Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Kulturarbeit

Wir freuen uns auf Deutschland“, erklärte auf deutsch Alexandre Guimarães, der Trainer Costa Ricas, des ersten deutschen Gruppengegners bei der Fußball-WM. Der gebürtige Brasilianer hat ein Jahr lang am Goethe-Institut Deutsch gelernt und dabei offenbar ein positives Deutschlandbild vermittelt bekommen. Was erwartet aber ausländische Gäste, wenn sie jetzt nach Deutschland kommen? Schon jetzt werden in Kick-Offs deutsche Volunteers auf den Ansturm vorbereitet. Für deutsche Fans gibt es Shirts zu kaufen, auf denen Germany und Football prangt und mit denen sie sich zum Fußballgucken in Public Viewing Areas begeben sollen, denn über das Ticketing gelangt ohnehin niemand in die Stadien. Die Welt zu Gast bei Anglizismenfreunden, werden die Gäste denken, teils verwundert, teils spöttelnd, teils gleichgültig. Angesichts der geringen Wertschätzung der eigenen Sprache ist es kein Wunder, daß Deutschland auch der Vermittlung deutscher Sprache und Kultur im Ausland keinen besonders hohen Wert beimißt. Die Regierung spart bei den Goethe-Instituten weiter massiv ein. Bereits in den neunziger Jahren hat die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik gemessen am Bruttoinlandsprodukt ein Drittel ihres Wertes verloren. Jetzt wurden weitere Sparmaßnahmen bekannt. „Die Kürzungen und die Streichungen haben ein Ausmaß angenommen, daß es an die Substanz geht“, meint Berthold Francke, Direktor des Stockholmer Goethe-Instituts. Andere Länder verfolgen eine bessere Sprachpolitik, stocken auf, statt zu schließen. Als Goethe-Institute in ehemaligen deutschen Kolonien schlossen, rückten in Namibia und Tansania sofort französische Institute nach. China will 42 Konfuzius-Institute in aller Welt eröffnen. „Natürlich sind Kulturarbeiter durchweg viel zu distinguiert, um von einer globalen Konkurrenz zu sprechen. Aber genau darum geht es. Um Einfluß, um Präsenz, um intellektuelle Interessensphären“, schreibt Heinrich Wefing in der FAZ. Die Kenntnis der deutschen Sprache kann ausschlaggebend dafür sein, Wirtschaftsbeziehungen nach Deutschland zu knüpfen. Goethe-Präsidentin Jutta Limbach („Englisch ist ein Muß“) sieht das ganz anders: „Des Goethe-Instituts vornehmste Funktion besteht darin, in Regionen und Staaten kulturell zu wirken, wo überhaupt erst ein gemeinsamer Verständigungshorizont erarbeitet werden muß, um Konflikte gewaltfrei zu lösen.“ Statt diesem völlig überzogenen und abgehobenen missionarischen Ansatz, als fünfte Kolonne des Weltfriedens wirken zu wollen, braucht die Arbeit der Goethe-Institute eine Wende um 180 Grad: Die staatlich geförderte deutsche Sprach- und Kulturpolitik im Ausland muß mit mehr Mitteln ausgestattet werden. Sie muß bestehende kulturelle Verbindungen aufrechterhalten und besonders dort neue knüpfen, wo wirtschaftliche Interessen bestehen. Außerdem müssen Deutschkurse kulturellen Projekten vorgezogen werden, da die Sprache der beste Zugang zur Kultur ist. Zugleich muß die Stellung der deutschen Sprache in internationalen Organisationen wie EU und Uno gestärkt werden. Aber auch im Inland gibt es viel zu tun: Die von den Kultusministern mutwillig zerstörte Einheit der Rechtschreibung ist eine Katastrophe für Deutschlerner. Ein Sprachvolk, das auf eigene Wörter verzichtet, strahlt zudem keine Anziehungskraft aus. Thomas Paulwitz ist Schriftleiter der „Deutschen Sprachwelt“ in Erlangen. Internet: www.deutsche-sprachwelt.de .

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