Superwahljahr

 

Ich, ein heimatloser Wanderer

Wie so oft bei Eichendorff ist auch dieses Gedicht von Heimweh erfüllt. Doch ist nur in wenigen ein solch immanentes Gefühl von Verlust, Einsamkeit, Entfremdung und Tod ausgedrückt. Denn hier ist die Heimat anders als in anderen Gedichten unzugänglich geworden, es ist nicht ratsam, das Land der Kindheit nochmals aufzusuchen. Die Eltern leben nicht mehr, er hat keine Freunde mehr dort – welcher Grund sollte Eichendorffs lyrisches Ich in diese Heimat zurückführen? Zweifellos spiegelt sich in diesem Gedicht Autobiographisches. Die lebenslange Trauer um das verlorene elterliche Schloß ist auch hier gegenwärtig. Der Vater starb bereits 1818, noch vor dem endgültigen Verkauf von Lubowitz. Als knapp Fünfzigjähriger schrieb der Dichter 1837 diese Zeilen im Bewußtsein, daß er das meiste seiner Lebenszeit hinter sich hatte. Was ist aus den Träumen der Jugend geworden? Früher „zogen rüstige Gesellen hinaus“, das Wandern in die Fremde war bisweilen reiner Selbstzweck („Allgemeines Wandern“), aber immer fuhr man, oft freudig die Heimat anrufend („Grüß dich Deutschland aus Herzensgrund“), in sie zurück. Doch hier ist nur Resignation. Die Heimat liegt hinter „Blitzen rot“, wird dadurch unerreichbar, doch kommen aus ihr „Wolken her“. Die Wolken stehen für Heimatliebe, für die Erinnerung. Aber nicht das Ich erinnert sich der Heimat, sondern die Heimat selbst scheint aktiv zu sein und sendet ihre Gedanken an ebendieses Ich, an den heimatlosen Wanderer. Dieser Wanderer erwartet in nicht allzuweiter zeitlicher Ferne den Tod und wird irgendwo im Wald begraben sein. Häufig bei Eichendorff benutzte Topoi sind rauschende Quellen und Wälder, die bei ihm für heidnische Naturgottheiten stehen. Auffallend an diesem Gedicht ist die düstere Stimmung, das Fehlen jedweder – bei ihm sonst fast immer anzutreffender – Transzendenz, dafür aber die Existenz von Naturgöttern, die über dem Grab des Wanderers wachen. Sollte der alternde Dichter in seinem unerschütterlichen Gottvertrauen wankend geworden sein? Gibt es etwa doch keinen Gott? Oder ist ein Leben außerhalb einer verlorenen Heimat überhaupt kein Leben mehr? Wir wissen, wie freudlos Eichendorff sein Königsberger und Berliner Beamtendasein empfunden hat. Robert Schumann wußte um die einzige Stellung dieses Gedichts in Eichendorffs Gesamtwerk, da er es in seinem Liederzyklus an die erste Stelle setzte. Gründlich revidiert „In der Fremde“ das klischeehafte Bild von einem fröhlich-munteren und mutig auf Gott vertrauenden Poeten. In der Fremde Aus der Heimat hinter den Blitzen rot
Da kommen die Wolken her.
Aber Vater und Mutter sind lange tot,
Es kennt mich dort keiner mehr. Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit
Da ruhe ich auch, und über mir
Rauschet die schöne Waldeinsamkeit
Und keiner mehr kennt mich auch hier.

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