Langen Müller Sarrazin Wir schaffen das

 

Raffinement des Verzichts

Zu den Signalen, mit denen sich das Endigen einer Epoche ankündigt, gehören auch Veränderungen in jenem Formenreservoir, das ihr zum Selbstausdruck und zur Selbstfeier dient. Längst bevor die Wende da ist, pflegen sich neue, meist aus weiter Ferne kommende Stilelemente ins Spiel zu bringen, in denen sich eine neue Philosophie zu Wort meldet. Die Erschöpfung des Überkommenen findet im Bewußtsein eher als in der Wirklichkeit statt, und in diesem Sinne zählt das Hochkommen eines neuen Stils stets zu den Warnungen erster Ordnung. Im achtzehnten Jahrhundert hat es an seismographischen Mitteilungen solcher Art nicht gefehlt. Der Wille zur Klassik, der schon in den Renaissancen des neunten, zwölften und fünfzehnten Jahrhunderts Epochenwenden markiert, ist fast gleichzeitig mit der Revolution um 1790 voll etabliert und beherrscht dann Europa bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts. Es sollen noch Jahrzehnte vergehen, und der höfischen Kultur stehen ihre letzten Verfeinerungen erst bevor, aber der Traum von der logischen Einfachheit und der Gesetzlichkeit der Vernunft wird nicht mehr versinken. Hinter dem Rankenwerk des Rocaille ist die Verführung der reinen Linie, des rechten Winkels und des Kreises aufgetaucht – Säule, Kubus und Pyramide. Nicht nur in den Hexenprozessen des untergehenden Mittelalters werden die Instrumente vor dem Vollzug gezeigt; auch die Revolution gibt die Maße zu erkennen, mit denen sie den Tempel der Vernunft aufzuführen gedenkt, vor dem dann die Guillotine errichtet wird; die Heiterkeit Alteuropas wird der Reinheit und dem Strengen weichen; das Einfache ist das Schöne, und das Schöne ist das Wahre, das die Vernunft ist. Auf den englischen und kontinentalen Pastellen des frühen neunzehnten Jahrhunderts sind mitunter Damen zu sehen, die statt glitzernder Colliers Schmuck aus fahlem und schwarzem Material tragen, obgleich ihre Toilette zu erkennen gibt, daß es sich nicht um Portraits von Trauerfällen handelt. Es ist jener filigranhafte Schmuck aus Eisen und Stahl, der seit kurzem aus langem Vergessen auf die Dekolletés der Damen und in die Vitrinen der Sammler zurückgekehrt ist. Die herkömmliche Meinung, die biedermeierliche Schätzung des neuen Materials sei ein Erzeugnis der europäischen Verarmung in der Epoche der Napoleonischen Kriege, die notgedrungen Eisen für Gold genommen habe, weiß von geschichtlichen Vorgängen so wenig wie von Wandlungen des Bewußtseins, das der Notdurft stets voraus ist. Der englische cut-steel, als Birmingham toys um 1760 entwickelt, erlebt nämlich seine künstlerische Blüte in dem Jahrzehnt vor der Französischen Revolution, und das Berliner Eisen ist nie raffinierter gewesen als im Jahr der Schlacht von Jena und Auerstedt, die Preußens Dixhuitième an sein Ende brachte und seinen Haushalt ruinierte. Schon 1788 besucht Friedrich Wilhelm II. die Gußstätten von Gleiwitz, zwei Jahre später tragen sich Goethe und Karl August in das Gästebuch ein, und 1798 führt Friedrich Wilhelm III. Königin Luise durch die oberschlesischen Gießereien, die das Staunen Europas sind. Der Zusammenbruch des preußischen Staatshaushaltes wird erst ein Jahrzehnt später stattfinden. In all diesen Fällen laufen die äußeren Dinge den inneren Entwicklungen hinterher, und als das Berlin-iron oder fonte de Berlin sich dann die Gesellschaft von London und Paris erobert – wo man, wie in ganz Europa, vergeblich Gußtechniken zu entwickeln suchte, um das ferre de Berlin, jene gazeartig aus Eisendraht geflochtenen Collier, selber herzustellen und sich so von den Werkstätten in Gleiwitz und Berlin unabhängig zu machen -, hat sich Europa von der Epoche der Revolutionen und Kriege längst wieder erholt. Schon kurz nach Waterloo bricht um 1820 in England und dann 1830 in Paris, Wien und schließlich auch in Berlin ein Jahrzehnt der Hochkonjunktur an, das eine vordem ungekannte Massenkaufkraft schafft. Es ist jenes Jahrzehnt, in dem – bei nachlassender Eleganz – Produktion und Absatz von englischem Stahl und preußischem Eisen auf den Höhepunkt kommen. In keinem Schmuckkasten von London, Paris und St. Petersburg fehlen um 1840 Dinge aus kühlem, glattem Eisen, das mitunter mit glänzendem Stahl kombiniert wird; als die Epoche geschmacklich herunterkommt, werden hervortretende Ornamente gern vergoldet. Nicht die Armut schafft sich ihr Material für künstlerischen Ausdruck, sondern seelische Erschöpfungen und geschmackliche Verfeinerungen suchen das Raffinement der zurückgenommenen Wirkungen, auf das auch Gillys Pavillons und Schinkels Gartenhäuser setzen. Die nouveau riche trägt Gold, als Bürgertum und Aristokratie das schwarze Metall auf weißer Haut wollen. Es ist nicht die Abkehr von Luxus, die den Reifen aus massivem Gold durch das eiserne Diadem mit Akanthus-Ranken ersetzt, für das Schinkel die Vorlage zeichnete; und nicht puritanische Verweigerung gibt statt der silbernen Gürtelschließe das eiserne Tüll-Bracelet, die schwarze Schmetterlingsbrosche, die Bandeaux mit Palmetten-Elementen und die „fallenden Rosen“, die zartes Fleisch durch härtestes Metall zur Geltung bringen; eher ist es umgekehrt. Tatsächlich ist etwas Unstatthaftes einschlägig, das auf fragwürdige Wirkungen setzt. Dies ist ja die Epoche Restif de La Bretonnes und des Marquis de Sade, die von nervlichen Reizen etwas weiß und Laszivität und Eisenspangen zusammenbringt. Das der Vernunft gewidmete unzüchtige Werk de Sades, zu Teilen in der Bastille geschrieben, ist eine der großen literarischen Hervorbringungen der Revolutionsära, mit der das arkadische Europa abgeschlossen wird. Der große Geschmackswandel ging vor der großen Umwälzung vor sich, und der unendliche Umbruch war nur der Gerichtsvollzieher des Zeitgeistes. Michael Stürmer hat in anderem Zusammenhang die geistvolle Bemerkung gemacht, daß die Paläste stets erst gestürmt werden, wenn sie längst unbewohnbar geworden sind, „Gehäuse für Gespenster“. Tatsächlich haben sich die Salons jener anderen belle époque bereits entleert, als durch die Straßen von Paris die Marktweiber ziehen, derer man am vierzehnten Juli gedenkt. Längst bevor die Blumen welken, haben sie ihren Duft verloren, und nicht der moralische Rigorismus der nach oben Drängenden räumt die Salons des Rokoko ab, sondern die nach neuen Geschmackssensationen suchenden Eliten, die zum Mäzen eines Raffinements werden, welches Verfeinerung und nicht Verarmung meint. Es ist die Geistesgeschichte des Klassizismus, die damit anfängt. Aller Klassizismus ist Sehnsucht nach rückwärts und Hoffnung nach vorne zugleich: Es ist die Kunst der heraufdrängenden Schichten, auch wenn sie davon nichts wissen. Natürlich machte der neue Geschmack, der intarsierte, geschwungene Möbel gegen glatte Flächen aus Mahagoni und Ebenholz eintauschte und im neuen Jahrhundert dann im bürgerlichen Milieu zu Birke, Esche und Obstholz überging, Serienfabrikation möglich und Herstellung aus Elementen, und insofern war er die Voraussetzung der massenhaften Verbreitung von Kunstgütern, die das neunzehnte Jahrhundert von allen vorausgegangenen Epochen abhebt. Dies gilt auch für den Schmuck aus Eisen, den nun nicht mehr die Meister in jenen kleinen, ebenerdigen Werkstätten fertigen, die in der Cardillac-Erzählung E. T. A. Hoffmanns beschrieben werden, sondern in fabrikhaften Gießereien, in denen Gesellen die Modelle Schadows oder Schinkels in Gußformen umsetzen, so daß auch hier Serienfertigung Ergebnis und Voraussetzung der neuen Epoche ist. Das Handwerk verfällt, aber die Fabrikation kommt auf ihren Höhepunkt, weil die ersten Künstler der Zeit die Entwürfe zeichnen. Aber niemand hat soziale Ideen im Auge, wenn er Entwürfe à la grecque zeichnet, man will nicht Bürgerstuben ausstatten, indem man den Feuersalamander und die Sphinx auf das Kamingesims bringt. Der Siegeszug des neuen Dekors wurde von Aristokraten und reichen Kaufleuten getragen, die übermüdete Nerven mit kühnen Gedanken verbanden. Es ist das Pathos der Philosophie, das sich an die Säulen von Paestum und die Architrave von Rom heftet, weil nur das Einfache das Vernunftgemäße ist. Das Auftauchen des griechischen Styhls auf den Porzellanen, Möbeln und Bijouterien des Jahrhunderts signalisiert, daß die Epoche ihrer selbst überdrüssig geworden ist. Hinter all diesen Lehnen mit Lyra-Motiven, mythologisierenden Stahl-Medaillons, den Proserpina-Ketten und Leuchtern in Karyatiden-Form steht der Vers Stefan Georges – der nicht zufällig die herausfordernden Zeilen auf die Spange aus „kühlem glatten Eisen“ geschrieben hat – Wie bin ich der Blumen müd, der schönen Blumen müd! Er kommt aus einem anderen Jahrhundert, aber aus derselben Seelenlage. Das alles gilt auch für die neuen Materialien, hinter denen ohnehin die Faszination des technisch Machbaren steht, seien es die Manufakturen von Sèvres und Wedgwood oder die Gießereien von Gleiwitz, Sayn, Lauchhammer und Berlin. Dem einfachsten Stoff, gebranntem Ton und flüssiggemachtem Eisen, ringt man die zartesten und delikatesten Wirkungen ab, und die Mechanik des Herstellens fordert die Vervielfachung geradezu heraus. Die Treibenden aber waren die Spitzen der höfischen Gesellschaft, die von den Frivolitäten des Rokoko zur antikisierenden Simplizität der Gedankenkunst trieben, während man unten noch die Kunst des Vortages repetierte. Aber die Logik von Material und Form drängte zur Maschinenwelt, wie denn die jetzt entstehenden Serienmanufakturen mit Arbeitsteilung und Teileproduktion die Fabrikstätten des nächsten Jahrhunderts vorwegnehmen. Nur ein paar Jahrzehnte später, und aus dem gleichen Stoff werden Lüster und Lokomotiven gegossen, Figurinen und Isolatoren. Der Schmuck, verfertigt aus glänzendem Stahl oder aus schwarzem Eisen, ist alles zugleich: lüstern und streng, gewollte und erzwungene Verweigerung von Luxus und außerdem höchstes Raffinement, sentimentale Huldigung an die Götter Griechenlands und Roms und selbstgewisses Ausspielen modernster Möglichkeiten, romantisches Spiel und blutiger Ernst – wie das neue, das eiserne Zeitalter, das mit ihm heraufzieht und das nun schon wieder hinter dem Horizont versinkt. Das sind Dinge, von denen wir etwas verstehen. Der schmerzliche Geschmack von Untergang liegt über dem alten Eu­ropa: Großbürgervillen, die längst unbewohnbar geworden waren, bevor das artifizielle Lumpenproletariat sie besetzte; Avenuen und Boulevards, die zwischen der Fifth Avenue, der Via Veneto, den Champs-Elysées und dem Kurfürstendamm der Gesellschaft ermangeln, die sie einst bevölkerte und rechtfertigte, und dann ein zur Bourgeoisie heruntergekommenes Bürgertum, dessen Söhne und Töchter von den Heiterkeiten des Genusses sowenig wissen wie von dem Rigorismus des strengen Denkens: Das biodynamische Gemüse verschreckter Romantiker ist das selbstgemahlene Mehl aus dem Weiher von Marie Antoinette; und beide Male geht man in Jeans zum letzten Tanz. Dr. Wolf Jobst Siedler war Feuilletonchef des Berliner „Tagesspiegel“, Leiter des Propyläen-Verlags und Direktoriumsvorsitzender der Verlagsgruppe Ullstein. 1980 gründete er einen eigenen Verlag, der später in die Bertelsmann-Gruppe überging. Er ist Verfasser mehrerer Bücher zur Kulturgeschichte. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über den „Langen Weg in die Häßlichkeit“ (JF 13/07). Foto: Industriell produzierte Stuhlreihe im Wartesaal: Es sollte noch geraume Zeit vergehen, bis hinter dem Rankenwerk der Rocaille die Verführung des rechten Winkels auftauchte

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