Wasser predigen – Wein trinken

In gewisser Weise hat Frank Schirrmacher das Pferd von hinten aufgezäumt: Vor zwei Jahren wollte der FAZ-Mitherausgeber mit seinem Buch „Das Methusalem-Komplott“ eine „militante Revolution“ gegen die Diskriminierung des Alterns heraufbeschwören. Da war vom „Zwangssystem der Jugend“ die Rede und von der Notwendigkeit, das Altern – persönlich wie gesellschaftlich – als Chance zu erkennen. Die Konsequenz des Alterns, nämlich den Tod, trägt der Autor nun nach. Sein neues Buch „Minimum“ handelt vom Wert der Familie und vom dringenden Gebot einer Verjüngung unserer Gesellschaft – wobei er jenen konstruktivistischen Terminus wohlweislich gegen den konkreteren, engeren Begriff der „Gemeinschaft“ austauscht. Nicht jene erst zu definierende „Gesellschaft“ mit ihren globalen ökonomischen Implikationen ist es nämlich, die den Menschen in seinem innersten Kern trägt und ihm Halt gibt -jenes Netz muß enger gespannt werden in Zeiten, wo die anonymen sozialen Sicherungssysteme sich verschieben und zu kollabieren drohen. Nicht von ungefähr erfährt der neudeutsche Begriff der „Community“ in jüngster Zeit Konjunktur selbst in der Rede seriöser Nachrichtensendungen. Das alte Wort der „Gemeinschaft“ mag ungewollte Assoziationen mit völkischen Zusammenhängen erwecken; doch darum geht es auch Schirrmacher nicht. Der Ausweg aus der Individualisierungsfalle wird nicht national gesucht, hier scheint es in einer realexistierenden multikulturellen Gesellschaft keine Anknüpfungspunkte mehr zu geben – jedenfalls werden sie nicht bemüht. Das Postulat eines Zurück zur „evolutionären Urgewalt“ (Schirrmacher) ist kein Ruf nach Leitkultur, sondern nach familiärer Bindung. Selbstfindung legte die Fortpflanzung lahm Der Autor sieht „uns“, und damit dürfte er Deutschland meinen, angesichts der demographischen Misere einer extremen Ausnahmesituation gegenüber. Um Fragen des sogenannten Lebensstandards geht es ihm nur am Rande – die Implosion des Rentensystems haben längst andere vorgerechnet. Daß die Folgen der Vergreisung bislang primär vor dem Hintergrund ökonomischer Berechnungen für alptraumhafte Szenarien sorgten, kennzeichnet die Lücke, in die Schirrmacher sein Buch plaziert. Die Gefährdung durch wirtschaftliche Talfahrten ist das eine, vom Einzelnen schwer beeinflußbare: Zur hochriskanten Einbruchstelle ist die Familie selbst geworden. Über Jahrzehnte ist die Bedeutung der Familie von der „Schicksalsgemeinschaft“ zum Freudschen Kriegsschauplatz verkommen. Bis heute ist der analytische Blick auf Eltern-Kind-Beziehungen mit Augenmerk auf deren destruktive Kraft populär. Zum gleichen Trend darf man das „große Paargespräch“, jene emanzipatorischen Beziehungsdebatten, rechnen: Im Rahmen der Selbstfindung wurde die „Fortpflanzung lahmgelegt“. Schirrmacher nun will das „steinzeitliche Relikt“ Familie wieder hoffähig machen und von seinem angeblich spießigen Image lösen. Ihm geht es um das, was Familien menschlich leisten, an Hoffnung, Trost, Pflege, Zusammenhalt in der Not; kurz: um ihre solidarische Potenz. Schirrmacher plädiert für eine Renaissance der Familie als „Netzwerk“, „Überlebensfabrik“, „Urversicherungsanstalt“ und „Sozialisationsmaschine“. Eine rapide alternde Gesellschaft könnte in ihren heute gelebten Bahnen der Vereinzelung nur überleben, wenn man „Selbstlosigkeit“ oder Mitleidfähigkeit als anthropologische Konstante annehmen würde. Schirrmacher bezweifelt die Wahrscheinlichkeit von selbstlosem Handeln in einer Zeit, in der das Minimum dominiert: an Reserven, an Nachwuchs, an belastbaren Beziehungen. Verwandtschaftliche Bindungen werden es sein, die am Ende tragen, und selbst diese funktionieren eben nicht aus Selbstlosigkeit, sondern, so Schirrmacher, aus eigenem Interesse: Nichts weniger als das eigene Erbgut werde hier gepflegt. In jüngsten Interviews freilich – kaum eine Zeitung, die in diesen Tagen Schirrmacher kein Forum gibt – rudert er in diesem essentiellen Punkt zurück: Es gehe ihm nicht um die klassische Vater-Mutter-Kind-Familie, nicht einmal um blutsmäßige Bande, „Netzwerke“ und „Patenschaftsverhältnisse“ erfüllten den gleichen Zweck. Dieses Ausweichmanöver ist einigermaßen entlarvend: Im „Minimum“ weist er ausdrücklich halb- und stiefgeschwisterlichen Verhältnissen eine untergeordnete Wirkmächtigkeit nach. Formal ist „Minimum“ ein populärwissenschaftlicher Essay. Der Stil ist appellativ, dabei weitgehend ohne jene reißerische Aufdringlichkeit, die das „Methusalem-Komplott“ in weiten Teilen prägte. Seine These von der Gefährdung gerade des Einzelkämpfers – vulgo: Singles – und der demgegenüber steigenden Überlebenswahrscheinlichkeit des Sippenmitglieds handelt Schirrmacher entlang zahlreicher Studien und Fallbeispiele ab. Das kommt oft plakativ und allzu suggestiv daher und wirkt als Argument gelegentlich dürftig. Etwa die große Rahmenerzählung, die sich – inklusiver rätselhafter historischer Lageskizze – als roter Faden durch das Buch zieht und übermäßig Raum beansprucht. Es ist die Geschichte eines Trecks, der 1846 in der Sierra Nevada vom frühen Wintereinbruch überrascht wird: 81 Menschen, teils im Sippenverband, teils ohne familiären Anhang unterwegs. Monate harren die Siedler im Schnee aus. Hunger, Kälte, Streit: Das soziale Gerippe, das die Gruppe trägt, kommt zum Vorschein. Daß die alleinstehenden Jungmänner zu den ersten und zahlreichsten Opfern gehören, gerät zur Matrize für das gesamte Buch. Und ähnlich wird im folgenden vieles zum schlagenden Argument ausgerufen, was in Wahrheit weder verallgemeinerungsfähig noch direkt plausibel erscheint. Dazu zählen knallige Merksätze wie diese: „Liebe begünstigt Geburten, Arbeit vereitelt sie. Liebe kostet Geld, Arbeit bringt Geld.“ Als bliebe Liebe gerade heute nicht gern folgenlos, als sei es nicht eher die Arbeitslosigkeit, die Geburten verhindere! Viele der Thesen und Beweisführungen, die Schirrmacher mit einem gewissen Sensationsgestus darreicht, sind zudem weder neu noch umstritten; der ganze Komplex des Geburtenmangels dürfte dazu gehören. Das schadet nicht und wird nur fragwürdig, wo er sich widerspricht: Die umgreifende Berichterstattung über Promi-Babies sei eine mediale Reaktion auf die niedrige Fertilitätsrate, behauptet er, um an anderer Stelle – sehr einleuchtend – auf die Bedeutung der gängigen TV-Soaps und Telenovelas als „Familiensimulation“ hinzuweisen. Diese Serien, die durchweg nahezu völlig ohne Kinder und ohne „Normalfamilien“ auskommen, dienen als Rollenvorbild und familiäres Surrogat (die Serien-„Community“ als Ersatzfamilie) gleichermaßen: „Die Idee vom ungebundenen Einzelnen ist durch die elektronischen Medien zur Norm gemacht worden.“ Wo es gilt, Thesen eines Autors – und eben nicht die Person des Autors selbst – zu verhandeln, mag der Blick aufs Private eine Indiskretion sein. Hier aber, wo es um Demographie geht und um die Innensicht des sehr persönlichen Raums der Familie, ist das Private selbstredend politisch geworden. So will es ja Schirrmacher selbst. Da ist durchaus geboten, zu fragen, was jemanden veranlaßt, auf über 160 Seiten Gebärfaulheit und mangelnden Mut zu Kindern zu beklagen, der selbst per eigenem Beitrag – Schirrmacher hat einen vierzehnjährigen Sohn, der getrennt von ihm lebt – noch unter der bereits eklatant niedrigen Reproduktionsquote liegt. Man könnte dies eine Frechheit nennen: Hier predigt ein Weintrinker Wasser, oder eher: Da sammelt einer schlicht Debatten ein, die einfach wie Steine am Weg liegen – anders als andere, die den Tatbestand seit Jahrzehnten ungehört anprangern, hat er Zugang zu jenen Stellen, die schnöde Steine gegen Gold tauschen. Nun wäre Schirrmacher, Jahrgang 1959, altersmäßig durchaus in der Lage gewesen, der Frühjahrsbuchmesse eine Autobiographie zu bescheren. Doch ist strukturell, also über die leichte Verfügbarkeit von Institutionen zwecks großflächiger medialer Verbreitung, nach wie vor die Schirrmachersche Ein-Mann-Debattenfabrik (um die beliebte mechanistische Diktion des Autors aufzugreifen) funktionstüchtig. Flankiert durch eine Bild -Serie wurde schon sein „Methusalem-Komplott“ ein Bestseller: Bis heute gingen 700.000 Exemplare dieses buchgewordenen Alarmrufs über die Ladentische. Ähnliche Verkaufszahlen sind nun für das „Minimum“ zu erwarten. Gerade erschienen, ist die Erstauflage von 100.000 Stück bereits verkauft. Zu verdanken ist dies ebenfalls einer begleitenden Reihe in der Bild – die die Demographie-Debatte vermutlich als letztes Medienorgan nun für sich entdeckte: „Fakten zum Schocken, Staunen & Hoffen“ – sowie einer großen Titelgeschichte und einem Interview im Spiegel. Jene Netzwerke, die Schirrmacher familiär am Arbeiten sieht, funktionieren also – was Schirrmacher zumindest abschnittsweise in Frage stellt – tatsächlich auch jenseits blutsmäßiger Bindungen. Nun ist der Zeitungsmacher mit der 1A-Karriere aber nur ein Gott in einer polytheistischen Medienwelt, und das erklärt zumindest teilweise die überwiegend negative Rezeption des Traktats durch die Kollegen in anderen Redaktionen. Der Neidfaktor auf den Machtmenschen und Diskurspräger Schirrmacher dürfte bei manch geifernder Kritik eine Rolle gespielt haben – immerhin war schon Tage nach Erscheinen von der „Minimum-Debatte“ die Rede. Treffend wurde es in der Zeit als die eigentliche Kunst Schirrmachers genannt, „sich in Debatten zu drängen und diese zuzureiten“. Ein „Leckerbissen für Katastrophenliebhaber“ Bedenklich wird es überall dort, wo inhaltlich angegriffen wird. Das geschieht zahlreich und unisono mit ironischer Lässigkeit bis hin zum – politisch korrekten – Zynismus: Von einem „Leckerbissen für Katastrophenliebhaber“ ist da süffisant die Rede, den „Frank ‚Panik‘ Schirrmacher“ als „Hardcore-Demograph“ darreiche; es handele sich um eine unangemessene „Entgrenzung des Demographiethemas“, um „Familienfundamentalismus“, „reaktionäre Beunruhigung“ und „apokalyptisches Gepuder“. Es könnte sein, daß mit dem neuen Bestseller die ohnehin wogende Demographie-Debatte zu einem Gipfelpunkt geführt wird, der sie kippen läßt. Dann wäre wieder alles halb so schlimm und Kinderlosigkeit eben der neue Schick. Ganz am Rande übrigens sorgt eines für Verblüffung: daß gerade Schirrmacher, dessen Zeitung im Kampf gegen die Rechtschreibreform so deutlich die Vorreiterrolle unter den Leitmedien übernommen hatte, nun ein Buch vorlegt, das die neue Schreibweise sogar inklusive alternativ zu handhabender Getrenntschreibung („allein erziehend“) aufweist. Foto: Familien-Idyll: „Das Ideal“, so Schirrmacher, „begegnet uns eben nur mehr in Form der Karikatur.“ – Hier die Simpsons als einzige TV-Großfamilie Foto: Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. Karl Blessing Verlag, München 2006, 192 S., 16 Euro Foto: Frank Schirrmacher Stichwort: Frank Schirrmacher Geboren wurde Frank Schirrmacher am 5. September 1959 in Wiesbaden. Nach dem Studium der Germanistik und Anglistik in Heidelberg sowie der Philosophie und Literatur am Clare College in Cambridge promovierte er mit einer Arbeit über den amerikanischen Dekonstruktivismus zum Dr. phil. Seit dem 1. Juli 1985 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, leitete er von 1989 bis 1993 als Nachfolger Marcel Reich-Ranickis die Redak-tion Literatur und literarisches Leben. Seit Januar 1994 ist er einer der fünf Herausgeber der FAZ. In der JF 33/03 hieß es zu seinem Aufstieg, Schirrmacher habe „eine kometenhafte Karriere hinter sich, eine Biographie aber erst noch vor sich“. 2004 veröffentlichte er mit „Das Methusalem-Komplott“ ein vielbeachtetes Buch, das innerhalb von drei Monaten 18 Auflagen erreichte. Schirrmacher ist verheiratet und Vater eines 14jährigen Sohnes.

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