Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Wir sind die letzten Belgier

Nach dem Ersten Weltkrieg annektierten die Belgier auf ziemlich unanständige Weise ein zum Teil deutsches Gebiet südlich von Aachen. Zudem erhielten die Belgier eine Eisenbahnstrecke, die Vennbahn, die aufgrund der neuen Grenzen sowohl über belgisches als auch über deutsches Territorium verläuft. Vor Wochen hieß es nun, Belgien wolle die Trasse vielleicht zurückgeben (JF 4/08). Denn die Eisenbahn ist seit 2001 stillgelegt, nun werden die Gleise demontiert. Damit aber entfällt die Grundlage für die Übereignung des Geländes an die Belgier. Doch Deutschland lehnte freundlich ab. Dennoch fällt das Augenmerk dadurch automatisch auch auf die Deutschen in Belgien. Die müssen sich demnächst nämlich umschauen. Unter Umständen jedenfalls. Wenn Belgien auseinanderfallen sollte, weil sich die Flamen von den Wallonen trennen – was machen dann die Deutschen? Die 70.000 deutschstämmigen Belgier bilden 0,7 Prozent der belgischen Bevölkerung. Gemeinsam mit König Albert (aus dem Hause Sachsen-Coburg-Gotha) gelten sie aber inzwischen als die letzten staatstragenden Elemente. Nur sie bekennen sich noch offen zu Belgien, während Wallonen gerne „Je suis Wallon“ sagen – und Flamen „Ik ben Flaming“. Der Vorsitzende der Flamenpartei Vlaams Belang, Filip Dewinter, nennt Belgien einen Kunststaat: „Es gibt keine belgische Identität, keine belgische Sprache, kein belgisches Volk.“ Deswegen sollten auch die Deutschen „nicht in einen künstlichen Staat gepreßt werden“, findet der Separatistenführer. Eupen – eine zu neunzig Prozent deutschsprachige Stadt. Sie liegt näher an Aachen als an Lüttich (der belgischen Provinzhauptstadt) und näher an Köln als an Brüssel. Die achthundert Jahre alte 18.000-Einwohner-Stadt macht einen freundlichen Eindruck. Viele Kirchen, starker Katholizismus. Über dem Wochenmarkt und dem Kriegerdenkmal ragt das Eupen Plaza, ein ebenso modernes wie tristes Einkaufszentrum, in dem etliche Ladengeschäfte leerstehen. Hier ist so gut wie nichts los. Nur einmal am Tag, kurz nach zwölf, ergießt sich ein Tsunami von Schulkindern in das Eupen Plaza, das ohne sein jugendliches Publikum total verwaist wäre. Die Schüler der nahegelegenen Schulen, die wichtigste ist das Pater-Damian-Gymnasium, verbringen hier ihre große Pause, die nach deutschen Maßstäben wirklich eine große Pause ist: eine Stunde. Dann strömt die Schülerschar an Maurice, dem belgischen Waffelbäcker, vorbei zu Colruyt, einem belgischen Supermarkt, der bilingual mit „Tiefstpreise, meilleurs prix“ für sich wirbt. Beim Fotografieren in dem Einkaufszentrum kommt ein privater Wachmann vom Eupen Plaza auf mich zu und fragt, für wen oder was ich die Fotos mache. Er versteht kein Deutsch. Oder will es nicht verstehen. Es kommen noch französischsprachige Kollegen von ihm dazu. Sie wollen sich mit der Auskunft, ich sei Journalist, erst nicht zufriedengeben. Schließlich lassen sie mich gehen. Dieser Auftritt der (privaten) Schutzmacht wirkt ein bißchen wie das freche Verhalten italienischer Carabinieri, die ihre Deutschkenntnisse immer dann einmotten, wenn sie schlecht gelaunt sind und Deutsche oder insbesondere Südtiroler diskriminieren wollen. Dagegen verstehen Aline, Kathrin und Jenna um so besser Deutsch. Die Schülerinnen sitzen an einem wackeligen Tisch und verzehren ihr Pausenbrot. Sie sind 14, gerade am Ende des Zahnspangenalters angekommen. Kathrin trägt noch eine. „Sprecht ihr Deutsch?“ „Ja“, sagen sie sofort. Aber als ich sie das erste Mal als „Deutsche“ bezeichne, widersprechen sie „Wir sind Belgierinnen!“ Es klingt ein wenig wie auswendig gelernt. Was haben sie für einen Bezug zu Deutschland? „Wir sprechen Deutsch, schauen deutsches Fernsehen.“ „‚Deutschland sucht den Superstar‘ zum Beispiel“, werfe ich mit einem fragenden Blick ein, und sie lachen. „Ja, das schauen wir“, antwortet eine schmunzelnd. Und trotzdem fühlen sie sich als Belgier? „Ja, klar.“ Sie waren alle schon mal in Deutschland. Aachen, Köln, Düsseldorf fallen ihnen als erste Städte ein. „Und wie ist euer Französisch?“ Nur Aline gibt als Lieblingsfach Französisch an, die anderen beiden sind eher mittelmäßig, in der Fremdsprache, in der sie schon seit der ersten Klasse unterrichtet werden. „Wir können uns nur so verständigen.“ Die jüngeren Gymnasiasten haben hier von 8.30 Uhr bis 15.30 Uhr Unterricht, die älteren bis 16.30 Uhr. Zu den „Größeren“ gehören Alicia und Lina, die ich am Kriegerdenkmal treffe, als die Pause vorbei ist. Die anderen Schüler sind längst zurück in ihren Klassenräumen, aber die beiden Mädchen aus der 11. Klasse beteuern, sie hätten eine Freistunde. „Englisch fällt aus.“ Ob sie Deutsche sind oder Belgier? „Wir sind Belgierinnen“, betont Alicia. Die beiden 17jährigen wirken schon überzeugender. Eine berichtet zwar von Mentalitätsunterschieden und von den Feindseligkeiten nach dem Krieg. Trotzdem scheinen sie sich ihrer belgischen Identität sicher zu sein. Beide kennen Deutschland, München oder Köln zum Beispiel. Lina war auch schon in Berlin. Damals, sagt Alicia über die Zeiten nach den beiden Kriegen, seien einige eben patriotisch gewesen. „Und andere wollten zu Deutschland.“ „Patriotisch sein“ bedeutet für einen Deutschbelgier, sich zu Brüssel zu bekennen! Ganz am Schluß lassen sie dann doch noch ein wenig Distanz zu Belgien durchblicken. Was machen denn die meisten nach der Schule, wenn das Studium beginnt? Die beliebtesten Ziele heißen dann Lüttich, Antwerpen, Leuven und Brüssel, sagen sie. Viel weniger gehen nach Aachen oder Köln. Denn: „Die meisten gehen lieber nach Belgien“, meint eine der beiden. Wohlgemerkt: Sie sagt nicht „bleiben in Belgien“, sondern „gehen nach Belgien“. In der Gospertstraße lerne ich Margot Halmes kennen. Die Pralinenverkäuferin schaut ein wenig entgeistert, als ich frage, ob sie Deutsche sei. „Ich bin natürlich Belgierin“, antwortet sie im hier üblichen rheinischem Dialekt. Dabei kommt Halmes aus der belgischen Eifel, dem südlichen Teil der Deutschen Gemeinschaft. Die Deutsche Gemeinschaft ist in einen nördlichen und einen südlichen Teil gespalten. Der Süden ist ländlich und dünn besiedelt, dafür aber „sehr deutsch“. Im Norden, dem Gebiet um Eupen dagegen, ist mehr Industrie. Und: Hier leben auch mehr französischsprachige Wallonen, etwa zehn Prozent. „Sie müssen nur zwei Kilometer von hier nach Westen fahren, dann sind Sie im französischen Gebiet“, weiß Halmes. Ich verabschiede mich und begebe mich unangemeldet ins Parlamentsgebäude der Deutschen Gemeinschaft. Dort empfängt mich Gerd Henkes, der Pressesprecher des Abgeordnetenhauses. Es läuft etwas stockend mit dem Mann. Ich versuche die Situation aufzulockern, indem ich nach prominenten Bundesdeutschen frage. Viele Profifußballer haben hier früher aus steuerlichen Gründen gewohnt. Harald Schmidt auch. Und immer noch soll Margarete Schreinemakers hier ihren offiziellen Wohnsitz haben. „Ja, die wohnt fünfhundert Meter von hier und macht immer mit beim Sport oder beim Karneval“, schmunzelt Henkes. Danach referiert Henkes über die politische Situation: Alle deutschen Parteien treten für den Erhalt des belgischen Staates ein. „Gemeinsam wollen sie den Ausbau des belgischen Föderalstaates, keine Abspaltung“ – er sagt es, wie um sich selbst zu beruhigen. Dann spricht er über die „kinderfreundliche Politik“ seiner Regierung. Die Geburtenrate liegt leicht höher als die in der Bundesrepublik (1,7 Kinder pro Frau). „Hier zeigen sich die Auswirkungen, daß man nicht mit dem Finger auf jede Frau zeigt, die gleich nach der Geburt wieder ins Berufsleben zurückkehrt“, freut sich der Parlamentspressesprecher. Er meint das umfangreiche Kindergarten- und Krippennetz in Belgien, das die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtere. Bei dem Gedanken kommt Henkes richtig ins Schwärmen: „Es gibt einen staatlichen Kindergartenplatz für jeden.“ In der Stadt gibt es mehrere Dönerbuden und ein indisches Restaurant. Das Internetcafé am Marktplatz wird von einem Pakistani betrieben. Auf dem Wochenmarkt sind Inder mit einem Stand vertreten. Wie sieht wohl das Zusammenleben zwischen Einheimischen und Migranten aus? Henkes spricht von ein paar Dummköpfen, die es zuweilen schwierig machten, aber insgesamt komme man gut miteinander aus. Ein paar Frauen aus der Gemeinde gingen regelmäßig rüber zum Asylbewerberheim, um mit den Afrikanern dort zu kochen, erzählt er. Da ich die DDR-Kinderkrippenpropaganda und das Gutmenschentum schon in der Heimat ziemlich satt habe, verabschiede ich mich an dieser Stelle von Herrn Henkes. Ein anderer Politiker redet offener – gegen die Zusicherung, nicht namentlich genannt zu werden: „Wenn Belgien auseinanderfällt, dann sieht alles ganz anders aus“, sagt er. Ein Anschluß an Luxemburg oder Deutschland wird dann wahrscheinlicher. Die politische Korrektheit in Belgien verbietet es aber derzeit noch, über den Zerfall des Staates auch nur offen zu spekulieren. Was die ehemalige Vennbahn angeht, faßt er die Situation so zusammen: Die Belgier wollen das Gebiet partout nicht mehr haben. Es verursacht Kosten (allein dreizehn Bahnübergänge, die gepflegt werden müssen), wirft aber keinen Nutzen ab. Deswegen haben die Belgier das Thema mal wieder diskret und dann auch öffentlich angesprochen. Berlin müßte nur zugreifen. Nur aus Rücksicht auf die „Unveränderlichkeit der Grenzen in Europa“ und die „sakrale“ Bedeutung der Ergebnisse der beiden Weltkriege scheut das Auswärtige Amt davor zurück. Es könnte ja sonst heißen, Großdeutschland kehre zurück – wegen einer Eisenbahntrasse. Fotos: Eupener Pralinenverkäuferin: „Ich bin natürlich Belgierin“, antwortet sie im üblichen rheinischen Dialekt; Zweisprachiger Verkehr; DEUTSCHSPRACHIGE GEBIETE IN Belgien: Das deutsche Sprachgebiet zählt 74.000 Einwohner. Amts-, Schul- und Gerichtssprache ist Deutsch. Weitere Infos zur Deutschsprachigen Gemeinschaft unter www.dglive.be

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