Nationalismus im Gepäck

Dogu Perincek ist eine Art Handelsreisender in Sachen Nationalismus. Der Türke ist der Führer der Arbeiterpartei in seinem Heimatland, einer Ein-Prozent-Splitterpartei. Bei seinen Landsleuten in Europa wird er tätig, um nationalistische Parolen zu verbreiten. Im vergangenen Jahr trat er mehrfach in der Schweiz auf. Er wurde angezeigt, weil er den Genozid an den Armeniern geleugnet haben soll. Die Staatsanwaltschaft hat ihn vernommen. Dreieinhalb Stunden lang. Laut der türkischen Zeitung Hürriyet nutzte Perincek dieses Verhör, um hinterher Stimmung zu machen: „Nach der Befragung veranstaltete Perincek eine Pressekonferenz und sagte: ‚Nicht der Staatsanwalt hat mich befragt, sondern ich ihn. Der Staatsanwalt Rolf Jäger fragte mich, ob ich in der Türkei behaupten kann, daß es ein Massaker an Armeniern ausgeübt worden ist. Ich erklärte ihm, daß es viele Menschen in der Türkei gibt, die das jeden Tag behaupten und daß niemand deswegen von Staatsanwälten befragt wird. Die Türkei ist ein freieres Land als die Schweiz‘.“ Vergangene Wochenende zog es den Politiker zu einem Marsch auf Berlin in die deutsche Hauptstadt. Für Berlin war es ein „normales“ Demo-Wochenende. In Charlottenburg demonstrierte die NPD gegen „französische Verhältnisse“. Die Linkspartei wiederum demonstrierte gegen die NPD. Im Bezirk Friedrichshain fand eine allgemeine Kundgebung „gegen Nazis“ statt und in Kreuzberg eine weitere gegen den Irak-Krieg. Verwaltungsgericht verhängt Auflagen Das Herausragende an der türkischen Demonstration war der Anlaß. Mit allen Mitteln hatten die Polizei und der Zentralrat der Armenier versucht, die Demonstration zu verhindern oder zumindest Perincek am Reden zu hindern. Das Oberverwaltungsgericht ist diesem Antrag zwar nicht gefolgt, machte den Veranstaltern aber Auflagen. Der Völkermord an den Armeniern darf nicht als Lüge (eine der Standardbehauptungen Perinceks) bezeichnet werden. So fordern die Demonstranten auf ihren Transparenten nur die Aufhebung der Türkei-kritischen Armenien-Resolution des Bundestages aus dem vergangenen Jahr oder schlichtweg: „Keine Chance dem Rassen-Haß, keine Chance dem Türken-Haß“. Türkische Rechte, die sich Anti-Rechts-Sprüche aus Deutschland zu eigen machen: Selten gab es pikantere Ironien als diese. Der Marsch auf Berlin, zu dem Perincek fünf Millionen Türken mobilisieren wollte, hat einen Jahrestag zum Anlaß. Vor 85 Jahren erschoß ein armenischer Student auf offener Straße den früheren türkischen Innenminister und Großwesir Talat Pascha. Talat, der für den Völkermord verantwortlich war, hatte sich nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches nach Berlin gerettet. Die türkischen Nationalisten behaupten, neue Beweise für ihre Thesen in Moskauer Archiven gefunden zu haben. Dabei bringen sie zwei Hauptargumente vor. Demnach habe es keinen Völkermord gegeben, vielmehr sei diese Behauptung „Rufmord“, heißt es in einer Propagandaschrift der Türken. Die christlichen Armenier seien lediglich „umgesiedelt“ worden. Bei bürgerkriegsähnlichen Unruhen seien 300.000 von ihnen ums Leben gekommen, während die „islamische Seite“ (Türken, Tscherkessen und Kurden) 500.000 Opfer zu beklagen gehabt habe. Eine ähnliche Haltung nimmt übrigens auch die türkische Regierung ein. Zudem, so ein weiteres Argument, waren die Armenier Kriegsteilnehmer auf Seite der Alliierten und hätten es daher nicht anders verdient. So zitieren die Türken in ihrer Kampfschrift, die sie am Rande der Demonstration verteilen ließen, Generalleutnant Bronsart von Schellendorf aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 24. Juli 1921: „Der uralte Zwist bekam neue Nahrung, als die Armenier während des großen Krieges einen gefährlichen Aufstand unternahmen … Da sich alle waffenfähigen Mohammedaner beim türkischen Heer befanden, war es den Armeniern leicht, unter der wehrlosen Bevölkerung eine entsetzliche Metzelei anzurichten.“ Es sei absolut notwendig gewesen, hart gegen die Armenier durchzugreifen, schrieb der deutsche Offizier weiter. Talat sei ein Staatsmann gewesen, kein Mörder, lautet das Fazit, das in krassem Gegensatz etwa zu dem Roman „Die vierzig Tage von Musa Dagh“ steht. In diesem Buch hat Franz Werfel – selbst Weltkriegsteilnehmer – die Übergriffe der Türken detailliert geschildert. Für türkische Nationalisten ist es nicht weiter als ein Lügenmärchen. Langsam, aber gut koordiniert zieht der Demonstrationszug durch Berlin, von der Urania über die Budapester Straße zum Zoologischen Garten. Und von dort zum Ernst-Reuther-Platz, wo bei leichtem Schneefall eine Abschlußkundgebung stattfindet. Keine Zwischenfälle – von kleineren Rempeleien am Rande einmal abgesehen. Insgesamt ist alles viel geordneter als beispielsweise bei den Demonstrationen gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen im Februar in Berlin. Es sind kaum verschleierte Frauen auszumachen. Der Personenkreis ist ein völlig anderer. Rechts und links von der Demonstration gehen Order und Einpeitscher mit Mikrofonen auf und ab. „Nieder mit den USA“, wird gerufen. Der Mann mit dem Mikro warnt vor der „imperialistischen Politik“ des Westen und behauptet, durch den Völkermord-Vorwurf werde die „Integration der Zuwanderer verhindert“. Trotzdem war die Demonstration für Perincek und seine Parteigänger eine Enttäuschung. Daran war der Parteichef selbst schuld. Er hatte an Frankreich erinnert und gefordert, die Europäer sollten aufhören, die Türken des Genozids zu bezichtigen, „wenn sie nicht wollen, daß ihre Städte in Flammen stehen“. Daraufhin hatten sich immer mehr türkische Sympathisanten distanziert. Statt fünf Millionen kamen schließlich nur rund 1.700 Türken. Foto: Demonstranten mit Transparent: Statt der angekündigte fünf Millionen Teilnehmer kamen rund 1.700 Foto: Perincek: Handelsreisender

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