Anschlag in Afghanistan

Der Tod dreier deutscher Soldaten in Afghanistan – zwei sind schwer verletzt – sollte niemanden überraschen. Die meisten von uns erinnern sich an die vier toten und 29 verletzten Deutschen vom Juni 2003, als in Kabul ein Selbstmordattentäter einen Bundeswehr-Bus sprengte. Tatsächlich aber gab es ständig Angriffe auf die Truppe. Als ich das letzte Mal Kundus besuchte, war kurz zuvor eine Granate in den leeren Aufenthaltsraum der deutschen Garnison eingeschlagen – noch wenige Minuten zuvor war der Raum mit Soldaten gefüllt: Dem Zufall war es zu verdanken, daß es nicht zu schweren Verlusten kam, die weit über die des jüngsten Anschlags hinausgegangen wären. Wenn nun vorgeschlagen wird, die Soldaten sollten sich künftig nur noch in Panzerfahrzeugen bewegen, sollte man bedenken, daß auch deren Schutz nur begrenzt ist. Das gepanzerte Patrouillenfahrzeug „Dingo“ der Bundeswehr hält etwa den russischen RPG7-Panzerfäusten, über die die Aufständischen in großer Zahl verfügen, nicht stand. Außerdem würde durch diese Schutzmaßnahme den Kontakt zur Zivilbevölkerung fast völlig unterbunden. Allerdings sollte man diesen auch nicht überbewerten: Intensiv ist er ohnehin nicht. Schon vor Jahren bestätigten mir deutsche Soldaten, während sie zu Beginn von afghanischen Kindern mit erhobenen Daumen begrüßt worden seien, sähen sie jetzt mehr und mehr gesenkte Daumen. Tatsache ist, daß gegen Terror kein Kraut gewachsen ist. Wer das nicht glaubt, der blicke nach Israel. Der Bundeswehrverband fordert nun eine „neue Strategie“ für den Einsatz. Man fragt sich: Welche Strategie soll da gewechselt werden? Bislang gab es gar keine! Was die Bundeswehr angeht, so gibt es im Land lediglich drei deutsche Festungen: In Masar-i-Scharif, Kundus und Faisabad. Mehr als zwanzig Kilometer entfernen sich die Patrouillen nur in seltenen Fällen von ihren Basen. Als wir über den strategisch extrem wichtigen Salang-Paß zwischen Kabul und Masar-i-Scharif fuhren, konnten wir keinen einzigen Isaf-Soldaten erspähen. Ein nennenswerter Wiederaufbau des Landes findet lediglich in der Phantasie unserer Politiker statt. Aber auch eine „neue Strategie“ würde nichts an der Tatsache ändern, daß dieser Krieg nicht zu gewinnen ist. Wann begreifen wir, daß – auch wenn wir uns selbst nur als Aufbauhelfer betrachten – die Afghanen uns als Besatzer sehen und US-Luftangriffe mit zivilen Opfern, eventuell unterstützt durch deutsche Aufklärer, die ohnehin bestehende Feindseligkeit der Bevölkerung in Haß verwandeln? Was tun wir eigentlich, wenn es im Lande einmal zu einem umfassenden Aufstand der Stämme kommt, wie ihn die Russen erlebt haben? Während in den USA bereits offen über einen Abzug aus dem Irak diskutiert wird, versuchen hierzulande Politiker die endlich aufkeimende Debatte über den Sinn des Afghanistan-Einsatzes abzuwürgen. Vermutlich wird das Thema leider erneut versanden – bis die nächsten Deutschen sterben. Prof. Dr. Peter Scholl-Latour veröffentlichte in JF 41/06 den Beitrag „Zu unserer Kultur stehen“. Zum Thema erschien zuletzt sein Buch „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam? Chronik eines unbegrenzten Krieges“.

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