So ihr nicht werdet wie die Kinder

Die erwachsene, potentiell aggressive Zivilisation ist ihrer Erwachsenheit müde. Sie zweifelt an sich selbst. Die Zeichen mehren sich, daß Überdruß und Übermut zu Selbstaggression, ja zum kollektiven Selbstmord, zur Selbstvernichtung führen können. Die Erneuerung unseres Lebens und unserer Welt kann aus der Unmittelbarkeit des Kindes kommen. Dieses Kind lebt in uns selbst. Jeder Mensch hat es in sich – der eine offener, der andere verdeckter. Es wiederzuerwecken und damit Lebensmut und Überlebenskraft zu stärken, ist vielleicht die größte Chance inmitten unserer überalterten Gesellschaft. Das Kind in uns darf nicht sterben, wenn unser Leben nicht saft- und kraftlos, herz- und lieblos werden und unsere Kultur einen neuen Sinn und eine neue Hoffnung bekommen soll. Kinder bringen Leben mit sich. Wenn Kinder auf der Bildfläche erscheinen, leuchten die Augen! Es gibt Trubel und Lärm, mitunter Streit und Geschrei, sicher aber Leuchten und Glanz. Der Lebensrhythmus wird dichter, intensiver, erfüllter. Je rückläufiger die Kinderzahlen in einer Gesellschaft sind, je mehr also der Erwachsene dominiert, um so langweiliger und nüchterner wird das Leben. Sachlich, zweckentsprechend, ordentlich und korrekt richten wir unsere Welt ein, und wenn sie „fertig“ ist – was den Sinn von vollendet oder erledigt haben kann -, bemerken wir, daß etwas fehlt. Unserer gesamten Welt fehlt etwas: Es ist das Herzklopfen, das Wangenglühen, das Augenstrahlen und die Gewißheit, daß das Leben sich lohnt. Wer durch unsere Wohnquartiere geht, gewinnt den Eindruck: Die Menschen werden früher alt; sie sind ernst, mürrisch und ohne Hoffnung. Ganz anders in Städten, in denen sich das Leben von Jung und Alt gemeinsam auf der Straße abspielt und wo Kinder mit ihrer Lebendigkeit die Luft erfüllen. Die Erwachsenen scheinen davon angesteckt zu werden, sie lachen häufiger, als es sonst Erwachsene tun. Forscher haben herausgefunden, daß Erwachsene im Durchschnitt 15 Mal am Tag lachen oder lächeln – Kinder tun dies im Durchschnitt 180 Mal. Viel wird über den Verlust von Hoffnung, Sinn und Mut zur Zukunft gesprochen. Aber der Sinn des Lebens kehrt nicht über die Reflexion, über neue geistige Sinndeutung in die Welt zurück, sondern er springt uns aus dem Lachen des Kindes an. Das Kind verkörpert in sich auf ansteckende Weise Lebensmut, Freude und Zuversicht. Gäbe es mehr Kinder unter uns und mehr vom Kind in uns, so wäre das Sinnproblem der Welt auf eine leichte, ja unmerkliche, aber dennoch wirksame Weise gelöst. So aber nimmt die Zahl der Depressionen zu. Gleichmut und Resignation, Verdrossenheit und unterschwellige Aggressivität überschatten den Alltag und machen aus ihm das bekannte graue Einerlei, bei dem sich Anfang und Ende nicht unterscheiden, sich keine leuchtenden Ziele mehr konturieren und die Zukunft nicht mehr die Lebensdimension ist, in die hereinzuwachsen sich lohnt. Kind sein heißt Spontanität und Unberechenbarkeit, Kreativität und Erneuerung, Umsturz und Neuanfang. Dies sind Risikofaktoren, denen gegenüber jede nach Perfektion strebende gesellschaftliche Organisation sich konträr verhält, sie nach Möglichkeit einzugrenzen und aufzuheben versucht. Darum ist für Kinder so wenig Platz. Unsere Lebensplätze im großen wie im kleinen lassen sie nicht zu. Dennoch: Wir kennen Menschen, von denen wir sagen: „Er ist ein Kind geblieben“ – Menschen, die sich aus kleinem Anlaß freuen können, die gern mit anderen in Berührung kommen, auch einmal etwas Ungewöhnliches oder Überraschendes tun, die Neugier und Unternehmungsgeist behalten haben, Antrieb, Hoffnung und Spaß. Ein Kind hat es an sich, daß es das Leben noch positiv sieht, noch nicht enttäuscht, resigniert und verbittert ist, daß es rasch hintereinander auf die Erde fallen und wieder auf die Beine springen kann, schnell vergißt und bald neue Vorsätze faßt. Die Lebensrhythmen verlaufen frischer, die Reaktionen schneller, die Wahrnehmungen bleiben unbefangener. Wenn der Druck der Verhältnisse übermächtig zu werden droht, reagiert das Kind in uns mit Protest und Weigerung. Es läßt sich nicht versklaven. Das Kind in uns ist Künstler und Revolutionär zugleich: Es produziert dauernd neue Einfälle und wagt sie kreativ und experimentell zu verwirklichen. Es ist aber auch bereit zum ständigen Protest gegen Unterdrückung, Verplanung, Streß und Überforderung. Es kämpft um die Lebenslust und ist damit ein wichtiger Bundesgenosse des Menschen im Kampf ums Überleben überhaupt. Diese Seiten des Kindes betont auch Eric Berne, der Begründer der Transaktionsanalyse. Er unterscheidet drei nahezu autonome Personen in uns: das Eltern-Ich, das Erwachsenen-Ich und das Kind-Ich. Das Eltern-Ich vereinigt alle die Normen und Erziehungsgrundsätze, die wir in unserem Leben – vor allem an seinem Beginn – aufgenommen haben. Das Erwachsenen-Ich bestimmt die sachlichen Beziehungen zu unserer Umwelt, und das Kind-Ich liefert die vitale Energie dazu, und zwar in der Form des kreativen wie des aufsässigen Kindes. Hier fällt eine gewisse Ähnlichkeit zur Drei-Instanzen-Theorie von Sigmund Freud auf mit seiner Grundschicht des Es, was sowohl eine gleichsam kopflose Unpersönlichkeit der Triebschicht als auch das Kind meinen kann, von dem wir unpersönlich in der dritten Person als „es“ reden. Das unbewußte Es ist unsere psychische Energiereserve. Von da kommen die spontanen Einfälle, die traumhaften Eingebungen, aber auch die neurotischen Hemmungen und Blockaden. Hier ruhen unsere frühen Erinnerungen – der Eisberg unter Wasser, den man nicht sieht, und von dem nur die Spitze des Ich hervorschaut. In der Tat hat das Kind in uns nicht nur schöne Seiten. Es lebt auch als Trotzkind weiter und meldet sich in Krisenzeiten in der Form der Regression, des Rückschritts in längst überwunden gemeinte Verhaltensformen. Wenn wir als Erwachsene in psychischen Streß und in soziales Gedränge kommen, fallen die später erlernten, noch so gut eingespielten Verhaltensmuster der Höflichkeit, Korrektheit, Zurückhaltung fort. Wir geraten aus der Fassung und reagieren wie Kinder. Mit jeder Angst tauchen Kinderängste wieder auf, mit jeder Herausforderung der in der Trotzphase erprobte Protest: Auch als Erwachsene können wir schreien und weinen, uns die Haare raufen, uns auf den Boden werfen, uns krümmen und übergeben, affektiv und unangemessen reagieren, beleidigen und zerstören. Auch das zeugt vom Kind in uns, was wir unter der Bezeichnung „infantile Regression“ zusammenfassen und was ungleich gefährdender für das Zusammenleben sein kann, aber vielleicht als seelisches Druckventil nötig ist, um inneres Gleichgewicht herbeizuführen. Menschen, die immer nur schlucken und die Form bewahren, sind – wie wir heute wissen – krankheits- und vor allem wohl auch krebsgefährdeter als andere. Möglicherweise schützt uns auch hier das Kind vor uns selbst und vor dem frühzeitigen Erstarren und Ersterben in einem langweiligen Erwachsensein. Das Kind in uns ist die Wurzel alles Künftigen, die Basis für das Leben, das sich darauf aufbaut. Kindheit ist die wichtigste Phase der menschlichen Entwicklung überhaupt. Und – vergessen wir das nicht – für die meisten die schönste, verklärteste, begehrenswerteste des Lebens, der sie nachtrauern und um die sie nachwachsende Generationen beneiden. Was macht die Faszination der Kindheit aus? Nur die vermeintliche Unschuld und Schönheit, die Sorglosigkeit und Verspieltheit? Das Glück der Tage, die ungemessen und endlos zu sein scheinen? Dies reicht nicht aus, den Zauber zu erklären, den wir mit der Kindheit – der eigenen, aber auch der fremden – zu verbinden pflegen. Kindsein enthält mehr: kühne Träume und unerfüllte Wünsche, abenteuerliche Entdeckungen, großen Jubel über kleine Dinge, verrückte Einfälle, wilde Streiche, lähmende Ängste vor dem Ertapptwerden – nie wieder klopft das Herz so hoch, schallt der Jubel so laut, bricht sich der Schmerz so hemmungslos Bahn in Geschrei und Tränen. Kind sein heißt intensiv und kreativ, heißt original und emotional, heißt existentiell und essentiell leben, so also, wie der Mensch eigentlich leben sollte: „So ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen“, heißt das Bekenntnis des großen Kinderfreundes, der selbst als Zwölfjähriger im Tempel die Schriftgelehrten mit seiner Kinderweisheit erschreckte. Insofern ist das Kind gleichsam die geniale Instanz in uns. Und nicht zufällig ist auch immer wieder auf die Verwandtschaft von Kindsein und Genie hingewiesen worden – zum Beispiel von Arthur Schopenhauer:“Worauf nun die Ähnlichkeit des Kindesalters mit dem Genie beruhe, brauche ich kaum noch auszusprechen. Im Überschuß der Erkenntniskräfte über die Bedürfnisse des Willens, und im daraus entspringenden Vorwalten der bloß erkennenden Tätigkeit. Wirklich ist jedes Kind gewissermaßen ein Genie, und jedes Genie gewissermaßen ein Kind. Die Verwandtschaft beider zeigt sich zunächst in der Naivität und erhabenen Einfalt, welche ein Grundzug des echten Genies ist … Jedes Genie ist schon darum ein großes Kind, weil es in die Welt hineinschaut als in ein Fremdes, ein Schauspiel, daher mit rein objektivem Interesse. Demgemäß hat es so wenig wie das Kind jene trockene Ernsthaftigkeit der Gewöhnlichen, als welche, keines andern als des subjektiven Interesse fähig, in den Dingen immer bloß Motive für ihr Tun sehn. Wer nicht zeitlebens gewissermaßen ein großes Kind bleibt, sondern ein ernsthafter, nüchterner, durchweg gesetzter und vernünftiger Mann wird, kann ein sehr nützlicher und tüchtiger Bürger dieser Welt sein, nur nimmermehr ein Genie.“ Auch von Mozart wie von Goethe hat es immer wieder geheißen, sie seien lebenslang Kinder geblieben. Und in einem wenig bekannten Brief des Fürsten Pückler an seinen todgeweihten Freund Heinrich Heine in dessen Pariser „Matrazengruft“ liest man: „Wissen Sie, worin unsere Ähnlichkeit bei so großer Verschiedenheit des Genies besteht? Darin, daß wir beide hundert Jahre alt werden können, und dennoch immer Kinder bleiben werden. Diese ewige Kindheit ist eine Größe, und vielleicht die beste Garantie für eine Zukunft nach dem Leben. Wir müssen woanders fertig werden, denn hier auf diesem Planeten verstehen wir nicht unsere Sachen zu führen im Interesse des Tages und des Marktes.“ Sicher müssen wir erwachsen werden, weil sonst geregelte Kommunikation, Vertragsfähigkeit, Stetigkeit und Sachlichkeit unmöglich wären. Aber diese betonierte und sicherheitsvergitterte Welt unserer Erwachsenheit kippt irgendwann ins Unmenschliche und Unerträgliche um und schreit nach Wiederentdeckung des Wilden, Ursprünglichen und Kindlichen. An einem solchen Punkt der Zivilisation scheinen wir zu stehen, und darum lohnt es sich darüber nachzudenken, welche Quellen des Lebens in uns selbst liegen und was das Kind in uns vermag: Lebensaussichten im Sinne einer hoffnungsvollen Zukunft für uns zu erneuern. Die Konsequenzen könnten vielfältig sein, und sie sollen hier nur angedeutet werden: Kinder wichtiger nehmen und ihnen mehr Raum geben, ihre Welt vor uns zu schützen, denn ihre Welt wird die Welt von morgen sein. Weiter: unsere Kindheit bewahren, die Orte, die Menschen, die Spiele, die Freuden und den Austausch pflegen, die aus unserer Kindheit stammen und uns einst zu beglücken vermochten. Sie bilden die größte Lebensreserve, die uns durch alle späteren Belastungen hindurchträgt. Darum ist es so wichtig, daß wir eine gute, sorglose und schöne Kindheit haben, daß wir geliebt und angenommen werden. Und schließlich, daß wir auch als Erwachsene uns nicht zu gut sind, dem Kind in uns Raum zu geben. Daß es den Panzer der Konventionen und des Erlernten durchbrechen und sich spontan und frei äußern darf, Lust und Neugier zeigen darf, Experimentierfreude, Vertrauen, Liebe und vor allem Hoffnung, daß das Leben weitergeht und daß es gut wird – ein Elixier, das wir heute wahrscheinlich nötiger brauchen als je zuvor in der Geschichte. Nicht umsonst knüpft sich seit zwei Jahrtausenden diese Hoffnung an ein Kind, an das Kind in der Krippe, das unserer ausgewachsenen, auswüchsigen Welt das Heil bringen soll. Prof. Dr. Ulrich Beer ist Honorarprofessor für Kulturanthropologie an der Universität Cremona/Italien und war sachverständiger Berater der Fernsehsendung „Ehen vor Gericht“. Auf dem Forum schrieb er zuletzt über die „Entdeckung der Zärtlichkeit“ (JF 39/07). Foto: Pieter Bruegel d. Ältere, Kinderspiele (1560): Wenn Kinder auf der Bildfläche erscheinen, leuchten die Augen! Es gibt Trubel und Fröhlichkeit, Lärm und Geschrei, Lebendigkeit

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