Joachim Kuhs

 

Türkisch als Pflichtfach

Im Rahmen eines EU-Projekttages besuchte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), am 22. Januar die Herbert-Hoover-Realschule in Berlin-Wedding. Berühmt wurde die Schule, deren Schüler zu über 90 Prozent nichtdeutscher Herkunft sind, Anfang 2006. Auf einer Schulkonferenz im März 2005 war beschlossen worden, daß auf dem Schulgelände, auch in den Pausen, fortan ausschließlich Deutsch gesprochen werden dürfe. Der Fall sorgte deutschlandweit für Aufsehen, da die auflagenstärkste türkische Zeitung Hürriyet ausführlich gegen die angebliche Diskriminierung Sturm schrieb (JF 28/06). Lautstarke Unterstützung fand sie bei der Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Claudia Roth, die der Meinung war, daß „Integration sich nicht mit Pausenreglementierungen erzwingen läßt“. Aller Kritik zum Trotz: Im Juni 2006 erhielt die Herbert-Hoover-Realschule für ihr Projekt „Deutsch als Schulsprache“ den Nationalpreis der deutschen Nationalstiftung. Nur Mathematik wird auf deutsch unterrichtet Nicht alle Schulen folgen jedoch dem Beispiel der Herbert-Hoover-Realschule: Allein in Berlin gibt es fünf öffentliche Grundschulen, die eine zweisprachige deutsch-türkische Alphabetisierung und Erziehung anbieten. Alle haben einen hohen Ausländeranteil, manche sogar von über 90 Prozent. Diese Grundschulen wenden sich in erster Linie an Schüler, deren Muttersprache Türkisch ist. Durch das zusätzliche Unterrichtsfach Türkisch soll die „Sprach- und Identitätsentwicklung“ gefördert werden. Zusätzlich gibt es Stunden die im „deutsch-türkischen Kooperationsunterricht (Koop)“ gehalten werden. Dabei unterrichten zwei Lehrer, ein deutscher und ein türkischer gleichzeitig, jeweils in ihrer Landessprache. An dem Koop-Unterricht nehmen auch deutsche Kinder teil. Sie können darüber hinaus in freiwilligen Arbeitsgemeinschaften Türkisch lernen. Hierbei geht es nach Aussage der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung nicht nur um den Erwerb von Sprachkenntnissen, sondern darüber hinaus soll „ein Beitrag zur interkulturellen Erziehung geleistet werden“. Seit 1992 gibt es auch das Projekt der öffentlichen Staatlichen Europaschulen in Berlin (SESB). An ihnen wird der Unterricht jeweils zur Hälfte auf deutsch und zur Hälfte in einer anderen Muttersprache abgehalten. Im Angebot stehen Englisch, Französisch, Russisch, Spanisch, Italienisch, Neugriechisch, Portugiesisch und Polnisch. Deutsch-türkischer Unterricht findet im Rahmen des SESB-Projekts an der Azis-Nesin-Grundschule und der Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule statt. Beide liegen im Stadtteil Kreuzberg. Aber nicht nur in Berlin wächst die Anzahl deutsch-türkischer Bildungseinrichtungen. Auch in Hamburg existieren bereits seit August 2003 zwei deutsch-türkische Grundschulen, die Heinrich-Wolgast-Schule im Stadtteil St. Georg und die Lämmersieth-Schule in Dulsberg. Unterrichtet wird ebenfalls auf deutsch und auf türkisch. Die Kinder sollen hierbei „vom ersten Tag an in die türkische und deutsche Sprache und Kultur eingeführt“ werden. Auch hier ist das erklärte Ziel des bilingualen Unterrichts, durch „frühe interkulturelle Verständigung die Integration und Toleranz sowie die Sprachkompetenz und Identitätsbildung der Kinder zu fördern“. Experten sehen in der Sprache den Schlüssel zur gelungenen Integration. Bei vielen Fördermaßnahmen und Integrationsprojekten steht somit das Erlernen der deutschen Sprache an erster Stelle. Der Großteil der türkischen Kinder spricht jedoch in der Familie Türkisch. Die Eltern sind oft nicht in der Lage, ihre Kinder beim Erlernen des Deutschen zu unterstützen. Hinzu kommt, daß sich die Kinder Türkisch oft nur als gesprochene Sprache aneignen. Lesen und Schreiben sowie eine Grammatik dagegen lernen sie gewöhnlich in einer deutschen Schule. Wissenschaftler sind jedoch der Meinung, daß ausländische Kinder Deutsch nur richtig lernen könnten, wenn sie auch die eigene Muttersprache wirklich beherrschen. An dieser Stelle setzt das Modell des bilingualen Unterrichts ein. In den beiden Hamburger Grundschulen sieht das laut der zuständigen Behörde für Bildung und Sport wie folgt aus: Die Schulklasse setzt sich zur Hälfte aus deutschsprachigen und zur Hälfte aus türkischsprachigen Schülern zusammen. Im ersten Schuljahr nehmen alle Kinder am Türkischunterricht teil. Lesen und Schreiben lernen sie jedoch in der Sprache, die sie am besten beherrschen. Ziel ist es, daß am Ende des zweiten Schuljahres alle Schüler beide Sprachen in Schrift und Sprache beherrschen. Im dritten Schuljahr findet der Sachunterricht zweisprachig statt, in der vierten Klasse dann ausschließlich auf türkisch. Lediglich Mathematik wird durchgehend auf deutsch unterrichtet. Nicht alle sehen aber im muttersprachlichen Unterricht ein geeignetes Mittel zur Förderung der Integration. Ende November vergangenen Jahres hatte der Rastatter Gemeinderat beschlossen, keine öffentlichen Räume mehr für Muttersprachenunterricht zur Verfügung zu stellen. Bis dato konnten die jeweiligen Konsulate mit von ihnen bezahlten Lehrern in den Räumen der Gemeinde Unterricht für Kinder in ihrer Landessprache anbieten. Nach Ansicht des parteilosen Rastatter Bürgermeisters Klaus-Eckard Walcker behindere diese Art von Unterricht aber das Erlernen der deutschen Sprache und begünstige dadurch das Entstehen von Parallelgesellschaften. Ähnlich wie beim Fall der Herbert-Hoover-Realschule gelangte die Entscheidung des Rastatter Gemeinderates in die breite Öffentlichkeit, nachdem Hürriyet und andere türkische Zeitungen lautstark dagegen protestiert hatten. Der türkische Elternverein in Rastatt will nun unterstützt von mehreren türkischen Vereinen aus Baden-Württemberg gegen die Entscheidung der Stadtverwaltung klagen. Politische Unterstützung erhält die Rastatter Stadtverwaltung dagegen vom Integrationsbeauftragten der baden-württembergischen Landesregierung, Ulrich Goll (FDP). Dieser hatte sich auf dem FDP-Landesparteig im Januar gegen eine zukünftige staatliche Bezuschussung des Muttersprachenunterrichts ausgesprochen. Grundlage für diesen ist eine EU-Richtlinie von 1972 über die schulische Betreuung der Kinder von Wanderarbeitern. Sie hatte zum Ziel, den Kindern durch den Unterricht in ihrer Muttersprache bei einer Rückkehr in die Heimat die Eingliederung in die dortige Gesellschaft zu erleichtern. Mittlerweile sei aber laut Goll von einer dauerhaften Einwanderung der „Gastarbeiter“ auszugehen, was die EU-Richtlinie als nicht mehr zeitgemäß erscheinen lasse. Neben den staatlichen Einrichtungen wächst auch die Anzahl privater Initiativen. Bereits 2004 eröffnete in Berlin- Spandau ein privates Gymnasium, das neben einem bilingualen deutsch-englischen Abitur auch Türkisch als zweite Fremdsprache anbietet. Träger des Privatgymnasiums Berlin (PGB) ist das Türkisch-Deutsche Sozialbildungsinstitut Berlin-Brandenburg e.V. (TÜDESB). Ein Ziel der Einrichtung ist unter anderem die Verbesserung der Bildungschancen junger Türken, denn über ein Drittel der in Berlin ansässigen Türken schafft keinen Schulabschluß. Gerade mal acht Prozent machen das Abitur. Daneben möchte man über die Förderung von „Mitmenschlichkeit, Toleranz und Weltoffenheit“ einen Beitrag zur Integration leisten. Zwar wird am PGB laut eigenem Schulkonzept kein Religionsunterricht angeboten, sondern ersatzweise politische Weltkunde unterrichtet. Dennoch äußerten die Berliner Medien taz und Tagesspiegel den Verdacht, das 1994 gegründete TÜDESB solle Verbindungen zur konservativ-islamischen Nurculuk-Bewegung haben, die eine Islamisierung der Gesellschaft mittels Missionierung anstrebt. Trotzdem erteilte die Berliner Bildungsverwaltung TÜDESB die Genehmigung für das Betreiben einer Privatschule. Daraufhin erkundigte sich im Oktober 2004 der Berliner Senatsabgeordnete Giyasettin Sayan (PDS) in einer kleine Anfrage („Wer oder was ist tüdesb“) nach den Vorgängen im Zusammenhang mit der Antragsgenehmigung. In der Antwort gab der damalige Senator für Bildung, Jugend und Sport, Klaus Böger (SPD), an, daß man lediglich die „Satzung des TÜDESB e.V sowie Angaben zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Vereins“ bewertet habe. Eine Stellungnahme des Landesamtes für Verfassungsschutz Berlin sei nicht eingeholt worden. Inwieweit aber Inhalte und die sie vermittelnden Lehrer der Privatschule überprüft und kontrolliert werden können, ist schwer abzuschätzen. Immerhin gelang es auch der Islamischen Föderation in einem mehrjährigen Gerichtsverfahren, sich das Recht zu erstreiten, an zwei Berliner Grundschulen Islamunterricht zu erteilen. Und das gegen den teils heftigen Widerstand der Berliner Schulverwaltung. Diese warf der Islamischen Föderation gestützt auf den Verfassungsschutz vor, vereinzelt Kontakte zur fundamentalistischen Milli Görüs zu unterhalten. „Deutsch als Schulsprache“-Projekte sind die Ausnahme Die Islamische Gemeinde Milli Görüs (IGMG) ist nach Angaben des Innenministeriums NRW mit 26.500 Mitgliedern „die größte in Deutschland vertretene islamistische Organisation“. Nach eigenen Angaben verfügt sie allein in Deutschland über 323 Moscheegemeinden. Die Zielsetzung von Milli Görüs ist laut Innenministerium Nord-rhein-Westfalen „mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht zu vereinbaren“. Auch in Köln eröffnet Anfang August ein türkisch-deutscher Verein, der türkisch-deutsche akademische Bund e.V. (tdab), offiziell sein Privatgymnasium Dialog (PGD; www.dialog-koeln.de). Die Fünftkläßler beginnen hier mit zwei Fremdsprachen: Englisch und Türkisch. Unterrichtssprache soll Deutsch sein. Anders als beim Berliner tüdesb scheint tdab keinerlei Verbindungen zu Nurculuk zu haben – im Gegenteil. Ihm werden schon eher Berührungspunkte zur Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) nachgesagt. Also legt man bei der PDG Wert auf die Trennung von Kirche und Staat. Deswegen werde es auch keine Lehrerinnen mit Kopftuch geben. Laut einem Bericht des Kölner Stadtanzeigers hätte der Vorsitzende von tdab, Arp Sarac, gerne ganz auf Religionsunterricht verzichtet und statt dessen für alle Schüler Ethik als Pflichtfach eingeführt. Für die Genehmigung des Privatgymnasiums durch die zuständige Bezirksregierung sei aber das Anbieten von katholischem und evangelischem Religionsunterricht Bedingung gewesen. Das Privatgymnasium Dialog, so Sarac, wolle begabte Schüler fördern, die mit einer „multikuturellen internationalen Perspektive“ aufwachsen wollen. Insgesamt betrachtet gibt es deutschlandweit eine wachsende Anzahl staatlicher und privater Initiativen, die auf bilinguale und muttersprachliche Unterrichtsformen setzten. Pilotprojekte wie „Deutsch als Schulsprache“ sind eher die Ausnahme. Und auch an der Herbert-Hoover-Realschule hat man jüngst das eigene Konzept erweitert: Seit Ende Februar diesen Jahres bietet die Realschule an einem Nachmittag in der Woche Türkischunterricht für die neunten und zehnten Klassen an. Die Teilnahme ist freiwillig. Das Geld für den zusätzlichen Unterricht kommt aus einem europäischen Sozialfonds. Sollte noch mehr Geld zur Verfügung gestellt werden, möchte man das Angebot auch auf die unteren Klassen ausbreiten. Stichwort: Ausländische Schüler an deutschen Schulen Im Schuljahr 2005/06 lernten 9,5 Millionen Schüler an Allgemeinbildenden Schulen. 929.500 davon hatten keinen deutschen Paß. Nach Schularten unterschieden lag der Anteil von Ausländern in Vorklassen bei 15,5 Prozent, in Schulkindergärten bei 20,7 Prozent, in Grundschulen bei 11,2 Prozent, in Hauptschulen bei 18,9 Prozent, an Integrierten Gesamtschulen 13,5 Prozent, Realschulen 7,5 Prozent, an Gymnasien 4,2 Prozent und an Freien Waldorfschulen 2,1 Prozent. Quelle: Statistisches Bundesamt (www.destatis.de) Foto: Bilinguale Klasse an der Albert-Schweitzer-Schule in Hannover: Die deutschen Kinder lernen Türkisch als Fremdsprache, die türkischen Kinder Deutsch als Zweitsprache

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