Superwahljahr

 

Gegen die Feigheit der Guten

Amüsant wäre es, zuzuschauen, wie Ellen Kositza als Frau und Mutter  die Ikone Alice Schwarzer zerbröseln würde. Man kann es sich lebhaft vorstellen, wenn man ihr Büchlein, „Gender ohne Ende“ liest. Es ist der schnörkellose Duktus im Diskurs von Ellen Kositza, der besticht, die unmittelbare Ehrlichkeit, ich möchte fast sagen, die nackte Prosa, die den Leser in Bann schlägt. Schon deshalb hat sie einen Preis verdient.

Es ist natürlich auch das Sujet, gegen die politische Korrektheit beim Thema Frau, Mutter, Familie, wider die „halbstaatlichen Gender-Agitateure“, wie unsere Preisträgerin öffentlich-rechtliche Journalistenkollegen und Politiker nennt, es ist diese Kampfeslust für eine gute Sache, die sie auszeichnet. Und diese wirklich gute Sache ist nichts anderes als die Natur des Menschen.

Doch die Gefahr kommt schleichend, das überhebliche, im Kern totalitäre Denken beginnt leise  mit einer apodiktischen Behauptung, etwa dem Satz Jean Paul Sartres, der sagte: „La nature de l’homme n’existe pas — Die Natur des Menschen existiert nicht.“ Schon gegen solche irren Behauptungen muß man die Stimme der Vernunft erheben. Solch eine Stimme der Vernunft wird heute ausgezeichnet. Sie hält es mit Argumenten im Luftraum der res publica.

Man könnte Sie sogar fürchten. Die Fugen Ihrer Beobachtungen enden nicht mit einem verbalen Paukenschlag, sondern mit dem dumpfen Schnittschlag des argumentativen Fallbeils. Es geht um das Sosein unserer Zivilisation. In diesem Zusammenhang steckt das eigentliche Lob für Ihre Schreib- und Gedankentaten. Denn der Zusammenhang zeigt sich in der Bedrohung unserer Zivilisation in ihrem Kern: der Nicht-Mehr-Anerkennung der Würde des Menschen.

Neu ist, wie weit die Verdrängung der Menschenwürde in der Politik bereits um sich gegriffen hat. Schon wenige Jahre nach dem Krieg, da es klar war, wohin der Wahn von Ideologen und die Feigheit der Guten führen kann, jene Feigheit, von der Don Bosco sagt, daß sie die häufigste Ursache der bösen Taten ist, verfaßte Romano Guardini eine kleine Schrift über das Recht des werdenden Menschenlebens. Er schreibt: „Die endgültige Antwort liegt im Hinweis auf die Tatsache, daß das heranreifende Leben ein Mensch ist.“

Was aber passiert, wenn die Natur nicht anerkannt wird? Wenn, wie Sartre sagt, die Natur des Menschen nicht existiert? Dann gibt es kein Humanum, und dann ist alles möglich. „Der Geist wird krank, wenn er in seinem Wurzelwerk den Bezug zur Wahrheit verliert. Das wiederum geschieht, wenn er keinen Willen mehr hat, die Wahrheit zu suchen. Vor dieser Situation stehen wir. Den Gender-Mainstream-Aposteln liegt nicht mehr daran, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Deshalb brauchen wir Wortchirurgen wie Frau Kositza, die die Wahrheit offenlegen.

Die Gleich-Gültigkeit aller Werte ist heute in den meisten Medien voll durchgeschlagen. Man sucht nicht mehr nach Wahrheiten. Das gilt auch für bekannte Massenmedien. Es zählen nur die Konkurrenz und der profitable Erfolg. Aus diesem Denken entsteht, was die amerikanische Publizistik den Meutejournalismus nennt. Diese Meute kennt keine Werte mehr. Es wird nicht mehr berichtet, nur noch hingerichtet. Dieser Relativismus grassiert auch in der Politik, auch bei den C-Parteien. Wir zeichnen daher auch Ihren Kampf um Wahrheit und Menschlichkeit aus, Frau Kositza, Ihren Kampf gegen die mediale und politische Barbarei.

Vertrauen ist der Kitt der Gesellschaft ganz allgemein. Die Alternative ist die Wolfsgesellschaft. Die Zerstörung des Sozialen, produziert nicht nur weltweites, reales Unbehagen an Marktwirtschaft und Globalisierung. Es hat auch zur Folge, daß Familie, Gemeinde, Staat und Gesellschaft oft nur noch als Faktor und Masse für die Inanspruchnahme eigener Wünsche gesehen werden.

Die Werte-und Geisteshaltungen, von denen der Staat lebt, werden in der Familie geschaffen. In ihr wird das Ur-Vertrauen gestiftet, aus dem diese Schlüsselgröße für die Gesellschaft erwächst. Deshalb hat der Kampf gegen Gender Mainstreaming einen ebenso aktuellen wie tiefen Sinn. Mit der Natur des Menschen, mit der Familie steht die Freiheitlichkeit unseres Staates und Sozialwesens auf dem Spiel. Das Ergebnis ist der repressive Staat mit Euthanasie und Instrumentalisierung der Familie. Aristoteles dagegen sah nicht im Henker, sondern in der Freundschaft das Band der Gesellschaft. In der Familie findet sie ihr Zuhause. Das ist die Alternative der Zukunft: eine solidarische Gesellschaft mit freundschaftlichen Formen des Zusammenlebens oder eine repressive mit der Kultur des Todes.

Daß Sie diese unersetzlichen Funktionen der Familie  unermüdlich ins Bewußtsein heben, dafür, liebe Frau Kositza, danke ich Ihnen.

Als ich bei der Welt arbeitete, hing im Zimmer eines leitenden Redakteurs ein Spruch von Perikles. Er lautete: Das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut. Dieser Mut zeichnet Sie und die JUNGE FREIHEIT aus — und denjenigen, in dessen Namen dieser Preis verliehen wird.

Fotos: Ellen Kositza: „Karrierefrau, kinderlos stand nicht zur Debatte“; Jürgen Liminski: „Schnörkelloser Duktus im Diskurs, der besticht“

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