Polens ‚Wiedergeburt aus der Bluttaufe‘

Dreigeteilt niemals! Diese Losung der deutschen Vertriebenen kam nach Abschluß der „Ostverträge“ aus der Mode. Die Polen, von 1772 bis 1918 aufgeteilt von Russen, Deutschen und Österreichern, bewiesen unter diesem Schlachtruf längeren Atem. Nach dem Scheitern ihrer Aufstände gegen den russischen Hauptbedrücker, 1830 und 1863, richtete sich die polnische Intelligenzija als Trägerschicht des Nationalismus auf eine Langzeitstrategie ein. Es galt, unter Bürgern und Bauern das Bewußtsein der „Polonität“ wachzurufen und zu festigen, denn nur als nationalbewußte, freilich auch hoch-aggressive und kompromißlose „Masse“ durften sie hoffen, das Joch der Teilungsmächte abzuschütteln. Im Jahr 1887 erhielt das von einer Gruppe intellektueller „nation builder“ getragene Erziehungswerk programmatisches Profil. Der Warschauer Journalist Jan Ludwik Popławski (1854-1908) fixierte, wo die Grenzen eines unabhängigen Polen verlaufen sollten. Keinesfalls irgendwo weit im Osten. Das seien „Phantastereien“. Die Zukunft der polnischen Nation liege im Westen. Es gelte die Politik der Piastenfürsten, ihren „Drang zur Ostsee“, zu erneuern. Die Weichsel müsse daher „wieder“ polnisch werden, was den Besitz von Danzig und Westpreußen einschließe, ebenso den des dann ja ohnehin isolierten Ostpreußen. Daß auch Schlesien für das polnische Volkstum „wiedergewonnen“ werden sollte, verstand sich für Popławski von selbst. Für ihn und seinen Anhang, insoweit einer Generation gleichgesinnter Nationalisten und Imperialisten in Frankreich, Böhmen oder Italien verwandt, bedeutete die Nation einen letzten Wert. Für Atheisten wie Popławski, auch hierin einem Maurice Barrès oder Charles Maurras ähnlich, war die Nation Religionsersatz, axiomatischer Bezugspunkt und unhinterfragbarer Kern ihrer Weltanschauung.   Das Polen, das, wie er 1899 schrieb, erst seine Kinder und Enkel schauen würden, wäre armselig, wenn nicht Posen, Schlesien, Danzig und Königsberg dazugehörten. Diese preußischen Ostprovinzen müßten den Deutschen entrissen werden, sie seien die „Grundbedingungen für das Bestehen eines polnischen Staates“. Stünde aber Polen in engeren Grenzen wieder auf, so müsse es nach der Beherrschung dieser Provinzen streben. In seinem magistralen, leider nur von Fachleuten der „Ostmitteleuropa-Forschung“ rezipierten Werk über den polnischen „Westgedanken“ vor 1918 (Marburg 2001) resümiert Roland Gehrke über diese Anfänge eines sozialdarwinistisch-imperialistischen Nationalismus: „Ohne Rücksicht auf die mächtepolitischen Realitäten war damit ein seiner Zeit weit vorausgreifendes, freilich auch phantastisch anmutendes Offensivkonzept formuliert, das, anstatt die Verteidigung des von Entnationalisierung bedrohten polnischen Volkstums unter preußischer Herrschaft in den Mittelpunkt zu stellen, auf eine grundlegende Revision des europäischen Mächtegleichgewichts und in diesem Zuge nicht nur auf eine Schwächung, sondern auf die totale Vernichtung Preußens und des unter seiner Führung wiedererstandenen Deutschen Reiches abzielte.“ Dank der günstigen weltpolitischen Konstellation von 1918/19, nach dem Untergang der drei Kaiserreiche, kam der „allpolnische“ Radikalnationalismus diesem Ziel „totaler Vernichtung“ Preußen-Deutschlands näher. Die „Wiedergeburt aus der Bluttaufe“, aus dem zum Weltkrieg gewordenen Krieg der Teilungsmächte, bescherte den Polen ihren Nationalstaat. Popławskis Schüler Roman Dmowski, dem Führer der polnischen Delegation auf der Versailler Friedenskonferenz, gelang es, ausgestattet von Warschauer und Krakauer Professoren mit einer Fülle gefälschter Bevölkerungsstatistiken, Karten und pseudohistorischer Abbreviaturen über vermeintlich „urpolnische“ Regionen zwischen Danzig und Kattowitz, für das wiedererstandene Polen Teile Westpreußens, die Provinz Posen sowie Ost-Oberschlesien aus dem Staatsgebiet des Deutschen Reiches herauszubrechen. Allein die erwünschte Annexion Danzigs scheiterte am Widerstand des britischen Premiers Lloyd George. Die zweite bittere Pille, die Dmowski schlucken mußte, war ein Vertrag, der den deutschen, ukrainischen, weißrussischen, litauischen und jüdischen Minderheiten im neuen „Vielvölkerstaat“ Polen weitreichende, vom Völkerbund zu überwachende Rechte zusicherte. Von allen polnischen Regierungen wurde dieser Minderheitenschutz als Fesselung der Souveränität der Großmachtambitionen verfolgenden Republik empfunden. Die Vertragskündigung erfolgte 1934. Gehalten hat man sich an die Bestimmungen nie. Die ukrainische und die deutsche Minderheit bekamen dies am schmerzlichsten zu spüren. Trotzdem findet das Schicksal jener Deutschen, die 1918 in Posen, Westpreußen und Oberschlesien lebten und über Nacht fremder Herrschaft unterstellt waren, im öffentlichen Diskurs über das deutsch-polnische Verhältnis heute kaum Beachtung. Der Nationalitätenkonflikt beginnt hier stets erst im Sommer 1939. Und die deutsche Volksgruppe spielt in Darstellungen zur „Entfesselung“ des Zweiten Weltkrieges nur die Rolle „nützlicher Idioten“, die Polen zu Übergriffen provoziert und damit einen Kriegsgrund geliefert hätten. Diese Auffassung korrespondiert weitgehend mit der „volkspolnischen“, auch nach 1989 noch tradierten Überzeugung von der seit 1919 „irredentistischen“, illoyalen Minderheit als „fünfter Kolonne“ zunächst der Stresemannschen, dann der Hitlerschen Revisionspolitik.     Daß die, seit April 1939, rasche Eskalation des Konflikts aber aus zwanzigjähriger Vorgeschichte erwuchs, bleibt in der etablierten Geschichtsschreibung regelmäßig unerwähnt. Kaum erstaunlich daher, daß die beste Aufarbeitung zur Warschauer Minderheitenpolitik in Pommerellen und Westpreußen von einem „unzünftigen“ Außenseiter, von Hugo Rasmus stammt (München 1989). Rasmus knüpft an die schon 1930 veröffentlichte, bis heute nicht überholte Bestandsaufnahme Hermann Rauschnings über „Die Entdeutschung Westpreußens und Posens“ an. Erst 1998 erschien die Freiburger Habilitationsschrift Albert S. Kotowskis über „Polens Politik gegenüber seiner deutschen Minderheit 1919-1939“. Kotowski bestätigt auf breiter Quellenbasis die Kernaussagen von Rauschning und Rasmus. Es steht nunmehr außer Frage, daß Warschaus Politik gegenüber seinen Minderheiten, insgesamt ein Drittel der Bevölkerung von 35 Millionen, seit 1919 kompromißlos repressiv, auf Unterdrückung der jeweiligen Kultur, auf Verdrängung oder Zwangs-assimilation ausgerichtet gewesen ist. Ungeachtet völkerrechtlicher Bindungen setzte 1920 eine „zielgerichtete Gesetzgebung zum Zweck der Polonisierung“ insbesondere der Deutschen in den „Westgebieten“ ein, während die „blutigen Pazifikationen“ in der Westukraine 1930 zum Bürgerkrieg eskalierten. Bis zur Machtergreifung Marschall Piłsudskis im Mai 1926 gab es zwar kein „einheitliches Regierungsprogramm“ zur „Entdeutschung“, aber faktisch genügten die 1920er-Gesetze zur Staatsangehörigkeit oder zur „Agrarreform“ in Verbindung mit zahllosen Verordnungen zur Tilgung der deutschen Sprache im Behördenverkehr, zur Beseitigung deutscher Aufschriften, zur Entlassung von Beamten, der Abschiebung von Enteigneten und „Optanten“, die sich gegen die polnische Staatsbürgerschaft entschieden hatten, um bis 1926 etwa die Hälfte der 1,3 Millionen Deutschen zur Abwanderung zu zwingen. Unter Piłsudskis Regime erfolgte dann eine Systematisierung und Forcierung des „kalten Krieges“ gegen die Minderheiten. Gegenüber den Deutschen in den „Westgebieten“ konzentrierten sich die Repressionen auf die verschärfte Liquidation ihres Grundbesitzes und die Abwicklung ihrer Kultureinrichtungen, hier vor allem auf die Einschränkung des Schulunterrichts. Von 2.500 deutschen Schulen (1919) blieben 1936 knapp 450. Die nationalistische Presse, die Propaganda des bei der „Terrorisierung der deutschen Minderheit“ (Kotowski) stets an der Spitze marschierenden Verbandes zur Verteidigung der Westgebiete nebst dem nicht minder radikalen Verband der Schlesischen Aufständischen sowie die Verlautbarungen der Woiwoden in Thorn und Kattowitz, wo sich der berüchtigte Michał Grazyński als „Tyrann“ und „Deutschenfresser“ besonders exponierte, signalisierten Ende der zwanziger Jahre den Kurswechsel weg von der mehr oder minder gewaltsamen Assimilationspolitik hin zu einer Art Endlösung, der „Vernichtung des verhaßten und fremden Deutschtums“. Hier realisierten sich die Visionen Popławskis vom ethnisch „reinen“ Polen in den Grenzen des Piastenreiches. Schon 1924 waren „Verschleppungslisten“ angelegt worden, um im Spannungsfall das Führungspersonal der deutschen Minderheit im östlichen Polen internieren zu können. 1927 wies das Innenministerium die Woiwoden an, die Kontrolle des gesamten deutschen Lebens zu perfektionieren. Hand in Hand mit der Eliminierung der als „innere Feinde“ stigmatisierten Minderheiten ging die chauvinistische Einstimmung auf die Zukunft Polens als „Großmacht“, die nicht dann schon verwirklicht sei, wenn man sich der Minderheiten entledigt habe, sondern erst mit der Gewinnung günstiger, an Oder und Lausitzer Neiße gelegener Grenzen, und besser noch, sobald die Entscheidungsschlacht „auf den Vorfeldern von Berlin“ geschlagen sei, mit der Einverleibung Brandenburgs und Ostpreußens. Der deutsch-polnische Nichtangriffspakt vom Januar 1934 brachte der Minderheit nicht die geringste Entlastung. Nur Wochen nach Vertragsschluß ging die Unterdrückungspolitik weiter: Der „wilde“, vom „Westverband“ organisierte Boykott deutscher Geschäfte nahm seinen Fortgang, ebenso der Kampf gegen die Reste deutschen Schulwesens. Überfälle auf Deutsche waren an der Tagesordnung, Einbrüche in ihre Wohnungen und Geschäfte schürten ein Klima von Angst und Unsicherheit, das amtlich sanktionierte Schikanen weiter aufheizten. 1936 verfeinerte das Innenministerium nochmals die Proskrip­tionslisten. Lange vor dem Sommer 1939 kam es periodisch zu Pogromen gegen Deutsche und zu Plünderungen von Geschäften. 1938/39 geriet die Entdeutschungspolitik schließlich soweit außer Kontrolle, daß in der Presse umstandslos dazu aufgefordert werden durfte, Angehörige der Minderheit zu töten. Zofia Zelska-Mrozowicka regte in der Bromberger Zeitung Dziennik Bydgoski vom 11. Mai 1939 unumwunden an, das lästige Minderheitenproblem einfach qua „Totschlag“ zu „lösen“. Der keineswegs vereinzelt dastehende Artikel wirft ein Licht auf die Atmosphäre, in der Monate später der „Bromberger Blutsonntag“, die Ermordung von etwa 1.500 deutschen Brombergern ebenso möglich wurde wie die bestialische Abschlachtung von 2.200 der 15.000 Deutschen, die man aufgrund der seit 1924 ja so sorgsam aktualisierten „Verschleppungslisten“ verhaftet und auf „Todesmärsche“ geschickt hatte. Die „mazedonischen Zustände an unserer Ostgrenze“, über die Adolf Hitler sich beklagte, waren kein Goebbelsscher Propagandacoup. Bevor die ersten Polen, die an diesen Verbrechen beteiligt waren, durch deutsche Sondergerichte zum Tode verurteilt wurden, mußte die deutsche Minderheit, nach zwanzig Jahren administrativer und „spontaner“ Repression, über 5.000 Tote beklagen. Opfer einer extremen nationalistischen Obsession der „Kinder und Enkel“ Jan Ludwik Popławskis und Roman Dmowskis. Foto: Ermordete Deutsche in Bromberg, 3. September 1939: Minderheitenproblem „qua Totschlag lösen“

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