Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Eingerichtet nach dem Muster des kalten Büfetts

Soll nun neben dem „Klimaschutz“ auch das Gesundheitswesen zum Wachstumsmotor der Wirtschaft werden? Das jedenfalls legt der Titel des Buches nahe. Ebenso teilt der Klappentext dem Leser mit, daß ihm die insgesamt 21 Autoren mit ihren zusammen 17 unterschiedlichen Beiträgen zeigen wollen, „was wir tun können, damit das Gesundheitssystem zum Wachstumsmotor der Wirtschaft werden kann“. Denn die Nachfrage nach einer umfassenden gesundheitlichen Versorgung sei vorhanden und werde zunehmen. Dadurch könne die Konjunktur anziehen, und Arbeitsplätze könnten geschaffen werden. Sicher ist das ein erfreulicher Aspekt und durchaus von Belang. Aber es liest sich, als seien Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze wichtiger, als Kranke wieder gesund zu machen und dies wirtschaftlich effizienter als bisher zu tun. Und dann gebührt Vorrang dem Ziel, im deutschen Gesundheitswesen die staatlichen Beschränkungen der individuellen Freiheit aufzuheben, den Bürgern Selbstverantwortung zu ermöglichen und darum die staatlichen Eingriffe in das Gesundheitswesen zurückzunehmen. Folglich müßte ebendies an erster Stelle stehen. Nennt nicht Gerd Habermann in seinem „polemischen Soziallexikon“ (2006) das Gesundheitswesen in Deutschland schonungslos ein „organisiertes Chaos“, das nur durch eine gründliche Entpolitisierung und Privatisierung zu überwinden sei? Schrieb nicht schon 1989 Walter Krämer in seinem Buch „Die Krankheit des Gesundheitswesens“ nicht minder drastisch: „Das Gesundheitswesen belohnt und züchtet Korruption und bestraft systematisch Vernunft und Sparsamkeit“? Seitdem hat sich diese Krankheit noch verschlimmert, und zwar so, daß man vom Gesundheitswesen sagen muß: Es liegt bereits auf der Intensivstation. Es hängt dort an Schläuchen, die ihm wie süßes Gift öffentliche Umverteilungsmittel infiltrieren. Es wird dort traktiert mit der Apparatur immer mehr ausgreifender staatlicher Interventionstechnik. Die behandelnden Politik-Ärzte versuchen, es uneinsichtig, anmaßend und mit Selbstüberschätzung durchzuschleppen, ohne es richtig auf die Beine zu kriegen. Könnte der Pa­tient Gesundheitswesen eine Patientenverfügung verfassen und vorlegen, um das Leiden endlich zu beenden, würden sich die Akteure der Schläuche und Apparatetechnik wahrscheinlich über sie hinwegsetzen. Allerdings, wie lange halten sie das durch? Bis zu seinem Zusammenbruch? Erik Händeler, einer der Buchautoren, schreibt in seinem Beitrag so beiläufig wie selbstverständlich: „Nach dem Zusammenbruch des heutigen Gesundheitssystems wird die Wirklichkeit um so grausamer, ungerechter und zahlungsintensiver sein, je mehr wir uns heute einem präventiven Modell verweigern.“ Das stellt er sich dann auch so vor, daß der Arzt zu seinem Patienten sagt: „Wenn Sie wollen, daß ich Sie jetzt behandle, dann müssen Sie die Kosten sofort per Lastschrift zahlen. Wissen Sie, ich habe einfach keine Lust mehr auf Ärztekammer und Punktesystem. Sie müssen sich schon selbst mit der Krankenkasse herumstreiten, was Sie davon noch erstattet bekommen.“ Händeler gibt sich sicher: Statt Kranke wieder gesund zu reparieren, werde sich die kommende Gesundheitspolitik darum drehen, Gesunde gesund zu erhalten. Die (je nach Definition 14 bis 50) vorgeblichen „Gesundheitsreformen“ – dies ohnehin ein unsinniger Begriff, weil man nicht die Gesundheit „reformieren“ kann, sondern nur die Gesundheitspolitik – hätten in den vergangenen drei Jahrzehnten die steigenden Kosten nicht in den Griff bekommen können, weil sie nur immer neu bestimmt hätten, wie und wohin Geld habe fließen sollen. Sie hätten kaum etwas in Gang gesetzt, um Krankmachendes zu verringern, nur Geld umverteilt, aber niemanden zu gesünderem Leben bewogen. Die Kosten würden nur dann gleichbleiben oder im Verhältnis zur volkswirtschaft-lichen Gesamtleistung sinken, „wenn wir im Durchschnitt länger produktiv am Leben teilnehmen und weniger krank sind“. Daher hält Händeler „eine neue Arbeitskultur und ein präventives Gesundheitssystem“ für notwendig, womit er auf die alte Erkenntnis „Vorbeugen ist besser als Heilen“ zurückgreift. Überraschend, interessant und geradezu spannend, wie er dann über die Erläuterung der langen Kondratieff-Konjunkturzyklen auf sein eigentliches Thema kommt, nämlich wie die „knappe Ressource Gesundheit“ zu einem „Wachstumsmotor“ werden kann. Ein lesenswerter Beitrag auch deswegen, weil Händeler journalistisch schreibt, also gut lesbar und leicht verständlich. Nicht minder lesbar und lesenswert ist, wie Konrad Adam klarmacht, warum die (jeweilige) „Gesundheitsreform“ keine ist und wie sie eine werden könnte. Das gegenwärtige System sei so eingerichtet, daß niemand wisse, wem was gegeben und wieviel ihm genommen werde. Ob es dabei sozial, gerecht und solidarisch zugehe, sei Glaubens-, aber keine Wissenssache. „Was den einen an Zuwendung, den anderen an Abzügen und allen gemeinsam an Gängelei zuteil wird, ist so vielgestaltig, verworren und willkürlich, daß eine verläßliche Bilanz unmöglich ist.“ Adam zieht einen schönen, treffenden Vergleich: Man habe das Gesundheitswesen nach dem Muster des kalten Büfetts eingerichtet – fester Einsatz bei nahezu beliebigem Konsum. Er zitiert für das, was dabei herauskommt, den Ökonomen Bernd Raffelhüschen. Danach lassen sämtliche Berechnungen erkennen, „daß alle, die heute am Umlageverfahren der Krankenversicherung teilnehmen, im Laufe ihres Lebens weit mehr herausbekommen, als sie einzahlen“. Und Raffelhüschen konstatiert: „Das kann nicht funktionieren.“ Oder anders gesagt: nicht gutgehen. Ein erstes und schnell wirksames Umsteuern sollte nach Adam in der Gesetzlichen Krankenversicherung beginnen mit (erweiterten) Wahltarifen, Selbstbeteiligung, möglicher Beitragsrückgewähr und Abkehr von der Sachleistung zur Kostenerstattung. Die vielen übrigen Autoren behandeln Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik in vielerlei Aspekten und aus ihrer jeweils eigenen fachlichen wie auch interessegebundenen Sicht. Das ist informativ wie aufschlußreich zugleich – ob man ihren Überlegungen, Anregungen und Schlußfolgerungen folgen mag oder nicht – oder auch von anregender Lebendigkeit wie Eugen Münchs Beitrag über das Krankenhaus der Zukunft. Friedrich Merz als Herausgeber nennt das Werk in seinem Vorwort „ein einzigartiges Handbuch“. Ob es das wirklich ist, sei dahingestellt. Aber es gibt eine gute Übersicht über Entwicklungen, Probleme, Zustand und Zukunft im Gesundheitswesen sowie über die unterschiedlichen Sichtweisen. Jörg-Dietrich Hoppe schreibt: „Seit mehr als dreißíg Jahren ist das Gesundheitswesen in Deutschland eine Dauerbaustelle.“ Auch mit diesem sehr empfehlenswerten Buch wird sie das noch zu lange bleiben. Friedrich Merz (Hrsg.): Wachstumsmotor Gesundheit – Die Zukunft unseres Gesundheitswesens. Carl Hanser Verlag, München 2008, gebunden, 412 Seiten, 19,90 Euro Foto: Patient im OP-Saal: Fester Einsatz bei nahezu beliebigem Konsum

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