Europa und der Islam

Mit ungeheurer Wucht haben die Proteststürme in der moslemischen Welt wegen der Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung Jyllands-Posten die europäische Öffentlichkeit aus einem seligen Schlaf gerüttelt. Es ist, als sei in einer stickigen Wohnung die Tür geöffnet worden, als stieße ein starker Windstoß die schlecht verriegelten Fenster auf und eine Böe risse die auf dem Schreibtisch geordneten Blätter fort auf die Straße. Der Mord an dem linksliberalen Filmemacher Theo van Gogh, die wochenlangen Unruhen arabischer Einwandererkinder in den Ghettos französischer Städte, nun die Aufwallungen im Rahmen des Karikaturen-Streits: Sie haben aus dem fernen Orient einen nahen gemacht. Der Schriftsteller und Theaterautor Botho Strauß veröffentlichte jetzt im Spiegel einen Aufsatz („Der Konflikt“). Er skizziert den Übergang einer indifferenten Phase nach der Auflösung der Blockkonfrontation des Westens mit dem kommunistischen Sowjetreich zu einer neuen Polarisierung im Zuge der islamischen Herausforderung: „Der Konflikt ist nicht zu lösen, dafür aber fest umrissen und beendet die Periode der ’neuen Unübersichtlichkeit‘. Mit der westlichen Einfühlung in einen unüberwindlichen Antagonismus, sakral/säkular, ist die herrschende Beliebigkeit, sind Synkretismus und Gleich-Gültigkeit in eine Krise geraten. Vielleicht darf man sogar sagen: Wir haben sie hinter uns. Es war eine schwache Zeit!“ Ob wir dieser anbrechenden „starken Zeit“ gewachsen sind, ist fraglich. Deutschland und Europa, lendenlahm und feige geworden, stehen einer vitalistischen Kultur gegenüber, die schon lange nicht mehr vor den Toren Europas steht, sondern in den vergreisenden europäischen Metropolen in den nächsten Jahrzehnten die Bevölkerungsmehrheit stellen wird. Die „Ethnomorphose“ (Irenäus Eibl-Eibesfeld) Europas, einst als bizarres Hirngespinst rechter Populisten abgetan, dämmert nun unerbittlich über dem Kontinent herauf. Der politisch-geistigen Klasse, die noch bis vor kurzem Warnungen vor dieser Entwicklung höhnisch verächtlich gemacht und der volkspädagogischen Aufsicht von Verfassungsschutzämtern unterstellt hat, rutscht das Herz in die Hose. Jetzt will man es nicht gewesen sein, der diesen Schlamassel herbeigeführt hat. Der Leichengeruch der eigenen Kultur zieht durch die Straßen, während die Morgenröte des Islam anbricht. Verdutzt sehen die Habermas-Adepten der morbiden „Zivilgesellschaft“ auf eine Parallelwelt mit kraftvollen Werten: „Selbstverständlich ist es für den aufgeklärten Westeuropäer der Born der Finsternis, der dies Leben in der Gemeinschaft unterhält und gut organisiert“ (Botho Strauß). Der Dichter wünscht eine geistige Antwort auf diesen Konflikt. Doch woher soll sie kommen? FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher beklagte am Montag als Reaktion den demographischen Prozeß, der hinter dem islamischen Vormarsch in Europa steht. Doch er bleibt die konkrete Antwort schuldig. Er müßte dann den moralischen Bankrott der politischen Klasse beim Namen nennen, die Deutschland und Europa in diese vorhersehbare Krise geführt hat und unsere Kultur leichtfertig aufs Spiel setzte – für ein paar lächerliche fette, bequeme Jahre.

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