen Klassiker und innenpolitisch an der Korrektur der schweren Entgleisung der russischen Entwicklung interessiert. Daß in den Stunden der schwersten Prüfungen das Gewicht des Westens auf seine Waagschale fiel, nahm er als Schicksal hin, mit dem er niemals haderte. Das Schicksal lag für ihn in Gottes Hand, sei es als Gnade oder als Prüfung. Der Westen war der Ort, wo er seine Bücher veröffentlichen konnte, als in Rußland über ihn ein Publikationsverbot verhängt war. Der Westen war aber auch der Schutzschild, der einen Anschlag auf sein Leben verhinderte. Denn wäre er liquidiert worden, so hätte das zu einer weltweiten Explosion geführt, deren Folgen für die Sowjetführung nicht berechenbar waren. Doch verließ sich Solschenizyn nicht auf den Westen. Dieser handele nach dem russischen Sprichwort: „Der Zahn in einer fremden Backe tut nicht weh.“ Als er 1965 bei der Beschlagnahme seiner Manuskripte und seines Archivs fürchtete, seine Arbeit nicht mehr fortsetzen zu können, schrieb er: „Es gab keine Hoffnung auf den Westen – wie es sie überhaupt niemals geben kann. Wenn wir frei werden können, nur durch eigene Kraft.“ Für den Westen gelte die Diagnose: Der allzu glatte Wohlstand macht seinen Willen und seine Vernunft schlaff. Nach der Abschiebung Solschenizyns in den Westen ergab sich die paradoxe Situation, daß sich dort für den KGB die Bekämpfung des Schriftstellers leichter bewerkstelligen ließ als in der Sowjetunion. Schon zum Jahresanfang 1976 konnte der KGB-Chef Andropow den Politbüro-Mitgliedern streng geheim berichten, daß es dem KGB gelungen sei, nützliche Beiträge und Dokumente in den Westen zu lancieren, in denen „das wahre Gesicht des Verleumders und die klassenbedingten Wurzeln seines Hasses gegen die Sowjetunion enthüllt werden“. Eine besondere Rolle bei dieser Infiltration spielten die westlichen Fernsehauftritte von Witkewitsch, seinem mit ihm 1945 verurteilten Schulfreund, und seiner ersten Frau Natalja Reschetowskaja, deren Buch „Lieber Alexander. Mein Leben mit Solschenizyn“ (dt. 1975) nicht ohne Hilfe des KGB zu dem Schluß kommt: „Einst wurde der Hauptmann Solschenizyn unter den schweren Bedingungen der Kriegszeit seiner Freiheit beraubt. jetzt sperrte sich der Schriftsteller Solschenizyn durch alle seine Handlungen selbst ein. Tag für Tag grenzte er sich von seinen Freunden, von seiner Familie, von seinem Volk ab. Und dieser unsichtbare Stacheldraht sollte sich für ihn als weitaus schlimmer erweisen als der Lagerstacheldraht.“ Wenn der KGB bei der Bekämpfung Solschenizyns im Westen leichtes Spiel hatte, dann war das nicht zuletzt auf ein Umschlagen der dortigen öffentlichen Meinung zurückzuführen. Kaum war Solschenizyn abgeschoben worden, erreichte die Watergate-Affäre mit dem Rücktritt Nixons 1974 ihren Höhepunkt. Es war die gelungene liberale Vergeltung für die McCarthy-Ära. Der gerade noch gefeierte Solschenizyn wurde zu einem Mann von gestern. In seinem zweiten Memoiren-Band „Zwischen zwei Mühlsteinen. Mein Leben im Exil“ berichtete er ausführlich über die Front westlicher Gegner, die sich bereits kurz nach dem Abflauen der Nobelpreis-Begeisterung gebildet hatte, neben dem KGB eben als „zweiter Mühlstein“. Die Gründe: In den sechziger Jahren war Solschenizyn ein gläubiger orthodoxer Christ geworden, wie etwa aus seinem „Fastenbrief an den Patriarchen Pimen“ hervorging. Er stand daher der auf Aufklärung und Relativismus basierenden Westlichkeit fern. Sein im Jahr 1971 erschienener Roman „August Vierzehn“ ging zudem mit den russischen Revolutionären und Liberalen nicht gerade freundlich um. Bildete Solschenizyn, wie sein „Offener Brief an die russischen Führer“ zu belegen schien, ein Hindernis für die „Demokratisierung“ und Verwestlichung Rußlands, war er gar so etwas wie ein Halbfaschist? Solschenizyns westliche Erfahrung lautete: „An der Sowjetunion, dem unverwüstlich harten, dich zerschmetternden Land, erwiesen sich meine sämtlichen Schritte als eine Folge errungener Siege. Im Westen jedoch, dem freien und unbekümmerten, brachte mir jeder einzelne Schritt (oder auch jede Tatenlosigkeit) eine neue Niederlage. Heißt das vielleicht, daß ich hier im Westen überhaupt nichts gemacht habe, was kein Fehler gewesen ist? In meinem Heimatland wurde ich auf den Flügeln der Unterstützung innerhalb der Gesellschaft selbst getragen, diese Unterstützung fand ich zunächst auch im Westen vor, allerdings wurde sie von der Gleichgültigkeit der Geschäftemacher verdrängt.“ In den USA fand Solschenizyn „An den fünf Bächen“ in Cavendish (Vermont) ein Refugium, in dem er sich in aller Ruhe der literarischen Arbeit widmen konnte. Öffentliche Reden (etwa in Harvard) hatten jedoch zur Folge, daß er Politiker und Intellektuelle (an der Spitze Henry Kissinger) gegen sich aufbrachte. 1993, nach dem Zerfall der Sowjetunion, verließ Solschenizyn die USA. Sein Weg nach Rußland führte ihn über Europa, wo er neben Interviews zwei Reden hielt, die seine nunmehr konservative Einstellung demonstrativ unterstrichen. Er sprach bei der Enthüllung des Denkmals für die Opfer des Krieges in der Vendée, dessen 200. Jahrestag Anlaß zur Erinnerung an das republikanische Gemetzel gab. Wenige Tage zuvor hatte er an der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein die Ehrendoktorwürde erhalten und in seiner Dankesrede die Kernpunkte seines konservativen Denkens dargelegt. Beide Reden hatten eine symbolische Bedeutung, die zur Scheidung der Geister nicht wenig beitrug. Liechtenstein war der einzige Staat, der einer Gruppe russischer Antikommunisten, die Schutz vor Stalins Tyrannei suchten, Zuflucht gewährt hatte, während die Westmächte diesem selben Stalin Hunderttausende auslieferten („zu Rache, Lagerqual und Tod“). Die Auszeichnung überreichte ihm der Prorektor der Akademie, Professor Rocco Buttiglione, dessen Ernennung zum europäischen Kommissar die Mehrheit des Europäischen Parlamentes ein Dutzend Jahre später verhinderte. Ein Ereignis, an dem sich gleichfalls die Geister schieden.   Caspar von Schrenck-Notzing war Gründer und Herausgeber der konservativen Kulturzeitschrift „Criticón“ (1970-1998). Der Beitrag hier stammt aus dem Juni 2007, zuerst erschienen in „Unsere Agenda“, Zeitschrift der Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF). Foto: Alexander Solschenizyn fünf Tage nach seiner Rückkehr aus dem US-amerikanischen Exil in die russische Heimat am 1. Juni 1994: „Es gab keine Hoffnung auf den Westen (…) Wenn wir frei werden können, nur durch eigene Kraft“

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