Wie alles anfing

Mit der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler am 1. Oktober 1982 waren hochgespannte politische Erwartungen verbunden. Kohl hatte sie mit seinem Versprechen einer „geistig-moralischen Wende“ selbst induziert. Nun mußte sich zeigen, was er konkret damit gemeint hatte. Das galt insbesondere für die Deutschlandpolitik, weil die CDU der sozialliberalen Regierung unter Helmut Schmidt vorgeworfen hatte, nur noch die Teilungsfolgen erträglicher machen zu wollen, sich mit der Teilung selbst aber – anders als sie selbst – abgefunden zu haben. Um so größer war für viele die Enttäuschung, als sie feststellen mußten, daß Kohl die bisherige Politik unverändert fortsetzte. Die Enttäuschung war in den Reihen der CDU selbst am größten. Ihre Deutschlandpolitiker und der konservative Flügel der Partei sahen sich hintergangen und ohne Rückhalt in der eigenen Führung, während der linke Flügel der CDU, der in CDU-Generalsekretär Geißler seinen Repräsentanten hatte, damit begann, das CDU-Programm umzuschreiben, um das Ziel der Wiedervereinigung aus ihm herauszunehmen. Damit drohte nicht nur das politische Spektrum der CDU, sondern das der deutschen Parteienlandschaft insgesamt so stark nach links verschoben zu werden, daß keine der im Bundestag vertretenen Parteien am Ziel der Wiedervereinigung festhielt – und zwar nicht einmal mehr als Lippenbekenntnis. Wer sich nun noch zur Wiedervereinigung bekannte und eine demgemäße Politik forderte, stand nahezu allein da. Ein großer Klärungsprozeß setzte damals in Bonn ein und schied jene, für die die Wiedervereinigung existentiell war und nicht zur Disposition gestellt werden konnte, von der überwältigenden Mehrheit: Es wurde einsam um uns, die an der Einheit festhielten. Das war die Zeit, in der ich erstmals die JUNGE FREIHEIT als Leser wahrnahm. Was sie unverwechselbar machte und sie mir als einen zentralen Teil meiner eigenen politischen Identität erscheinen ließ, das war die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Ausübung des Selbstbestimmungsrechts des deutschen Volkes einforderte und dafür eintrat, daß es für seine Interessen mit der gleichen Unbefangenheit eintrat, wie dies alle anderen Nationen mit der größten Selbstverständlichkeit taten – so wie ich es selbst vom ersten Tag meiner Korrespondententätigkeit in Bonn, dem 1. Januar 1976 an, getan hatte. Daß sie dafür angefeindet wurde, erschien mir damals ebenso selbstverständlich wie die Anfeindungen, die ich selbst aus dem gleichen Grund erfuhr – offen und mehr noch verdeckt. Diejenigen, die unbeirrt an dem Ziel der Einheit des deutschen Volkes festhielten und eine darauf zielende Politik forderten, konnten deshalb zwar nicht als verfassungsfeindlich diffamiert werden, denn die Wiedervereinigung war Auftrag des Grundgesetzes. Unpersonen waren sie dennoch, denn sie wurden als Neutralisten diffamiert und als Störfaktoren eines damals rasch entstehenden informellen Selbstverständnisses gesehen, das der „political correctness“. Erich Loest, der nach intellektueller Unbotmäßigkeit und jahrelanger DDR-Haft in die Bundesrepublik übergesiedelte linke Leipziger Romancier, hatte für diese Geisteshaltung, die ihm bereits in der DDR abverlangt worden war, noch einen deutschen Begriff geprägt, den des „vierten Zensors“, der im eigenen Kopf alle Gedanken daraufhin prüft und selektiert, ob sie vor denen des Systems Bestand haben würden, so daß die amtlichen drei Zensoren erst gar nicht aktiv werden müßten. Diesem „vierten Zensor“ hatte Loest getrotzt, und auch ich haßte ihn, je deutlicher ich den omnipräsenten Druck der „political correctness“ spürte. Ich suchte geradezu Gelegenheiten, gegen ihn demonstrativ zu verstoßen, um die Vertreter dieser Anmaßung und Zumutung zu provozieren. Und plötzlich stellte ich voller Überraschung, vor allem aber Genugtuung fest: Da waren noch andere, denen es genauso ging, die ihrer Neugier folgten und wichtige Themen unter dem ansonsten verpönten Gesichtspunkt der deutschen Interessen reflektierten. Kurz, die all das taten, was interessant, aufschlußreich und vor allem politisch „unkorrekt“ war. Diese Unbefangenheit kennzeichnete die JUNGE FREIHEIT von Anfang an. Die einzelnen Artikel, die ich damals beim Durchblättern der Zeitung als erste gelesen habe, sind vergessen. Der Grund meiner Neugier und vielfachen Zustimmung nicht. Er ist so zeitlos und aktuell, wie er es vor 20 Jahren war: die Sorge um Deutschland und seine Zukunft, die Heinrich Heines „Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht“ – leider – zeitlose Aktualität sichert. Einig mit dem Blatt und seinen Machern wußte ich mich auch in der Ächtung jeder Form von Willkürherrschaft, Rechtsbruch und Totalitarismus, gleichgültig ob es sich um die Massenmorde eines Hitler, eines Stalin oder „nur“ um den Rechtsbruch der Beibehaltung der „Bodenreform“ durch die Regierung Kohl handelte. Und von essentieller Bedeutung war von Anfang an selbstredend die Übereinstimmung in der Bewunderung für die Männer des 20. Juli 1944, denen der Versuch, das ihnen heilige Deutschland zu retten, das Opfer ihres Lebens wert war. Daß dies Distanz zu den vielen anderen schuf, denen Deutschland nichts weniger als „heilig“ (Stauffenberg) war, hatte ich gelernt – ebenso wie den politischen Spießrutenlauf der Ausgrenzung. Er dauerte für mich genau so lange, bis diejenigen, die die politische Lufthoheit in Bonn ausübten und für die die Wiedervereinigung außerhalb ihrer Wirklichkeit gelegen hatte, begannen, Bücher mit dem verräterischen Titel “ Ich habe die Einheit immer gewollt“ auf den Markt zu bringen. Den letzten Abschnitt dieses Weges bis 1989 konnte ich nun in Gesellschaft von Zeitgenossen zurücklegen, mit denen ich zwar nicht auf alle Fragen die gleiche Antwort zu geben hatte, mit denen ich aber den Standort gemeinsam hatte, von dem aus die politischen Dinge „mit Einheit aufgefaßt und beurteilt werden müssen“ – wenn man die Interessen der eigenen Nation einheitlich erfassen und sich vor Widersprüchen bewahren will – so, wie es uns Clausewitz ins Stammbuch geschrieben hat. Kurz, mit der JUNGEN FREIHEIT gemeinsam wanderte es sich seit Mitte der 1980er Jahre über die Höhen und durch die Täler deutscher Politik. Dafür an diesem Tag und aus diesem Anlaß Dank und Erfolg für die Zukunft. Karl Feldmeyer erhält im September dieses Jahres für sein Lebenswerk den renommierten Theodor-Wolff-Preis für Journalisten. Die Auszeichnung gilt als Gütesiegel für Qualitätsjournalismus. 1938 im schwäbischen Mindelheim geboren, studierte Feldmeyer Politische Wissenschaften und Geschichte. Von 1971 an arbeitete er bis zu seiner Pensionierung Ende 2004 als Parlamentskorrespondent für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Heute im Unruhestand ist der konservative Geist weiter als Autor tätig, unter anderem auch für die JUNGE FREIHEIT. Weitere Informationen, mit Fotos, Grafiken u.ä. finden Sie in der PDF-Datei „20 Jahre JUNGE FREIHEIT“. oder im Portal JUNGE FREIHEIT

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